Konfliktbarometer 2020: Der Druck steigt

Das heute veröffentlichte „Konfliktbarometer 2020“ des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) zeigt, dass das vergangene Jahr bei weitem nicht allein von der Corona-Pandemie beherrscht war. Zwar verzeichnet das HIIK in etwa gleich viele politische Konflikte wie im Vorjahr, doch das Ausmaß der Gewalt ist in 2020 gestiegen. Von 359 Konflikten wurden 220 gewaltsam ausgetragen; 2019 waren es noch 196. Allein die Zahl der Kriege ist 2020 von 15 auf 21 angestiegen – und erreicht damit den bisher verzeichneten Höchstwert von 2014. Die Zahl der „begrenzten Kriege“ ist zwar von 23 auf 19 gesunken, dafür ist aber die Zahl der „gewaltsamen Krisen“ von 158 auf 180 angestiegen (die Erläuterung der HIIK-Begrifflichkeiten findet sich unten).

Zahl der Kriege ist weltweit von 15 auf 21 angestiegen

Anders als 2019 war die Region Afrika südlich der Sahara nach Einschätzung des HIIK 2020 Schauplatz der meisten kriegerischen Auseinandersetzungen. In der Sahel-Zone, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Mosambik, Somalia, Südsudan sowie Nigeria wurden insgesamt elf der 21 weltweit verzeichneten Kriege gezählt. Keiner der bereits 2019 beobachteten Kriege deeskalierte. Stattdessen werden fünf politische Konflikte nun als Krieg eingestuft.

Zwei neue Kriege wüten nach Bewertung des HIIK allein in Äthiopien. Während es 2019 noch berechtigte Hoffnung auf eine Entspannung im Land gab, ist die Situation in 2020 wieder eskaliert. Alle innerstaatlichen Konflikte haben deutlich an Schärfe zugelegt. Die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen um Vorherrschaft und Ressourcen werden nun als Krieg eingestuft. In Tigray, der Grenzregion zu Eritrea, wird seit November 2020 zudem ein neuer Krieg ausgetragen. Darin involviert sind die äthiopische und die eritreische Regierung gegen die in der Region vorherrschende Kraft, die Tigray People's Liberation Front (TPLF). Nach Angaben des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN OCHA) soll dies zur neuerlichen Vertreibung von schätzungsweise 220.000 Menschen geführt haben. Insgesamt waren Ende 2020 damit rund 1,8 Millionen Menschen als Geflüchtete im eigenen Land registriert. Vor diesem Hintergrund ist in Äthiopien im September 2020 ein neues ZFD-Projekt der BMZ-Sonderinitiative „Flucht“ auf den Weg gebracht worden.

2019 waren die meisten Kriege noch in der im Konfliktbarometer zusammengefassten Region Westasien, Nordafrika und Afghanistan (WANA) beobachtet worden. 2020 konnten gemäß HIIK politische Konflikte in Ägypten, Irak und Israel teilweise entschärft werden. Dennoch war die Lage in der Region mit sieben Kriegen auch 2020 äußerst angespannt, vor allem in Afghanistan, Syrien, Libyen und dem Jemen. Auch der Unabhängigkeitskonflikt zwischen türkischer Regierung und der kurdischen PKK sowie deren Splittergruppe TAK ging 2020 weiterhin mit einem Ausmaß an Gewalt einher, das für die Autorinnen und Autoren des Konfliktbarometers eine Einstufung als Krieg rechtfertigt. Die verbleibenden drei der 21 als Kriege eingestuften Konflikte wurden 2020 in Brasilien und Aserbaidschan sowie zwischen Armenien und Aserbaidschan beobachtet.

Einfluss von COVID-19 auf Zunahme der Gewalt bleibt unklar

Die Hoffnung, die Corona-Pandemie könnte bei allem Leid, das sie bringt, wenigstens dazu beitragen, politische Auseinandersetzungen zu entspannen, hat sich nicht erfüllt. UN-Generalsekretär António Guterres hatte angesichts der immensen Herausforderungen der Pandemie mehrfach zu einem globalen Waffenstillstand aufgerufen (vgl. Beitrag Corona-Pandemie: Friedensarbeit muss weitergehen vom 9.4.20). Mancherorts hat der Appell zeitweise Wirkung gezeigt. Doch unterm Strich blieb die Lage angespannt. Durch Corona-bedingte Grenzbeschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen sind nach Beobachtung des HIIK sogar einige zwischenstaatliche Konflikte angeheizt worden, so zum Beispiel zwischen Ruanda und Uganda oder auch zwischen Venezuela und Kolumbien.

Direkte Einflüsse der Corona-Pandemie auf das Konfliktgeschehen werden im Konfliktbarometer 2020 nur vereinzelt angegeben, so beispielsweise für die Ukraine. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten im Osten des Landes werden nach wie vor als begrenzter Krieg eingestuft. Die humanitäre Lage der Zivilbevölkerung in den Konfliktgebieten habe sich aber einem UN-Bericht zufolge durch die Pandemie erheblich verschlechtert, weil vielen der Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildungsangeboten und Sozialleistungen verwehrt blieb. Auch insgesamt habe die Pandemie zu einer Verschlechterung der Menschenrechtssituation beigetragen (vgl. Beitrag Corona-Pandemie: Mit Empathie gegen die Angst vom 8.10.20).

Da sich das Konfliktbarometer auf politische Konflikte konzentriert, wird die Zunahme häuslicher Gewalt, die vielerorts insbesondere während der Lockdown-Zeiten beobachtet wurde, nicht verzeichnet (vgl. Beitrag Farbe bekennen: #orangetheworld vom 25.11.20). Auch die mancherorts vermeldete Zunahme staatlicher Gewalt – etwa durch restriktive Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie oder zur Durchsetzung dieser Maßnahmen – wird im Konfliktbarometer nur ansatzweise abgebildet (vgl. Beitrag Kein Frieden ohne Menschenrechte vom 10.12.20).

Inwieweit die Corona-Pandemie somit auf die Gewaltanwendung in (politischen) Konflikten unmittelbar oder mittelbar beiträgt, lässt sich derzeit nur schwer beziffern. Ohne Frage ist das Konfliktpotenzial in Krisenzeiten erhöht. Inwieweit Konflikte jedoch eskalieren oder konstruktiv angegangen werden, hängt in hohem Maße davon ab, wie ausgeprägt und verbreitet wirkungsvolle Mechanismen der Konfliktbearbeitung im jeweiligen Land sind. Es muss weiterhin befürchtet werden, dass die schwerwiegenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen der Pandemie den Frieden in vielen Ländern langfristig gefährden. Doch ganz unabhängig davon, inwiefern COVID-19 und die Zunahme der Gewalt in 2020 zusammenhingen, zeigen die Ergebnisse des Konfliktbarometers 2020, dass zivile Friedensarbeit mehr denn je dringend geboten ist.


Das „Konfliktbarometer 2020“ wurde am heutigen Donnerstag, 25.3.2021, veröffentlicht. Es ist bereits die 29. Ausgabe der alljährlich erscheinenden Konfliktanalyse des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK). In die Bewertung fließen sowohl quantitative Daten, wie zum Beispiel die Anzahl von Geflüchteten und Todesopfern, als auch qualitative Bewertungen mit ein, unter anderem der Grad der Zerstörung von Infrastruktur, Wohnraum und Wirtschaft. Aus dieser Vielzahl an Einzeldaten ergibt sich schließlich die Klassifizierung eines politischen Konfliktes vom „Disput“ bis hin zum „Krieg“. Insgesamt werden die Einschätzungen von rund 200 ehrenamtlichen Mitarbeitenden erstellt.

Das „Conflict Barometer 2020“ steht ab sofort zum kostenlosen Download auf der Internetseite des HIIK bereit (200 S., englisch, PDF, 19,5 MB).


Definition gewaltsam ausgetragener Konflikte laut HIIK:

Ein politischer Konflikt wird als gewaltsame Krise eingestuft, wenn in diesem physische Gewalt gegen Personen – oder gegen Sachen, falls damit die physische Verletzung von Personen billigend in Kauf genommen wird – durch mindestens einen der Akteure sporadisch angewandt wird. Die eingesetzten Mittel und Folgen sind dabei in ihrem Zusammenspiel gering.

Ein politischer Konflikt wird als begrenzter Krieg eingestuft, wenn in diesem physische Gewalt gegen Personen und ggf. gegen Sachen durch mindestens einen der Akteure auf ausgeprägte Weise angewandt wird. Die eingesetzten Mittel und Folgen sind dabei in ihrem Zusammenspiel erheblich.

Ein politischer Konflikt wird als Krieg eingestuft, wenn in diesem physische Gewalt gegen Personen und ggf. gegen Sachen durch mindestens einen der Akteure in massivem Ausmaß angewandt wird. Die eingesetzten Mittel und Folgen sind dabei in ihrem Zusammenspiel umfassend.

Weitere Details zur Methodik und Arbeitsweise des HIIK finden Sie hier.

Abbildung: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK): CONFLICT BAROMETER 2020