Corona-Pandemie: Mit Empathie gegen die Angst

8.10.2020

Dort, wo die Lage ohnehin schon angespannt ist, hat COVID-19 bestehende Sorgen oft verstärkt. Um dem entgegenzuwirken, rief das ZFD-Team in der Ukraine zusammen mit lokalen Partnern eine Online-Plattform zur psychosozialen Unterstützung ins Leben. Das sogenannte „Empathy Cafe Ukraine“ steht allen Interessierten offen. Auch die weiteren Projektaktivitäten sind derzeit vermehrt im virtuellen Raum angesiedelt.

Im Osten der Ukraine finden seit April 2014 bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten statt. UN-Schätzungen zufolge haben dabei bereits mehr als 13.000 Menschen ihr Leben verloren, darunter etwa 3.300 Zivilistinnen und Zivilisten. Über drei Millionen Menschen sind aus den umkämpften Gebieten geflohen. Seit dem 27. Juli 2020 gilt zwar offiziell eine erneute Waffenruhe; sie ist und bleibt allerdings brüchig. Im aktuellen Konfliktbarometer wird der gewaltsam ausgetragene Konflikt weiterhin als „begrenzter Krieg“ eingestuft.

Das gesellschaftliche Klima in der Ukraine ist nicht erst seit 2014 angespannt – doch seitdem hat es sich extrem verschärft: Differenzen zwischen lokaler Bevölkerung und Binnenvertriebenen, zwischen proeuropäischen und prorussischen Gruppen sowie zwischen Bevölkerung und staatlichen Institutionen gehen mit einem hohen Konfliktpotenzial einher. Viele Menschen haben das Vertrauen in die staatliche Ordnung verloren und setzen zunehmend auf das Recht des Stärkeren. Seit 2014 ist Schwelle zum Einsatz von Gewalt stark gesunken. Aufgrund des anhaltenden Konflikts in der Ostukraine, der prekären Wirtschaftslage und der innergesellschaftlichen Spannungen besteht die Gefahr einer gewaltsamen Eskalation auch in anderen Landesteilen.

COVID-19 hat bestehende Sorgen verstärkt

Die COVID-19-Pandemie hat noch mehr Öl ins Feuer gegossen. „Viele Menschen sind großem Stress ausgesetzt und haben Angst davor, ihren Job zu verlieren. Und sie machen sich Sorgen um ihre Gesundheit. Da haben sich viele Emotionen aufgebaut und dann in den sozialen Netzwerken entladen“, erläutert Alex Azarov, Projektberater im ZFD-Büro in Odessa, die Lage im Land. Am 3. März wurde die erste SARS-CoV-2-Infektion in der Ukraine bestätigt. Zwischen Mitte März und Mitte Mai galt ein strikter Lockdown, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu beschränken. Die Quarantänemaßnahmen haben viele Ukrainerinnen und Ukrainer hart getroffen.

Alex Azarov und seine Kolleginnen und Kollegen haben auf die neue Belastung durch COVID-19 umgehend reagiert. Aufgrund des Lockdowns waren sie selbst lange Zeit ins Homeoffice verbannt. Von dort haben sie ihre Arbeit fortgesetzt – zwangsläufig vermehrt über digitale Kanäle. Binnen weniger Wochen hat das ZFD-Team in Kooperation mit der Partnerorganisation „Zatsikavleni“ den Online-Kurs #Dobrosusid (dt.: gute Nachbarin/guter Nachbar) auf die Beine gestellt. Das bewährte Format der Gemeinwesenarbeit (vgl. unseren Beitrag Ukraine: Auf gute Nachbarschaft vom 14.1.20) wird hier im Kontext der COVID-19-Pandemie neu gedacht, um lokale Gemeinschaften auch in Zeiten der Corona-Krise unterstützen zu können.

ZFD hat die neuen Herausforderungen in die Arbeit integriert

Darüber hinaus hat das Team des ZFD-Trägers forumZFD eine Online-Plattform zur psychosozialen Unterstützung begründet. Bereits Anfang Juni wurden erste Online-Beratungen angeboten, die allen Interessierten offenstanden, die in einem geschützten Rahmen über ihre Ängste, Gedanken und Gefühle sprechen wollten. Die Nachfrage und der Unterstützungsbedarf waren so groß, dass anschließend der „Empathy August“ ins Leben gerufen. 19 vom ZFD geschulte Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner standen einen Monat lang für individuelle Chats, Gruppensitzungen und Seminare bereit. Seitdem wird das Angebot als „Empathy Cafe Ukraine“ aufrechterhalten. Die offene Facebookgruppe wird von der lokalen ZFD-Fachkraft Artem Sivak moderiert.

Vor kurzem wurden auch neue Initiativen in den Projektbereichen Vergangenheits- und Theaterarbeit sichtbar. Am 18.September fand in Kooperation mit den Partnerorganisationen „ART-Playback“ und „Theatre for Change“ und dem Regisseur Anton Romanov das „Internationale Online-Laboratorium Theatre on Borders“ statt. Auch hier ging es unter anderem um die Frage, wie partizipative Theatermethoden während der COVID-19-Pandemie weiterhin zur Konfliktbearbeitung eingesetzt werden können.

Der Projektbereich Vergangenheitsarbeit veranstaltete am 10. September ein weiteres Online-Symposium, diesmal zur Vergangenheitsarbeit in Kasachstan. Anschließend folgte eine Diskussion mit Bezug zur Erinnerungsarbeit in der Ukraine, die von der Historikerin Oksana Dovgopolova geleitet wurde. Dovgopolova hat gemeinsam mit dem forumZFD das Projekt „Vergangenheit.Zukunft.Kunst“ begründet. Die Corona-bedingte Verlagerung der Veranstaltungen ins Internet sieht Dovgopolova nicht nur negativ, da die Inhalte nun mehr Menschen zugänglich seien: „Vielleicht können nun auch unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in Nachbarregionen an den Diskussionen teilnehmen.“ Und vielleicht sind auch Sie an diesen und weiteren Aktivitäten des ZFD in der Ukraine interessiert. Eine gute Übersicht über das Engagement des ZFD in der Ukraine finden Sie in unserem Beitrag „Ukraine: Gerechtigkeit kennt keine Grenzen“ vom 17.7.2019.


Der Zivile Friedensdienst in der Ukraine: Der ZFD engagiert sich seit 2016 in der Ukraine. In der Hauptstadt Kiew und in der Schwarzmeer-Metropole Odessa wird die Zivilgesellschaft dabei unterstützt, den Dialog zwischen den gesellschaftlichen Kräften zu fördern. Dabei werden die bestehenden Spannungen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen genauso ins Visier genommen wie die Kommunikation zwischen Bevölkerung und kommunaler Verwaltung. Seit 2017 ist der ZFD auch im Osten der Ukraine vertreten, in den Regionen, die an die umkämpften Gebiete Donezk und Luhansk im Donbass grenzen, aber auch in den unter ukrainischer Kontrolle stehenden Gebieten in Donezk und Luhansk. Die Projekte in allen drei Regionen reichen von Bildungsarbeit über lokale Konfliktanalyse und -bearbeitung bis hin zu Vergangenheitsbewältigung und Kunstprojekten für soziale Veränderungen.

Quellen: forumZFD/Daniela Prugger, forumZFD.Ukraine, ZFD-Projektdatenbank; Fotos: forumZFD/Peter Tobiassen, forumZFD.Ukraine