„Keine Jugendkultur passt besser.“

Hip-Hop als Friedensarbeit?

ZFD-Programmkoordinator Kayed Sagalla arbeitet im Geflüchtetenlager Shu’fat mit palästinensischen Jugendlichen. Er stärkt sie darin, ihren Frust auf kreative Weise und gewaltfrei auszudrücken. Dabei setzt er auf Hip-Hop – und erhält prominente Unterstützung aus Deutschland.

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Aufwachsen im Schatten der Mauer

Das Geflüchtetenlager Shu’fat liegt im Stadtgebiet von Jerusalem, und doch außerhalb. Das Camp im gleichnamigen Viertel Ost-Jerusalems wird seit 2005 von einer hohen Mauer abgeriegelt. Auf engstem Raum und unter schwierigen Bedingungen leben hier rund 24.000 registrierte Geflüchtete. Insgesamt sind es jedoch etwa 80.000 Menschen, die in dem Gebiet leben, das umgangssprachlich „das Camp“ genannt wird. Die Atmosphäre ist angespannt; regelmäßig entzünden sich Konflikte.

Der Großteil der Menschen im Camp ist unter 15. Ihr Leben ist durch Armut, unzureichende Bildungs- und Freizeitangebote und Arbeitslosigkeit geprägt. Innerhalb der palästinensischen Gesellschaft gelten sie als „Ghetto Kids“. Leute von außerhalb des Camps begegnen ihnen mit Vorbehalten, oft genug auch mit Verachtung. Gleichzeitig spielen sie eine Rolle in der palästinensischen Widerstandsbewegung. Eine Besserung ihrer Lage ist nicht in Sicht. So machen sich unter den Jugendlichen Frust, Hoffnungslosigkeit und Wut breit; ein idealer Nährboden für Gewalt und Radikalisierung. Ein Netzwerk aus sieben Organisationen setzt dem etwas entgegen: Kreative Methoden und sportliche Angebote zeigen den Jugendlichen, wie sie konstruktiv mit Wut und Aggression umgehen können.

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Mit Ventil zum Ziel

In den ZFD-Workshops setzen sich die Jugendlichen mit ihrer Lage auseinander. „Wir versuchen die Kinder und Jugendlichen dazu zu bringen, ihre eigene Situation zu reflektieren, sich gewaltfrei auszudrücken und andere Wege zu finden, über ein Ventil Dampf abzulassen“, beschreibt Kayed Sagalla. Hip-Hop ist ein solches Ventil. Ich glaube, dass keine Jugendkultur besser zur Friedensarbeit passt als Hip-Hop“, sagt er. „Gerade mit den alten Prinzipien ‚peace, love, unity and having fun‘.* Zudem ist Rappen recht einfach, man lernt es schneller als Singen. Außerdem ist es in und gilt international als Sprachrohr der Benachteiligten.“

Khaled Abu Sheihk, Leiter der ZFD-Partnerorganisation „Palestinian Child Centre" kann den positiven Effekt bestätigen: „Ich habe die erste Intifada miterlebt, und ich habe die zweite Intifada gesehen. Ich habe gesehen, was Gewalt mit Menschen macht. Aber diese jungen Leute gehen einen anderen Weg. Sie machen Musik und reden über ihr Leben durch die Musik. Und einer von ihren Songs bedeutet mehr als diese ganzen Steine und diese ganze Gewalt.“

Wie das funktioniert, schildert Kayed Sagalla an einem konkreten Beispiel: Einmal stellte sich uns ein kleiner Junge vor und wollte Rapper werden. Ultrageiler Flow, aber inhaltlich total daneben, weil er davon redete, Leute abzustechen. Daraufhin gaben wir ihm einen Beat und ein Mikrofon, nahmen den Song auf, hörten ihn genau einmal an, löschten ihn und sagten: ‚Das gehört jetzt der Vergangenheit an.‘ So fing die Arbeit mit ihm an, und heute rappt er über sein Umfeld. Natürlich frontet er auch mal, aber seine Songs sind nun reflektiert und nicht mehr voller Gewalt. Es hat eine Transformation stattgefunden. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Respekt.“

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Prominente Wertschätzung

Respekt erfahren die Jugendlichen auch durch die regelmäßigen Konzerte. Hier stehen sie neben Profis aus der Hip-Hop-Szene auf der Bühne. Diese Anerkennung hilft ihnen, am gewaltfreien Protest festzuhalten. Außerdem kommen die „Ghetto Kids“ dabei mit anderen palästinensischen Jugendlichen aus Ost-Jerusalem und dem Westjordanland zusammen. Das baut Vorbehalte ab und befreit sie ein wenig aus ihrer Isolation.

Kayed Sagalla ist selbst in der Hip-Hop-Szene aktiv. Ihm ist es zu verdanken, dass auch Hip-Hop-Größen aus Deutschland ins Shu’fat-Camp kommen, darunter: Marteria, Megaloh und MoTrip. Das empfinden die Jugendlichen als enorme Wertschätzung. Zuletzt fand im September 2017 das Festival „Sawa Sawa“ (dt.: „gemeinsam, gemeinsam“) statt. Krönender Abschluss war das gemeinsame Konzert von Max Herre, Rapper aus Deutschland, und der Band Sawa Sawa Soundsystem, deren Mitglieder sich 2015 im Rahmen des ZFD-Projekts kennengelernt haben.

Im Mai 2018 wurde nun auch der erste Sawa-Sawa-Sampler veröffentlicht – mit Tracks von Max Herre, Megaloh, MoTrip, Marteria, MC Rene, Melbeatz zusammen mit dem Sawa Sawa Soundsystem. Und bald geht es auch auf Tour, wie Kayed Sagalla verrät: „Nächstes Jahr wollen wir von Sawa Sawa einen Stagetruck mieten und quer durch Palästina verschiedene Shows spielen – erstmals auch in Gaza. Außerdem wird wieder ein hochinteressanter MC aus Deutschland dabei sein.“ Ein Vorgeschmack findet sich schon jetzt auf Soundcloud.


Über Kayed Sagalla

ZFD-Programmkoordinator Kayed Sagalla (*1976) ist in Mönchengladbach geboren und aufgewachsen. Zum Informatikstudium zog er 1998 nach Mannheim – und von da aus nach Ost-Jerusalem. Bereits in Deutschland hat Kayed Sagalla mit Jugendlichen in Hip-Hop-Projekten gearbeitet (z.B. „Hip-Hop gegen Rechts“). Seit 2013 engagiert er sich als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes in Ost-Jerusalem, vor allem in Silwan und im Geflüchtetenlager Shu’fat. Seit 2016 koordiniert er das Gesamtprogramm des ZFD der GIZ in den palästinensischen Gebieten. Derzeit baut er auch die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen im Gazastreifen aus.


* Die Losung „Frieden, Liebe, Einklang und Spaß haben“ geht auf das Stück „Unity“ aus dem Jahre 1984 zurück, eine Kollaboration von James Brown und Afrika Bambaataa („The Godfather of Soul meets the Godfather of Hip Hop.“).

Fotos (von oben): GIZ/ZFD, Wikimedia Commons / MujaddaraGIZ/ZFD (2x)