"Heute wäge ich bewusster ab."

Frieden hat Vorrang

Tu Alid Alfonso ist Radiojournalist und Dokumentarfilmer aus Cotabato. Er arbeitet für die NGO „United Youth for Peace and Development“, eine der Mitgliedsorganisationen im KuMuNet, Partner des ZFD auf Mindanao. Im Interview schildert er, wie konfliktsensibler Journalismus Gewalt verhindert.

Sie haben eine Fortbildung in konfliktsensiblem Journalismus absolviert. Wie hat sich Ihre Wahrnehmung auf Konflikte dadurch verändert?

Ich habe 2013 an einer Weiterbildung zu konfliktsensiblen Journalismus teilgenommen. Sie wurde von KuMuNet, PECOJON und dem ZFD in Cotabato City organisiert. Der Workshop hat mir geholfen, Nachrichten ausgewogener und differenzierter aufzubereiten, was nur mit einer fundierten Analyse des Konfliktgeschehens und der beteiligten Akteure möglich ist.

Wie hat sich Ihre persönliche Berichterstattung im Anschluss an die Fortbildung verändert?

Heute wäge ich bewusster ab, welche positiven und negativen Botschaften durch meine Berichterstattung bei meinen Leserinnen und Hörern ankommen könnten. Ich stelle mir seitdem auch immer die Frage, was sie aus meiner Geschichte lernen können.

Welche Wirkungen bei den Zuhörerinnen und Zuhörern konnten dadurch Sie beobachten?

Meine Hörerinnen und Hörer äußern sich oft dankbar dafür, dass sie in meinem Programm neben den Hauptnachrichten auch noch Hintergrundinformationen über Dynamik und Ursachen der Konflikte erhalten. Einige haben mir sogar gesagt, dass sie ihre Vorurteile über ein bestimmtes Thema, das ich in der Sendung angepackt habe, berichtigt haben.

Inwiefern lässt sich durch eine konfliktsensible Berichterstattung Gewalt vorbeugen?

Ich glaube, sie hat viele meiner Hörerinnen und Hörer dazu gebracht, bewusst zu überlegen, was sie im Radio sagen oder online teilen. In meinem „News and Public Affairs Program“ bei Voice FM in Cotabato City geben sie ihren Mithörerinnen und -hörern beispielsweise freundliche Ratschläge, um „Ridos“ beizulegen (Anm. d. Red.: regionale Konflikte, die häufig zu Clan-Kriegen führen). Sie diskutieren, wie Gewalt vorgebeugt werden kann, wie Gesetze einzuhalten sind, und sie sprechen traditionelle Formen der Konfliktlösung an.

Gab es schon einmal eine Situation, in der Ihre Berichterstattung deeskaliert hat?

Ja. In der Provinz Maguindanao gab es einen Landkonflikt, in den angeblich die Rebellengruppen MNLF und MILF verstrickt waren. Einige Journalisten verbreiteten bereits diese Falschmeldung, dass es ein Konflikt zwischen den beiden Rebellengruppen sei. In unserer Berichterstattung stellten wir klar, dass es ein individueller Konflikt zwischen einzelnen Mitgliedern von MNLF und MILF war, die ihre Organisationen gar nicht ins Spiel gebracht hatten. Durch investigative Recherche und klare Fakten konnten wir mit einer solch konfliktsensiblen Berichterstattung verdeutlichen, dass die beiden Fronten nicht direkt in den Konflikt involviert waren. So haben wir weiteren Missverständnissen und Gewalt vorgebeugt. Zusätzlich haben wir in unserem Bericht diejenigen Akteure vorgestellt, die sich um eine friedliche Konfliktlösung bemühten: die Regionalregierung, Friedensaktivisten und die Zivilgesellschaft. Als die Streithähne erfuhren, dass es eine dritte Partei gibt, die den Konflikt friedlich moderieren will, zeigten sie sich erfreut und hoffnungsvoll, dass der Konflikt in Kürze friedlich beigelegt werden könnte.

Was müsste passieren, damit Medien den Frieden auf Mindanao fördern statt Konflikte zu verschärfen?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt zwei wichtige Herausforderungen. Erstens, egal wie sehr wir uns den Prinzipien konfliktsensibler Berichterstattung verschreiben: es hängt immer noch von den Interessen der Herausgeber ab, was und wie publiziert wird. Zweitens ist die allgemeine Öffentlichkeit immer noch empfänglicher für eine eher sensationsheischende Berichterstattung, in der Morde, Verbrechen, Sex und Gewalt hohen Nachrichtenwert haben. Die eigentliche Herausforderung für uns Praktiker konfliktsensibler Berichterstattung besteht darin, eine starke Lobby-Gruppe zu bilden, die den Dialog mit den Medienverantwortlichen aufnimmt, den Herausgebern, Verlegern und Chefredakteuren. Wir müssen darüber sprechen, warum es wichtig ist, umsichtig zu berichten und wie ihre Reporterinnen und Reporter dafür sensibilisiert werden können. Wir wollen auch erreichen, dass der Friedensprozess auf Mindanao in der Berichterstattung Vorrang hat.


Tu Alid Alfonso ist Radiojournalist und Dokumentarfilmer aus Cotabato. Der 38-Jährige arbeitet bei der NGO United Youth for Peace and Development, Mitglied im Kutawato Multimedia Network (KuMuNet).

Foto: Tu Alid Alfonso / UNYPAD