Von der Basis für die Basis

Was wirkt

„Wir brauchen mehr Menschen, die sich in der Friedens- und Bildungsarbeit engagieren“, sagt Souleymane Koné, Beauftragter für Friedenserziehung beim ZFD-Partner ORFED. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, wie die berechtigte Wut der Jugendlichen in friedliche Bahnen gelenkt werden kann und was sie vor Radikalisierung schützt.

Souleymane Koné ist bei der Nichtregierungsorganisation ORFED tätig. Er ist Beauftragter für Friedenserziehung und gute Regierungsführung in Gao. Koné arbeitet mit mehreren Organisationen der Zivilgesellschaft, mit Partnerschulen und Jugendorganisationen zusammen. Er gibt Trainings in gewaltfreier Konfliktbearbeitung und unterstützt seine Partner bei der Umsetzung ihrer Aktivitäten. Das Gespräch führte ZFD-Fachkraft François Tendeng im Dezember 2017 in Bamako.


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Wie ist die Situation der Jugendlichen im Norden Malis heute?

Die Situation der Jugendlichen ist gekennzeichnet durch Arbeitslosigkeit, schlechte bis fehlende Ausbildung und Armut. Hinzu kommt das Gefühl der Ohnmacht und Perspektivlosigkeit. Das Vertrauen in die Behörden und in die Politik schrumpft. Die nördlichen Regionen Malis bleiben in ihrer Entwicklung hinter den anderen Landesteilen zurück. Die meisten Jugendlichen aus dem Norden fühlen sich abgehängt und benachteiligt. Nicht selten hört man den Satz: „Der Norden gehört uns, hier machen wir was wir wollen.“ Der Frust geht mit einem hohen Gewaltpotential einher. Viele Jugendliche glauben, dass sich friedliches Engagement nicht lohnt. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass nur diejenigen von den ökonomischen Vorteilen der Demobilisierung profitiert haben, die während der Krise zu den Waffen griffen – sei es auf Seiten der Rebellen, sei es auf Seiten der Regierung. All das sind Gründe, warum sich viele Jugendliche bewaffneten Gruppen oder kriminellen Banden anschließen.

Wie gelingt es dennoch, gewaltbereite Jugendliche von friedlichem Engagement zu überzeugen?

Wir bringen Jugendliche mit gewaltfreier Konfliktbearbeitung in Berührung, um ihnen Handlungsalternativen aufzuzeigen. In unseren Workshops lernen sie, die Perspektiven der anderen einzunehmen und die Konfliktlage ausgewogen zu betrachten. Sie üben sich in Konfliktanalyse, gewaltfreier Kommunikation, Mediation und Verhandlung. Den meisten Jugendlichen sind gewaltfreier Widerstand und konstruktive Konfliktbearbeitung völlig fremd. Wir beobachten jedoch, dass sie ihre Einstellung auch radikal ändern: nach anfänglicher Skepsis sprudeln sie vor Ideen für gewaltfreie Wege aus Konflikten. Wir helfen ihnen, sich mit anderen Jugendgruppen zu vernetzen. So können sie ihre Kräfte bündeln und wirkungsvoller agieren.

Welche Erfolge und welche Herausforderungen gibt es in der Jugendarbeit?

Neue Möglichkeiten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung eröffnen den Jugendlichen neue Perspektiven. Sie agieren inzwischen sogar als Mediatorinnen und Mediatoren. Im April 2017 konnten beispielsweise Jugendliche aus dem Umfeld des „Conseil Régional de la Jeunesse de Gao“* erfolgreich in einem Konflikt zwischen Tuareg, Arabern und Songhai vermitteln. Die extrem schwierigen Lebensumstände sind eine große Hürde – für die Jugendlichen und für unsere Arbeit. Die meisten Jugendlichen sind anfällig für jegliche Form der Manipulation. Zu viele rutschen in die Kriminalität ab oder schließen sich gewaltbereiten Gruppen an. Auch Politik und Wirtschaft wollen die Jugendlichen für sich vereinnahmen. Die staatlichen Stellen vor Ort sind zu schwach, um dagegenzuhalten. Es gelingt ihnen zudem nicht, Arbeitsplätze zu schaffen. Auf der Suche nach Arbeit ziehen viele Jugendliche von Ort zu Ort und kappen die letzten Wurzeln, die ihnen noch Halt geben.

Was können Sie gegen die Radikalisierung der Jugendlichen tun?

Mit unserer Friedensarbeit beugen wir der Radikalisierung ein Stück weit vor. Wir verdeutlichen ihnen die Manipulationsversuche und zeigen ihnen, wie sie sich wehren können. Die wichtigste Grundlage hierfür ist eine vertrauensvolle und wertschätzende Beziehung. Darüber hinaus helfen wir den Jugendlichen, sich gewaltfrei Gehör zu verschaffen. Wir bringen sie mit lokalen und politischen Führungspersönlichkeiten in Kontakt, damit diese ihre Bedürfnisse kennenlernen und ernstnehmen. Wir setzen uns außerdem dafür ein, dass die Jugendlichen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die es ihnen ermöglichen, sich aus der Armut zu befreien.

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Welche Unterstützung brauchen Sie, um die Gewalt unter den Jugendlichen zu verringern?

Wir brauchen in Mali mehr Menschen, die sich in der Friedens- und Bildungsarbeit engagieren, die Ideen und Wissen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung verbreiten und damit Gewalt vorbeugen. Wir würden gern mehr vom Erfahrungsaustausch mit anderen Ländern profitieren. Was wirkt und hilft in anderen Ländern? Wie kann friedlicher Widerstand gestaltet werden? Wie können Rassismus und andere Formen der Diskriminierung bekämpft werden?

Wir selbst haben gute Erfahrungen mit dem Modell eines Friedensfonds gemacht. Über den Fonds werden Kleinprojekte und Aktivitäten unterstützt, die die gewaltfreie Konfliktbearbeitung auf Gemeindeebene voranbringen. Unsere Erkenntnisse der Friedensarbeit mittels Dialog, Konfliktbearbeitung und Versöhnung haben wir 2016 in der Publikation "Les Pratiques du Dialogue Intercommunautaire pour la Paix et la Réconciliation au Mali." (Anm.: Download unten) zusammengefasst. Die wichtigsten Lehren lassen sich in wenigen Worten zusammenfassen: zivile Konfliktbearbeitung vermitteln und verbreiten, lokale Initiativen stärken, den Benachteiligten Gehör verschaffen.

Damit Gewalt auch langfristig eingedämmt werden kann, braucht Mali mehr finanzielle Mittel für die zivile Friedensarbeit.


*In den letzten drei Jahren wurde insbesondere die Kooperation mit CRJ (Conseil Régional de la Jeunesse de Gao), dem Dachverband von rund dreißig regionalen Jugendgruppen, mit Sitz in Gao ausgebaut.

Fotos (von oben): EIRENE (2x), ORFED

Der ZFD engagiert sich in Mali in der informellen wie auch in der formalen Bildungsarbeit. Mehr darüber findet sich hier.

Mehr über die Arbeit von ORFED erfahren Sie im Interview mit Augustin Cissé, dem Generalsekretär der Organisation.