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Kolumbien: Ohne Gewalt gegen Gewalt?

Jonas Rüger ist bei AGIAMONDO unter anderem für die ZFD-Programme in Kolumbien verantwortlich. Gerade von einer Dienstreise zurückgekehrt lässt er uns im Gespräch mit Nicola Quarz an den neuesten Entwicklungen und der Arbeit des Zivilen Friedensdienstes vor Ort teilhaben.

Der seit 1964 anhaltende bewaffnete Konflikt in Kolumbien gilt als der längste in Lateinamerika.  Worum geht es? Warum kommt das Land trotz Friedensabkommen nicht zur Ruhe?

Im Vordergrund stehen Kämpfe zwischen Polizei, Militär sowie verschiedenen bewaffneten Gruppen wie der ELN-Guerilla, FARC-Dissidenten und paramilitärischen Gruppen, die um Land, Ressourcen und Macht konkurrieren. Zwar wurde 2016 ein Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC, damals noch die mit Abstand größte bewaffnete Gruppe im Land, geschlossen, aber da der Staat es nicht geschafft hat, das nach der Demobilisierung der FARC entstandene Machtvakuum zu füllen, kommt es in den letzten Jahren wieder vermehrt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen öffentlichen Sicherheitskräften, abtrünnigen FARC-Splittergruppen und anderen illegalen bewaffneten Gruppen um die ehemals von den FARC kontrollierten Gebiete. Auch Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung vor allem durch die illegalen Akteure zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs und ökonomischer Interessen sind vor allem in entlegeneren ländlichen Gebiete wieder an der Tagesordnung.

Was hast du in Kolumbien gemacht? Was war der Anlass für Deine Reise?

Uns ist der persönliche Austausch mit den Partnerorganisationen vor Ort sehr wichtig. Es gab ein Treffen gemeinsam mit allen ZFD-Partner*innen. Dort haben wir uns zu Herausforderungen, erfolgreichen Strategien und Potentialen für die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Partnerorganisationen ausgetauscht. Diesmal durfte ich auch eine neue Partnerorganisation kennenlernen: die Sozialpastoral Popayán. Die Organisation begleitet lokale Friedensprozesse im Departement Cauca, einem der Brennpunkte des bewaffneten Konflikts.

Und die anderen Schwerpunkte?

Ein wichtiges Thema ist der Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und Gegenwart. Außerdem arbeiten wir zu Menschenrechten, Umweltkonflikten, Landnutzungskonflikten und fördern die Beteiligung Jugendlicher. Eine große Stärke des Zivilen Friedensdienstes ist in meinen Augen die Vielfalt der Ansätze und die braucht es auch und gerade in Kolumbien. Von strategischer Prozessbegleitung vor Gericht bis hin zu psychosozialen Angeboten für die vielen von Gewalt betroffenen Menschen.

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Kürzlich las ich mit Erschrecken den Bericht von Global Witness: Danach gab es letztes Jahr 124 registrierte Morde an Umweltschützer*innen. Kolumbien war mit 48 registrierten Todesopfern das gefährlichste Land für Aktivist*innen. In Teilen des Landes könne der Staat sein Gewaltmonopol nicht durchsetzen. Bei den Begriffen „Gewalt“ und „durchsetzen“ könnte man jetzt kritisch fragen: Was soll denn der Zivile Friedensdienst, der sich um gewaltfreie Konfliktbearbeitung bemüht, hier ausrichten? Oder positiv formuliert: Was kann der Zivile Friedensdienst aus Deiner Sicht gerade unter diesen Umständen bewirken?

Ja, die Lage ist ernst und die Dunkelziffer hoch. Nicht nur Umweltaktivist*innen, sondern auch Menschenrechtsverteidiger*innen und Sozialaktivist*innen leben gefährlich. Auch für viele unserer Partnerorganisationen gehört Bedrohung zum (Arbeits)Alltag. Und genau deshalb braucht es die gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Sozialer Zusammenhalt ist der beste Schutz. Denn 500 Unbewaffnete sind stärker als fünf Bewaffnete. Und sozialer Zusammenhalt wächst im Rahmen unserer Arbeit.

Es gibt einiges, was wir gegen die Gewalt unternehmen können. Die meisten Morde werden im ländlichen Raum verübt und bleiben unbemerkt. Wir können die Öffentlichkeit auf die Verbrechen aufmerksam machen, staatliche Schutzmaßnahmen einfordern und lokale Strategien des kollektiven Selbstschutzes unterstützen

Und wie macht Ihr das?

Der wichtigste Teil ist die Arbeit mit den Menschen vor Ort. Unsere Partnerorganisationen und Fachkräfte begleiten und beraten lokale Gemeinden dabei, Übergriffe anzuzeigen und eigene Schutzstrategien zu entwickeln, führen strategische Justizprozesse auf nationaler und internationaler Ebene, schaffen Räume für die Auseinandersetzung mit Traumata, gegenseitige Unterstützung und Selbsthilfe. Vor allem unsere kirchlichen Partner fungieren auch immer wieder als Garanten und Vermittler*innen in Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen.

Aber unsere Partnerorganisationen vernetzen sich auch im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, erstellen sowohl Pressemitteilungen als auch umfangreiche Berichte für die Weitergabe an nationale und internationale Akteure. Die Cooridnación Regional del Pacífico Colombiano erstellt zum Beispiel regelmäßige Berichte zur Lage in der besonders betroffenen Pazifikregion veröffentlicht, die auch international verbreitet werden. Außerdem organisieren wir Events für Jugendliche, bei denen wir Aufklärungsarbeit leisten, und unterstützen die Arbeit lokaler Radiosender und Social-Media-Initiativen.

Nochmal zurück in die Vergangenheit und hin zur Versöhnung. Was bedeutet Vergangenheitsarbeit für die Menschen vor Ort?

Sehr viel. Über Generationen traumatisierte Menschen sind durch die Aufarbeitung gewaltbelasteter Vergangenheit endlich wieder in der Lage, Vertrauen und gesunde Beziehungen aufzubauen. Ein Fundament für den so wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, über den wir gerade gesprochen haben. Das Centro Integral de Escucha der Sozialpastoral Apartadó zum Beispiel ist eine Anlaufstelle für von Gewalt Betroffene. Dort können sie sich miteinander austauschen und Wege kennenlernen, mit den Belastungen umzugehen.

Politisch gesehen hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Mit Gustavo Petro gibt es seit 2022 erstmals in der Geschichte des Landes einen linken Präsidenten. Wie ist die Stimmung im Land? Ist das auch im täglichen Leben spürbar?

An einigen Stellen hat die neue Regierung viel in Bewegung gebracht. So gibt es inzwischen mehr afro-kolumbianische und indigene Mitglieder in der Regierung und auf wichtigen öffentlichen Posten. Früher waren diese Gruppen kaum repräsentiert. An den gewaltsamen Konflikten in der Fläche hat sich allerdings eher wenig geändert.

Welche positiven Entwicklungen gibt es außerdem?

Einige! Die Schaffung der Übergangsjustiz, auf deren Grundlage viele Kriegsverbrechen vor allem gegen die Zivilbevölkerung aufgeklärt werden konnten. So haben zum Beispiel durch die Aussagen der Täter*innen, die sich der Übergangsjustiz gestellt haben, unzählige Familien von Opfern gewaltsamen Verschwindenlassens endlich Klarheit über das Schicksal ihrer Angehörigen, konnten angemessen trauern und Abschied nehmen. Auch bei der Entschädigung von Opfern gibt es Fortschritte. Außerdem gibt es einen großen Erfolg für den Umweltschutz: Der kolumbianische Verfassungsgerichtshof hat 2016 den Fluss Atrato als Rechtssubjekt anerkannt. Ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft der so gebeutelten Umwelt in Kolumbien.

Und auf lokaler Ebene passiert so viel. Ich finde es immer wieder beeindruckend, unter wie schwierigen Bedingungen so viele Menschen, die oft persönlich viel gelitten haben, nicht aufgeben und mit unglaublichem Mut und Beharrlichkeit jeden Tag kleine Wunder der Begegnung, Versöhnung und Heilung schaffen.


Interview: Nicola Quarz; Fotos: Jonas Rüger

Das Foto oben zeigt Jonas Rüger mit den ehemaligen Kolleg*innen Luciana Velasco und Joaquín González. Beide vertreten inzwischen ihre Heimatgemeinden als gewählte indigene Autoritäten.
Das Foto in der Textmitte zeigt den Sockel einer ehemaligen Statue des Conquistadors Sebastán de Belalcázar. Sie wurde 2020 von indigenen Gemeinden aus Protest gegen die Verherrlichung kolonialer Gewalt gestürzt. Der verbliebene Sockel ist inzwischen mit indigenen Symbolen verziert.

Mehr zum Zivilen Friedensdienst in Kolumbien gibt es in unserer Projektdatenbank.

Und hier ein Artikel speziell zum Centro Integral de Escucha.