statt Auge um Auge

Seite an Seite

Wie können Menschen wieder friedlich miteinander leben, die sich früher bis aufs Blut bekämpft haben? Was muss passieren, damit sich eingefahrene Denkmuster und Vorurteile auflösen? Und wie ist es, gemeinsam mit der ehemaligen Feindin für Frieden einzutreten? Fatma Muhamed, Palästinenserin, und Lee Aldar, Israelin, berichten aus eigener Erfahrung.

Bei den Combatants for Peace engagieren sich Israelis und Palästinenserinnen und Palästinenser, die der Gewalt abgeschworen haben. Sie gehen wieder aufeinander zu, hören zu und verzeihen. Es gibt einen anderen Weg, davon sind sie überzeugt. Seite an Seite setzen sie sich für Frieden zwischen israelischer und palästinensischer Bevölkerung ein.

Wir stellen zwei dieser mutigen Persönlichkeiten mit ihren Geschichten vor: Fatma Muhamed, Palästinenserin, und Lee Aldar, Israelin.

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Die Geschichte von Fatma Muhamed, Palästinenserin

„Ich wurde vor 39 Jahren in Susya geboren. Meine Eltern, mein Großvater, meine Großmutter und viele Generationen vor ihnen wurden ebenfalls ins Susya geboren, das Dorf war unser Zuhause. 1986 wurden wir von den Israelis aus dem Dorf vertrieben und waren gezwungen, ein neues Leben auf unserem nahe gelegenen Ackerland aufzubauen. Bei unserem Dorf entstand eine israelische Siedlung. Das Leben in unmittelbarer Nähe zu dieser Siedlung ist nicht einfach. Belästigungen, Schikane, Anschwärzungen bei der Armee über Bauabweichungen, die zur wiederholten Zerstörung von Häusern führen, sind Alltag.

Ein Ereignis im Jahr 2000, als wir noch in Susya lebten, war besonders schwierig für meine Familie. An diesem Tag reisten wir nach Yata, nur meine älteste Schwester blieb allein zu Hause. Die Armee kam, um unser Haus zu zerstören. Meine Schwester hatte Angst, sie schrie und weigerte sich, das Haus zu verlassen. Sie wurde geschlagen und gewaltsam aus dem Haus gebracht, dann stand sie da und musste mit zusehen, wie das Haus abgerissen wurde. Als wir nach Hause kamen, waren nur noch Trümmer übrig. Ich kann mich noch an den langen Fußweg zur nächsten Schule erinnern. Es waren fünf Kilometer, die ich sehr früh am Morgen hin- und dann auch wieder zurücklaufen musste. Ich ging gerne zur Schule und studierte später an der Al-Quds-Universität in Hebron. Jetzt bin ich Sozialarbeiterin, habe einen Sohn und lebe in Yata, einer Stadt in der Nähe von Susya.

Ich glaube, dass es einen anderen Weg gibt. Ich glaube, dass die Gewalt beendet werden kann, dass Menschen frei sein können und dass wir hier in Frieden leben können.

Ich habe von Freunden von den Combatants for Peace gehört. Sie erzählten mir, dass sie Kontakt zu jüdischen Israelis haben. Ich wollte diese Israelis treffen. Ich wollte, dass sie sehen, dass wir nicht anders sind, dass wir auch Menschen sind, wie sie. Ich war froh darüber, dass sie an die gewaltlose Beendigung der Besatzung glauben. Die Bildung einer Frauengruppe ermutigte mich, der Bewegung beizutreten. Als Frau nehme ich die Gruppe als einen schützenden und unterstützenden Ort wahr, einen Ort, wo ich mich für das stark machen kann, an das ich glaube.“

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Die Geschichte von Lee Aldar, Israelin

„Als Enkelin von Holocaust-Überlebenden, die fast ihre gesamte Familie in Europa verloren haben, wuchs ich mit großer Dankbarkeit für den Staat Israel auf. Und mit dem Wissen, dass meine Familie ohne ihn keinen Platz in der Welt gehabt hätte, an dem sie sich sicher und zu Hause fühlen konnte. Die Schule und das Umfeld, in dem ich aufwuchs, vermittelten mir die Werte Toleranz, Gleichheit und Menschenwürde. Die Notwendigkeit, in der israelischen Armee zu dienen, um das Land zu verteidigen, wurde dabei als selbstverständlich vorausgesetzt.

Als ich 10 Jahre alt war, wanderte meine Familie nach Kanada aus. Anfangs hatte ich oft das Gefühl, Israel verteidigen zu müssen. Mit der Zeit begann ich, die Dinge auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. Ich merkte, dass es viele historische Fakten gab, die ich nicht kannte, und dass es Fragen gab, die selbst meine Eltern nicht beantworten konnten. Da ich in Kanada lebte, als ich 18 Jahre alt wurde, diente ich nie in der israelischen Armee, aber viele meiner Freunde haben gedient. Eines Morgens entdeckte ich das Bild eines alten Freundes aus meiner Kindheit, in Uniform, mit den Worten „Ruhe in Frieden“. Ich erinnerte mich an seine Stimme und sein Lachen, seine Familie und an alles, was er gerne gemacht hatte – aber in den Nachrichten waren nur sein Name und dieses Bild von ihm übrig, trockene Details, weiter nichts. Das machte mich wütend.

Im folgenden Sommer fuhr ich nach Israel, entschlossen, mit eigenen Augen zu sehen, was und wer auf „der anderen Seite“ des Konfliktes war. Ich nahm an einer Tour der Combatants for Peace im Westjordanland teil. Während ich ihren Geschichten lauschte, begriff ich, wie sehr unsere Leben voneinander beeinflusst waren. Ich dachte, solange unser Leid miteinander verknüpft ist – wenn auch nicht symmetrisch – solange würde auch unser Kampf andauern. Nach diesem Sommer entschied ich mich, nach Israel zurückzukehren. Mir war klar, dass ich hier nicht leben könnte, ohne mich aktiv dafür einzusetzen, die Realität zu verändern. Heute bin ich die israelische Koordinatorin der Combatants for Peace-Frauengruppe.“
 

Mehr Geschichten lesen Sie hier auf der Website der Combatants for Peace (auf Englisch).