„Eine kleine Gruppe Jugendlicher (…) kann mehr zum Frieden beitragen als 1.000 Soldaten.“

Frieden ist der Weg

ZFD-Fachkraft François Tendeng sprach mit Augustin Cissé, Gründer und Generalsekretär der Partnerorganisation ORFED, über Krieg und Frieden in Mali.

2012 stürzte Mali in eine schwere Krise. Die internationale Gemeinschaft reagierte mit einer groß angelegten „Stabilisierungsmission“. Wie hat sich die Lage entwickelt?

2012 war in der Tat ein sehr schwieriges Jahr. Die demokratischen Institutionen sind zusammengebrochen. Die menschlichen und materiellen Schäden sind beträchtlich. Damals und auch in der Zeit nach der Krise brauchten wir militärische Unterstützung. Mali würde heute ohne diese militärische Intervention wahrscheinlich nicht mehr existieren. Doch wenn diese nicht konsequenter von Friedens- und Entwicklungsbemühungen begleitet wird, kommt Mali nicht aus der Krise heraus. Frieden kann nur erreicht werden, wenn an den strukturellen Ursachen der Konflikte in Mali und im Sahel gearbeitet wird: Armut, Hunger, Durst, Mangel an Infrastruktur, schlechte Verwaltung und unzureichende Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Die Frage der Sicherheit in Mali ist von zentraler Bedeutung. Sie wird aber stark auf den militärischen Aspekt reduziert. Was bedeutet das für den Frieden im Land?

Die militärische Option wird weder Frieden bringen noch Gewalt verhindern. Die Fokussierung auf das Militärische ist kontraproduktiv: Sie schränkt den Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft ein. Sie bindet Ressourcen, die sinnvoller eingesetzt werden könnten. Sie mehrt den Unmut der Bevölkerung. Es sind niemals die Waffen, die die Probleme lösen. Die Lösung von Konflikten ist eine zivilgesellschaftliche Aufgabe und keine militärische. Wir müssen dort ansetzen, wo die Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen. In Mali leben sehr viele unterschiedliche Gruppen auf engem Raum zusammen. Dies führt immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten. Hier kann die Zivilgesellschaft ihre Wirkung entfalten, indem sie die Menschen zusammenbringt und Konflikte friedlich regelt.

In Mali engagieren sich verschiedene Akteure für den Frieden. Was macht die Zusammenarbeit mit dem ZFD für Sie besonders?

In Mali engagieren sich seit 2012 viele Organisationen, die bisher keine Erfahrungen mit Friedensarbeit und kein Know-How in ziviler Konfliktbearbeitung haben. Oft geschieht das sehr amateurhaft, ohne die Ursachen der Konflikte in den Blick zu nehmen. Mit dem ZFD verfolgen wir seit 2007 einen umfassenden Ansatz der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung. Heute haben wir in allen Projektregionen Teams, die in Konfliktbearbeitung ausgebildet sind und dazu beitragen können, Gewalt zu verhindern. Mali braucht mehr davon. Wir brauchen kompetente lokale und zugleich kompetente internationale Organisationen, um nachhaltigen Frieden zu erlangen.

Welche Mittel und Maßnahmen bräuchte es, um weitere Gewalt zu verhindern und einem dauerhaften Frieden näherzukommen?

Es ist keine Frage der Mittel. Wenn man sieht, wie viel in die Ausbildung und Ausrüstung der Militärs investiert wird, wird klar, dass genug Geld vorhanden ist. Es wird nur falsch investiert. In Mali gibt es genügend Menschen und Organisationen, die sich für den Frieden einsetzen wollen. Die internationale Gemeinschaft ist aber zu sehr auf das Militär fixiert. Das entmutigt und schwächt die malische Zivilgesellschaft. Der Frieden muss sich von unten aufbauen. Wenn von Anfang an mehr Mittel in die Zivilgesellschaft investiert worden wären, wenn man lokale Organisationen gestärkt, geschult und finanziell unterstützt hätte, wären wir einem dauerhaften Frieden wesentlich näher als jetzt. Mit nur einem Viertel der Militärausgaben könnte man das ganze Potential der Zivilgesellschaft mobilisieren. Eine kleine Gruppe Jugendlicher in einem Stadtviertel kann mehr zum Frieden beitragen als 1.000 Soldaten. Davon bin ich zutiefst überzeugt.


Über ORFED: Die malische Nichtregierungsorganisation "Organisation pour la Réflexion, la Formation et l’Education à la Démocratie et au Développement" (Organisation für Reflexion, Bildung und Erziehung im Bereich Demokratie und Entwicklung) wurde 2004 gegründet. Sie hat sich als wichtiger Akteur der malischen Zivilgesellschaft für Frieden und Demokratie in Mali etabliert. Der ZFD arbeitet seit 2007 mit ORFED zusammen. Gemeinsam unterstützen sie lokale Friedensbündnisse in ganz Mali. Interviewpartner Augustin Cissé ist politischer Analyst, studierter Jurist und Soziologe sowie Gründer und Generalsekretär von ORFED.

Foto: François Tendeng / EIRENE