Myanmar: Dekade der Zukunftsgestalter

15.4.2019

Am 9. April feierte die ZFD-Partnerorganisation Naushawng Development Institut (NDI) ihr zehnjähriges Bestehen. In diesem Jahrzehnt hat sich viel getan im Vielvölkerstaat Myanmar. Das ist auch das Verdienst des NDI. Die Initiative einer Handvoll Leute hat sich von 1999 bis heute zu einer einflussreichen Stimme der Zivilgesellschaft gemausert. Doch auch wenn viel erreicht wurde, gibt es noch jede Menge zu tun.

„Investiere in Bildung, um die Zukunft zu gestalten“, ist das Motto des Naushawng Development Institut (NDI). Die unabhängige Non-Profit-Organisation wurde am 9. April 2009 mit dem Ziel gegründet, Demokratie, Teilhabe und Entwicklung in Nord-Myanmar, anfangs vor allem im Bundesstaat Kachin, voranzubringen. Die Organisation setzt dabei auf Bildung, Forschung und Stärkung der Zivilgesellschaft. Im Bundesstaat Kachin leben mehrheitlich die Kachin, eine überwiegend christliche Minderheit. Daneben gibt es weitere 13 ethnische Gruppen. Vor zehn Jahren hatten diese allesamt kaum Zugang zu den Institutionen des staatlichen Bildungssystems, schon allein aufgrund der bestehenden Sprachbarriere: Dort wurde nur in der Amtssprache Birmanisch unterrichtet. Diese Lücke zu schließen, war eines der Hauptanliegen bei der Gründung der zunächst „Naushawng Education Network“ genannten Initiative.

Zum zehnten Geburtstag des NDI am 9. April 2019 gab es selbstverständlich eine kleine Festveranstaltung mit Ansprachen, Musik, Ausstellung und Buchpräsentation zur Geschichte des NDI von den Anfangstagen bis heute. Die Feier fand in der organisationseigenen Gemeindeschule („Naushawng Community School“) in Nawng Nang statt. Der Ort sagt bereits einiges über die Entwicklung der Organisation aus. Als das NDI vor zehn Jahren von einer Handvoll Aktivistinnen und Aktivisten gegründet wurde, waren der Zivilgesellschaft in Myanmar weitgehend die Hände gebunden. Einer der Mitbegründer erinnert sich: „Man kann den psychologischen Druck, dem wir in den Anfangsjahren ausgesetzt waren, gar nicht überschätzen. Wir lebten mit der Angst, dass wir inhaftiert werden oder dass uns Schlimmeres geschieht, ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit.“ Auch die finanziellen Mittel waren beschränkt. An ein eigenes Schulgebäude war damals nicht zu denken.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich das NDI von einer kleinen Initiative zu einer bedeutsamen und einflussreichen Organisation entwickelt, deren Wirkung inzwischen weit über den Kachin-Staat hinausreicht. NDI arbeitet längst in den Nachbarstaaten Mon und Shan State und findet auch darüber hinaus Gehör. In der „Naushawng Community School“ werden junge Menschen aus den umliegenden Dörfern und angrenzenden Geflüchtetencamps in Konfliktbearbeitung, Friedensförderung und gemeindeorientierter Arbeit geschult. Über 1.000 junge Erwachsene sind auf diese Weise bereits ausgebildet worden. 300 Alumni engagieren sich heute aktiv in ihren Kommunen für Frieden, soziale Gerechtigkeit und eine nachhaltige Entwicklung. Mit Weiterbildungskursen in Englisch, Entwicklungsstudien, Sozial- und Politikwissenschaften können sie sich an der Gemeindeschule zudem auf ein Studium vorbereiten. In den „Naushawng Learning Centers“ werden außerdem grundlegende Englischkurse angeboten. Derzeit unterhält die Organisation Lernzentren an vier Standorten im Kachin-Staat.

Darüber hinaus führt NDI Forschungsprojekte zu lokal relevanten gesellschaftlichen Problemen durch. So hat eine Studie die systematische Diskriminierung von jugendlichen Geflüchteten im staatlichen Bildungssystem aufgedeckt. Die Ergebnisse werden veröffentlicht und mit konkreten Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft verknüpft. Seit 2015 hat das NDI ganze zehn einschlägige Publikationen herausgegeben. Das zivilgesellschaftliche Engagement des NDI äußert sich aber nicht nur in Ausbildung und Forschung. Als im Kachin-Staat ab April 2018 der Konflikt zwischen Militär und der „Kachin Independent Army“ eskalierte, mobilisierte NDI friedliche Proteste in der Provinzhauptstadt Myitkyina (vgl. unseren Beitrag vom 14.6.2018). Tausende Zivilistinnen und Zivilisten waren seinerzeit im Kampfgebiet eingeschlossen. Die Demonstrierenden forderten ein Ende der Kampfhandlungen, freies Geleit der eingekesselten Zivilbevölkerung und eine Wiederaufnahme der Gespräche zwischen den Konfliktparteien, um den Frieden wiederherzustellen. Der Konflikt, der seit fast 60 Jahren andauert, hat insgesamt mehr als 100.000 Menschen zu Binnenvertriebenen gemacht, die seit Jahren in Geflüchtetencamps in den beiden Bundesstaaten Kachin und Shan ausharren. Deshalb bindet das NDI ganz gezielt auch Binnenvertriebene in seine Förderprogramme ein.

Mehr über die Kooperation zwischen NDI und ZFD und ein Factsheet finden Sie in unserem Dossier „20 Jahre ZFD“. Aktuelle Infos über die ZFD-Partnerorganisation Naushawng Development Institut (NDI) erfahren Sie auf dem NDI-Facebook-Account. Die Jubiläumsbroschüre zum zehnjährigen Bestehen des NDI können Sie auf der NDI-Website oder in unserer Publikationsdatenbank herunterladen.

 

Foto: Lukas Nagel, grafisches Konzept: steinrücke + ich, Layout: kippconcept