Ukraine: Auf gute Nachbarschaft

Die ukrainische NGO Zatsikavleni belebt mit ihrer „Summer School of Neighborhood Culture“ eine alte Tradition: der (Innen-) Hof als kommunikatives Zentrum der Nachbarschaft. Auf dem Lehrplan stehen Projektmanagement, PR und Frundraising und natürlich kommunikative Fertigkeiten. Zum Abschluss des ersten Ausbildungsgangs gab es ein großes Hof-Festival in Odessa: Die Trainees luden zum offenen Austausch auf 17 in der Stadt verteilte Höfe.

Es gab Zeiten, da war der Hof ein Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Odessa. Die Menschen aus der Nachbarschaft trafen sich, sie spielten, erzählten und diskutierten miteinander. Die verschiedenen Kulturen der Multikulti-Metropole Odessa prallten hier aufeinander und fanden doch im Wohl der nachbarschaftlichen Gemeinschaft ein gemeinsames Ziel. Der Zweite Weltkrieg und mehrere Wellen der sowjetischen Unterdrückung haben das soziale Gefüge der Stadt grundlegend verändert und zu einem Gefühl der Entfremdung beigetragen.

Die lokale Grassroots-Organisation Zatsikavleni [Ukrainisch: Зацікавлені; auf Deutsch: interessiert] und der Zivile Friedensdienst wollen mit ihrer „Schule der Nachbarschaftskultur“ dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Odessa zu stärken. Das gemeinsam entwickelte Fortbildungsprogramm schult lokale Aktivistinnen und Aktivisten umfassend in sozialraumorientierter Gemeinwesenarbeit. Die Trainees festigen ihre Fertigkeiten in Kommunikation und Konfliktbearbeitung, arbeiten an ihren Fähigkeiten im Projektmanagement, im Fundraisung, in der Öffentlichkeitsarbeit und der Kommunikation mit den Behörden.

Im Rahmen der Fortbildung entwickeln die Teilnehmenden konkrete Projektideen, wie sie einen bestimmten Hof zum öffentlichen Dialograum verwandeln können, der das soziale Klima im Viertel verbessert. Während der gesamten Planungs- und Projektphasen treffen sie sich regelmäßig mit ihren Hofgemeinden, um die Nachbarschaft (von Anfang an) einzubinden und den Gemeinschaftsgeist zu stärken. Bei der Umsetzung der sozialen Hof-Projekte stehen den Trainees erfahrene Mentorinnen und Mentoren beiseite.

Am 28. September 2019 fand als krönender Abschluss der „Summer School of Neighborhood Culture" das erste Hof-Festival in Odessa statt. Zehn Trainees sowie sieben weitere Aktivistinnen und Aktivisten öffneten ihre Höfe, präsentierten ihre Projektideen zur Belebung des „höfischen" Lebens und luden zu einem offenen Austausch ein. Zum Festival kam auch der Begründer des „Nachbarschaftstags", der französische Politiker Atanase Périfan. Das Hof-Projekt nahm Périfan zum Anlass, Odessa mit dem symbolischen Award „Freundliche und solidarische Stadt" auszuzeichnen. Périfan hatte 1999 erstmals in seinem Pariser Stadtviertel den „Tag der Nachbarschaft" initiiert. Über die Jahre hat sich die Idee auf der ganzen Welt verbreitet. Heute wird der Tag nach eigenen Angaben in 49 Ländern mit mehr als 30 Millionen Beteiligten gefeiert. 

Das Projekt der „Summer School of Neighborhood Culture“ inklusive Hof-Festival wurde von der Nichtregierungsorganisation Zatsikavleni in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des ZFD entwickelt und umgesetzt. Am Projekt beteiligt waren außerdem Mitglieder der Nichtregierungsorganisationen „Pixelated Realities“ und „Odessa Development Fund“. Weitere Unterstützung kam von der „Ukraine Confidence Building Initiative“ (USAID-Projekt in der Ukraine) und dem Referat für Kultur und Tourismus der Stadt Odessa.

 

Foto: NGO Zatsikavleni; Quelle: forumZFD