Konfliktbarometer 2019: Welt unter Druck

13.3.2020

Die Ergebnisse des heute vom HIIK veröffentlichten Konfliktbarometers für 2019 verheißen nur auf den ersten Blick eine positive Entwicklung. Das Ausmaß politischer Konflikte ist in 2019 gegenüber dem Vorjahr etwas gesunken. Auch die Zahl der gewaltsam ausgetragenen Konflikte hat leicht abgenommen. Gleichwohl bleibt das Ausmaß der Gewalt besorgniserregend.

Nach Analyse des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) wurden im vergangenen Jahr 196 von 358 politischen Konflikten mit Gewalt ausgetragen. 2018 waren es noch 213 von insgesamt 372 Konflikten. Die Zahl der Kriege* ist von 16 auf 15 gesunken, die Zahl der sogenannten begrenzten Kriege* von 25 auf 23. Was auf den ersten Blick nach Entspannung aussieht, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir weiterhin in einer stark von Gewalt geprägten Zeit leben. Zwar ist ein numerischer Rückgang gewaltsamer Konflikte zu verzeichnen, die Verbreitung und das Ausmaß der Gewalt bleiben aber auf hohem Niveau.

Das ist auch in den Projektländern des Zivilen Friedensdienstes zu spüren – was die Arbeit vor Ort erschwert und zugleich umso wichtiger macht. Der Unabhängigkeitskonflikt Papuas in Indonesien beispielsweise eskalierte 2019 zu einem begrenzten Krieg. Im vergangenen Jahr gab es in der Region die schwersten Proteste seit Jahren. Bis zu 62 Menschen kamen dabei nach Angaben des HIIK ums Leben (vgl. unseren Beitrag Indonesien: Mehr (als) Worte für Gerechtigkeit). Auch die Lage in der DR Kongo hat sich 2019 insgesamt weiter zugespitzt: Zwei innerstaatliche gewaltsame Konflikte werden vom HIIK nunmehr als Kriege eingestuft (vgl. unseren Beitrag DR Kongo: Den Blick voraus). In Mexiko haben sich einige Konfliktherde entschärft, die bewaffneten Konflikte mit den Drogenkartellen müssen aber nach wie vor als Krieg eingestuft werden (vgl. unseren Beitrag Mexiko: Ein Hoch auf die Menschenrechte). 2019 wurde gar ein trauriger Rekord im Land verzeichnet: Die Mordrate war noch nie so hoch wie im vergangenen Jahr, schreiben die Autorinnen und Autoren des Konfliktbarometers.

Eine wesentliche Stärke des rund 190 Seiten umfassenden HIIK-Konfliktbarometers ist, dass es nicht nur die nackten Zahlen liefert, sondern auch auf die Hintergründe eingeht. Erst dadurch werden Veränderungen der weltweiten Kriegs- und Konfliktintensität und deren Einstufung nachvollziehbar. Die Detailanalyse zeigt darüber hinaus, wie komplex das Konfliktgeschehen in den jeweiligen Ländern und Regionen ist. In Myanmar wurden 2019 beispielsweise elf politische Konflikte beobachtet. Drei davon sind in ihrer Intensität zurückgegangen, drei andere hingegen haben sich gegenüber 2018 verschärft. Während sich die Lage im Kachin State etwas beruhigte, eskalierte der Konflikt im Rakhine State zu einem begrenzten Krieg. Vor diesem Hintergrund wird der Zivile Friedensdienst sein Engagement perspektivisch auch auf den Rakhine State ausdehnen. Neben den beiden bereits bestehenden Projekten in Myanmar (s. Projektdatenbank) befinden sich zwei weitere im Aufbau.

Selbstverständlich gibt es auch positive Entwicklungen aus dem vergangenen Jahr zu vermelden: So konnte der seit 1991 bestehende „Namensstreit“ zwischen Griechenland und Mazedonien beigelegt werden. „Nordmazedonien“ ist nun der offizielle Name, auf den sich beide Länder einigen konnten. Auf Mindanao, Philippinen, wurde nach zähen Verhandlungen die neue „Bangsamoro Autonomous Region in Muslim Mindanao“ (BARMM) eingerichtet. Am Ausmaß der Gewalt hat das allerdings bislang wenig geändert. In Äthiopien konnte die Konfliktlage weiter entspannt werden. Das liegt auch am Reformkurs des seit 2018 amtierenden Präsidenten Abiy Ahmed Ali. 2019 wurde ihm für seine Annäherung an Erzfeind Eritrea gar der Friedensnobelpreis verliehen. Und dennoch: Auch in Äthiopien waren trotz der unterm Strich verzeichneten Deeskalation mehr Regionen und mehr Bevölkerungsgruppen von gewaltsamen Konflikten betroffen als noch 2018. 

Die weltweite Konfliktlage bleibt somit trotz der leicht gesunkenen Zahlen im Konfliktbarometer angespannt. Dazu passt auch die Meldung, dass die weltweiten Waffenexporte weiter zunehmen. Ein Plus von 5,5 Prozent wurde zwischen 2015 und 2019 gegenüber dem Zeitraum von 2010 bis 2014 verbucht, wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri die Tage verkündete. Umso wichtiger also, dass wir weiterhin mit Nachdruck jene Kräfte stärken, die Gewalt eindämmen und Konflikte friedlich aus der Welt schaffen können! Und dass wir uns für mehr Mittel für zivile Konfliktbearbeitung stark machen!


Das „Conflict Barometer 2019“ wurde am heutigen Freitag, 13.3.2020, veröffentlicht. Es ist bereits die 28. Ausgabe der alljährlich erscheinenden Konfliktanalyse des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK). In die Bewertung fließen sowohl quantitative Daten, wie zum Beispiel die Anzahl von Geflüchteten und Todesopfern, als auch qualitative Bewertungen mit ein, unter anderem der Grad der Zerstörung von Infrastruktur, Wohnraum und Wirtschaft. Aus dieser Vielzahl an Einzeldaten ergibt sich schließlich die Klassifizierung eines politischen Konfliktes vom „Disput“ bis hin zum „Krieg“. Insgesamt werden die Einschätzungen von rund 200 ehrenamtlichen Mitarbeitenden erstellt.

Das „Conflict Barometer 2019“ steht ab sofort zum kostenlosen Download
auf der Internetseite des HIIK bereit (189 S., englisch, PDF, 11,74 MB).


* Definition laut HIIK: Ein politischer Konflikt wird als begrenzter Krieg eingestuft, wenn in diesem physische Gewalt gegen Personen und ggf. gegen Sachen durch mindestens einen der Akteure auf ausgeprägte Weise angewandt wird. Die eingesetzten Mittel und Folgen sind dabei in ihrem Zusammenspiel erheblich. Ein politischer Konflikt wird als Krieg eingestuft, wenn in diesem physische Gewalt gegen Personen und ggf. gegen Sachen durch mindestens einen der Akteure in massivem Ausmaß angewandt wird. Die eingesetzten Mittel und Folgen sind dabei in ihrem Zusammenspiel umfassend. Weitere Details zur Methodik und Arbeitsweise finden Sie hier.

Abbildung: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK): CONFLICT BAROMETER 2019