Philippinen: Das Gold glänzt nicht für alle

Goldabbau und Klimawandel bringen neue Konflikte

Die Philippinen sind eines der Länder mit dem höchsten Risiko für Klimakatastrophen. Die geographische Lage macht den Inselstaat anfällig für Tropenstürme, Vulkanausbrüche und Erdbeben. Vom Anstieg des Meeresspiegels und der Wassertemperatur sind insbesondere die Küstengebiete stark betroffen. In Kombination mit bestehenden Landkonflikten, schwindenden Ressourcen und grassierender Umweltverschmutzung befeuert der Klimawandel die Konfliktlage in vielen Regionen erheblich. Auch der Abbau von Bodenschätzen ist vielerorts mehr Fluch als Segen. Kurzfristig trägt er zum Wirtschaftswachstum bei. Doch die Auswirkungen auf die Umwelt sind massiv. Der Lebensraum der ansässigen Gemeinden wird stark beeinträchtigt oder gänzlich zerstört. Konflikte sind in den betroffenen Regionen programmiert – wie die folgende Reportage aus der Provinz Davao de Oro veranschaulicht. Dort schürt der Goldabbau Konflikte zwischen den indigenen Gemeinschaften der Kagan und Mansaka. Die Folgen des Klimawandels verschärfen die Lage zusätzlich. Der ZFD unterstützt in Davao de Oro die „Learned Kagan Muslim Foundation“ (LKMFI), die sich für eine gewaltfreie und konstruktive Bearbeitung der Konflikte und für mehr gemeinschaftlichen Umwelt- und Klimaschutz einsetzt.

DAS GOLD GLÄNZT NICHT FÜR ALLE

Wie eine indigene Bevölkerungsgruppe in den Philippinen mit den Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörung umgeht

Von Romer Sarmiento


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Für den 75-Jährigen Hadji Abdulrahman Diabo und die Kagan auf der südphilippinischen Insel Mindanao ist die Goldgewinnung zu einem Spannungspunkt in der Freundschaft mit dem benachbarten Volk der Mansaka geworden. Eine lokale Nichtregierungsorganisation versucht nun, die Wogen zu glätten und die ehemals harmonischen Beziehungen wiederherzustellen.

Die Kagan und die Mansaka leben in einer goldreichen Gegend, der Davao-Region. Passend wurde ihre Provinz Davao de Oro genannt; ‚oro‘ ist das spanische Wort für Gold. Das wertvolle Metall brachte so viel ein, dass kommunale Vertreterinnen und Vertreter sogar mit den Worten „Goldenen Tag“ anstelle von „Guten Tag“ grüßen. Bereits in den frühen Jahren der Besiedelung lebten die Kagan in Küstengebieten auf Mindanao. Das Volk konvertierte zum Islam. Mit der Christianisierung durch spanische Missionierende zu Beginn des 16. Jahrhunderts traten einige von ihnen zum Christentum über und nannten sich selbst ‚Mansaka‘. Von da an ließen sich die Mansaka in den höher gelegenen Gegenden nieder, während die Kagan in der Küsten- und Flussuferregion blieben. Jahrhundertelang lebten die beiden Völker in Harmonie und heirateten gar untereinander. Bis der Bergbau in den letzten Jahrzehnten ihre friedliche Koexistenz zerstörte.

Diabo steht dem Ältestenrat der Kagan in der Stadt Maco vor. Er hat Land auf der Insel Sanguwan geerbt, gelegen entlang des Hijo-Flusses, der in den weitläufigen, ressourcenreichen Davao-Golf mündet. Der Golf erstreckt sich entlang Dutzender Städte. Er ist Brutstätte für kleine und große ozeanische Fische und beheimatet gefährdete Arten wie Walhaie, Seekühe und Meeresschildkröten. „In meiner Kindheit war das Wasser im Hijo kristallklar. Wir haben daraus getrunken, darin gebadet und unsere Kleidung gewaschen“, erinnert sich Diabo von seiner Hütte aus, die nur wenige Meter vom Ufer entfernt steht. Der ganze Hijo, soweit er ihn von seinem Haus aus sehen kann, ist mittlerweile trüb. Das Flussbett ist durch das bräunliche Wasser gänzlich unsichtbar.

Für den traurigen Zustand des Flusses macht er den Abbau durch die großen Bergbaufirmen ebenso wie die kleineren illegalen Bergbauaktivitäten in den höher gelegenen Gegenden um die Stadt Maco verantwortlich. Diabo beschreibt den Bergbau „als den größten Bruch in unserem Leben“, da er sie des Trinkwassers, ihrer Hauptnahrungsquelle und ihres Lebensunterhalts beraubt. Die Trinkwasserbrunnen auf der Insel sind kontaminiert und die Fische, die sie als Nahrung und zum Verkauf auf dem Markt brauchen, sind knapp geworden.

„Früher war es leicht, Fisch für unsere Gemeindeversammlungen zu fangen. Wir luden unsere Freundinnen und Freunde von den Mansaka ein, mit uns zu feiern. Nur wenige Minuten nachdem wir die Angel ins Wasser warfen, war schon ein Fisch am Haken. Wir haben so viel gefangen, dass es selbst für die Feierlichkeiten zu viel war“, erzählt er. „Heute fängst du im Fluss nicht einmal Fisch für eine Mahlzeit, selbst wenn du den ganzen Tag angelst. Früher war das Wasser so klar, dass du die Fische im Flussbett schwimmen sehen konntest“, fügt er hinzu.

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Die Folgen des Klimawandels verschärfen die Konfliktlage

Nicht nur der Bergbau und die riesigen Bananen-Monokulturen, die in der Gegend verbreitet sind und zur Verschlammung des Hijo-Flusses beitragen, machen den indigenen Völkern zu schaffen. Auch der Klimawandel bringt völlig neue Herausforderungen mit sich. Diabo beklagt, dass einige Fischarten aufgrund der höheren Wassertemperatur – eine Folge der Erderwärmung – verschwunden sind. Gleichzeitig wird das Wetter, ob regnerisch oder trocken, immer unvorhersehbarer, was die Landwirtschaft stark belastet.

Dies wurde besonders während der Covid-19-Pandemie im letzten Jahr sichtbar. Die Kagan richteten eine Gemüsefarm und Fischteiche auf Sanguwan ein, um ihren Mitgliedern zu helfen, mit den Folgen der Pandemie fertig zu werden. Ziel des Projekts war es, die Menschen selbstständig zu machen und ihnen eine alternative Einkommensquelle zu bieten. Drei Hektar Land wurden für die gemeinschaftliche Gemüsefarm erschlossen. Die Teiche wurden angelegt, ohne die Mangrovenwälder zu stören, und mit Buntbarschen, Milchfischen und Krabben ausgestattet.

All diese Bemühungen wurden jäh zerstört, als der Hijo-Fluss infolge extremer Regengüsse über die Ufer trat. Für Diabo eindeutig ein Effekt des Klimawandels. Die Fluten wischten die Gemeinschafsfarm fort und spülten fast den gesamten Fischbestand aus den Teichen davon. Von 5.000 Milchfischsetzlingen konnten die Kagan lediglich 70 Kilo Fisch einbringen. Mindestens 5.000 Euro an Investitionen gingen durch die Überschwemmung verloren.

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Konflikt zwischen den indigenen Völkern

Der Goldabbau im Hochland um die Stadt Maco ist der Grund für Spannungen zwischen Kagan und Mansaka. Die Mansaka haben der Apex Mining Company, einer philippinischen Bergbaufirma, das Recht eingeräumt, auf Teilen ihres 100.000 Hektar großen Ahnenlandes zu operieren. Im Gegenzug erhalten die Mansaka eine Umsatzbeteiligung von der Firma. Auf der anderen Seite beanspruchen die Kagan 8.000 Hektar Land und 13.000 Hektar Wasser, einschließlich des Hijo-Flusses, als ihr angestammtes Gebiet. Die Kagan erhalten nichts von der Umsatzbeteiligung, die Apex an die Mansaka auszahlt.

Ruelo Deporkan, Mitglied der Kagan und indigener Repräsentant im Stadtrat von Maco im Juni 2021, beschreibt die Situation als „unfair für uns“. „Die Mansaka profitieren vom Bergbau, während die Kagan alle negativen Effekte zu spüren bekommen“, sagt er. Deporkan stellt aber auch klar, dass er Apex und die Bananenplantagen in Davao de Oro und dem benachbarten Davao del Norte nicht für die alleinigen Schuldigen der Flussverschmutzung hält. Als weitere Beispiele nennt er die illegalen Bergbauaktivitäten und selbstständigen Bananen-Bauern in der Region.

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‚Verantwortungsvoller Bergbau‘

Letztes Jahr, zum 50. Firmenjubiläum, veröffentlichte Apex seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht. Luis Sarmiento, Präsident und Geschäftsführer von Apex, beschrieb sein Unternehmen in einer Stellungnahme als „verantwortungsvolle Bergbaufirma“. Die Firma ist seit Jahren Spitzensteuerzahlerin der Stadt Maco und Arbeitgeberin für fast 2.000 Menschen. Die Verantwortung für die Umwelt „bleibe ihre höchste Priorität“, deshalb halte sie sich strikt an die staatlichen Bergbaubestimmungen, heißt es in dem Bericht. 2019 habe Apex etwa 1,48 Millionen Euro für verschiedenste Umweltschutzprogramme ausgegeben.

Deporkan weist darauf hin, dass den nationalen und lokalen Regierungen „die Interessen von großen Bergbauinvestorinnen und -investoren wichtiger“ seien als das Wohlergehen der Bevölkerung und der Umwelt, da sie enorme Steuereinnahmen bringen und Arbeitsplätze schaffen. „Die Regierung verschließt vor dem Problem des Hijo-Flusses die Augen“, fügt er hinzu, durch den Goldabbau im Hochland werde dessen Wasser braun bleiben. „Für uns Kagan war der Hijo unser Marktplatz und Quelle für traditionelle Medizin und Nahrung. Aber jetzt bringt der Fluss uns nur noch Krankheiten“, betont Deporkan. Die Regierung müsse dringend ihre Kontrollen verschärfen, um die Übeltäter der Flussverschmutzung festzunageln.

Ungleiche Machtverhältnisse

Während der letzten neun Jahre repräsentierten Mansaka die indigenen Völker im Stadtrat oder der lokalen Legislative. Erst seit diesem Jahr sind hier die Kagan durch Deporkan vertreten. Dennoch wollen die Mansaka ihren Sitz im Rat nach Ablauf von Deporkans Amtsperiode 2024 zurückgewinnen, da sie sich als die dominante Gruppe in der Gemeinde fühlen. Deporkan berichtet, dass die Kagan sich ein faires Rotationssystem wünschen, und hat einen entsprechenden Vorschlag zur Entscheidung durch die nationale Regierung eingereicht. „Die Kagan haben den Ratssitz der Mansaka über drei Amtsperioden akzeptiert, so zeigen wir ihnen unseren Respekt. Nun, da wir an der Reihe sind, erhoffen wir uns den gleichen Respekt von den Mansaka“, sagt er.

Während der drei Amtszeiten der Mansaka als indigene Vertretung seien die Kagan vermeintlich nicht beachtet worden, beklagt Deporkan, „so als gäbe es uns gar nicht“. Seine höchste Priorität sei nun, den Graben zwischen den beiden Völkern zu schließen. Er möchte Gespräche initiieren und Führungspersonen und Gemeinden der Mansaka besuchen. Als konkreten ersten Schritt stellte er legislative Beraterinnen und Berater von beiden Seiten ein, was es zuvor nicht gegeben hatte. „Die Kagan wollen Frieden und Verständigung mit den Mansaka. Ich möchte unsere einst harmonische Beziehung wieder herstellen, wie in den alten Zeiten“, betont er.

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Initiative für gewaltfreie Konflikttransformation

Mit seinem Bemühen um ein Wiederaufleben von Harmonie und Vertrauen zwischen den Kagan und Mansaka steht Deporkan nicht allein da. Er bekommt Unterstützung von der Learned Kagan Muslim Foundation, Inc. (LKMFI), einer etwa zwei Jahrzehnte alten Organisation mit mehr als 100 Mitgliedern, darunter auch junge Fachkräfte. Seit letztem Jahr arbeitet ZFD-Träger forumZFD mit der LKMFI zusammen, um den Frieden unter den indigenen Völkern und anderen Akteurinnen und Akteuren in der Provinz Davao de Oro zu fördern. Das gemeinsame Projekt beschäftigt sich mit der Förderung von gewaltfreier Konflikttransformation. Dabei stärkt das forumZFD die institutionellen Kapazitäten der LKMFI, Konflikte mithilfe von Dialogen beizulegen. Bevor konkrete Aktivitäten durchgeführt wurden, investierte das forumZFD viel Zeit, um die Grundlagen zu erarbeiten, insbesondere um das Vertrauen mit LKMFI und den Führungspersonen der Kagan aufzubauen.

„Unser Ziel ist es, Dialog zum bevorzugten Mittel der Konfliktbearbeitung zu machen“, sagt Gabrielle Sagaral, Projektreferentin des forumZFD. „Die Kagan setzen ihre eigenen indigenen Mechanismen zur Konfliktlösung für kleinere Konflikte innerhalb ihrer Gemeinschaften ein. Diese Mechanismen sind nur schwer auf größere, komplexere Konflikte – wie den Streit über die Umsatzbeteiligung aus dem Bergbau – übertragbar. Trotzdem bilden sie eine gute Basis, auf die das forumZFD aufbauen kann“, fügt sie hinzu. Das forumZFD ermutige die LKMFI dazu, so Sagaral, weitere Akteurinnen und Akteure in der Region in einer Art Brückenfunktion hinzuzuziehen, um den Konflikt zwischen Kagan und Mansaka beizulegen.

Abdul Rasad Sawat, zuständiger Geschäftsführer der LKMFI, ist überzeugt, dass Dialog ein guter Weg sei, mit Differenzen umzugehen, anstatt gewalttätige Konfrontation zu suchen. „Es gab bereits erste Gespräche zwischen uns und den Mansaka, nicht nur zur Frage der Umsatzbeteiligung großer Bergbauunternehmen“, sagt er. „Wir wollen unsere guten Beziehungen wiederherstellen, und zwar mit gewaltfreien Mitteln.“ Seiner Ansicht nach wäre es nur fair, wenn die Kagan einen Anteil an den Zahlungen aus dem Bergbau erhielten, da sie diejenigen sind, die mit voller Wucht von den negativen Auswirkungen des Goldabbaus in den Bergen betroffen sind. Sawat schlägt außerdem eine strenge Regulierung des Rohstoffabbaus vor, damit die Auswirkungen auf die Umwelt minimiert würden. „Während des Covid-19-Lockdowns letztes Jahr wurde das Wasser des Hijo für zwei Monate lang wieder glasklar, weil der Bergwerksbetrieb ausgesetzt war“, erzählt er. „Jung und Alt schwammen wieder gemeinsam in unserem Fluss wie früher, als das Wasser noch sauber war.“

Die LKMFI führt Veranstaltungen zu verantwortungsvollen Umweltpraktiken für ihre Gemeindemitglieder durch und bezieht sie in Baumpflanzprojekte und Küstenreinigungsaktionen ein, um die Umweltschutzmaßnahmen in der Region zu unterstützen. Diese Aktivitäten haben darüber hinaus zum Ziel, Kameradschaft zwischen den Gemeinschafen aufzubauen. Norhaiya Macusang, Mitglied der LKMFI, hat die Hoffnung, dass der Konflikt zwischen Kagan und Mansaka durch Dialog ausgeräumt werden kann. Das würde auf lange Sicht auch die ökologischen Probleme behandeln, vor denen die Völker stehen, insbesondere am Hijo-Fluss und den angrenzenden Küstengewässern. Sie ist der Meinung, dass mehr Menschen für den Wiederaufbau der zerstörten Natur in der Region motiviert werden können, wenn die Kagan und Mansaka ihre Differenzen erst beigelegt haben. Zum Beispiel durch gemeinsame Baum- oder Mangrovenpflanzungen und Aufräumaktionen an der Küste. Eine Zusammenarbeit der beiden Völker wird zu einem besseren Verständnis führen, wie Bergbau und Klimawandel sich auf die Menschen auswirken. Dann könnte auch eine ganzheitlichere Antwort auf die Problematik gefunden werden.

Auch Macusang erinnert sich sehr genau an den Hijo und die Küstenlinie, wo der Fluss in den Golf mündet. „In meiner Kindheit war das Küstenwasser an der Hijo-Mündung sehr klar. Wir sind in dem klaren Wasser geschwommen“, sagt Macusang. Sie ist die Tochter von Diabo, der dem Ältestenrat der Kagan vorsteht. Macusang hat heute eine eigene Familie. Sie wünscht sich, dass die mögliche Aussöhnung und Eintracht zwischen den beiden Völkern der Kagan und Mansaka helfen wird, ihre Umwelt besser zu machen.

Text & Fotos: Romer Sarmiento / forumZFD; Foto Header: forumZFD

Weitere Informationen

Der freie Journalist Romer Sarmiento von der Insel Mindanao/Philippinen setzt sich für Friedens- und Umweltthemen ein. Mit dem im Text genannten Präsidenten der Apex-Minengesellschaft Luis Sarmiento ist er nicht verwandt.

Der obige Beitrag erschien zuerst im englischsprachigen Original als Blog-Beitrag am 8. Oktober 2021 auf der Philippinen-Programmseite des ZFD-Trägers forumZFD. In deutscher Übersetzung wurde der Artikel im MAGAZIN 04/2021 des forumZFD veröffentlicht.

Mehr über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Konfliktlage in den Philippinen erfahren Sie im forumZFD-FactsheetKlimawandel und Konflikte in den Philippinen“.

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