Kenia: Mit Religionen Brücken bauen

ZFD-Fachkraft Matthias Eder und seine Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Interreligiösen Dialog und Islamstudien (IRDIS) in Nairobi bringen Menschen unterschiedlicher Religionen zusammen. Ihr Ziel: Neugier füreinander wecken, Vorurteile abbauen und religiöse Entscheiderinnen und Entscheider dazu bewegen, sich für ein konfliktfreies Miteinander von Ethnien und Glaubensgemeinschaften einzusetzen.

Bevor Matthias Eder den Gebetsraum der weiß-grünen Moschee in Nairobis Stadtviertel Embulbul betritt, zieht er gemäß den Regeln der muslimischen Gemeinde seine Schuhe aus. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Interreligiösen Dialog und Islamstudien, IRDIS, am katholischen Tangaza University College ist der Vertreter des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) heute hergekommen, um die Autoritäten der Gemeinde näher kennenzulernen. „Wir möchten uns begegnen, respektvoll und neugierig“, sagt Eder. „Und wir möchten herausfinden, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit es gibt, um Frieden und Verständigung in diesem Land zu stärken.“

Netzwerke zur Friedensförderung

Interreligiöser Dialog (IRD) als Instrument der Friedensarbeit ist ein Schwerpunkt des ZFD in Kenia. Es geht darum, Repräsentantinnen und Repräsentanten unterschiedlicher Religionen dazu zu bewegen, in einen gleichberechtigten konstruktiven Austausch miteinander zu treten. Das kann durch gemeinsame Aktivitäten, gegenseitige Besuch oder Gespräche gelingen, die dabei helfen, andere Glaubensgemeinschaften besser zu verstehen und vorherrschende Vorurteile abzubauen. Durch ihre Beteiligung am IRD sollen (inter-)religiöse Akteurinnen und Akteure außerdem dabei unterstützt werden, sich ihrer gesellschaftlichen Rolle und Verantwortung bewusstzuwerden und ihre Netzwerke effektiv zur Friedensförderung einzusetzen.

In der Mitte des lichtdurchfluteten Gebetssaals heißt der Imam die kleine Besuchergruppe willkommen und beantwortet die Fragen seiner Gäste. Mit dabei sind auch Vertreterinnen und Vertreter der Edmund-Rice-Stiftung, einer katholischen Menschenrechtsorganisation, die in Nairobi den Ausbau schulischer Bildung für Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Ethnien und Religionszugehörigkeiten betreibt. Der persönliche Kontakt mit den Muslimen in der Moschee fördere das Vertrauen untereinander, sagt Eder. Er diene aber auch der Vernetzung der Akteurinnen und Akteure – und heute konkret auch dazu, deren Kooperation mit dem IRDIS anzustoßen.

Zentrum des Interreligiösen Dialogs

Seit 2017 engagiert sich Matthias Eder in Kenia als ZFD-Fachkraft für interreligiösen Dialog und interreligiöse Bildungsarbeit, die in Partnerschaft mit den „Missionaries of Africa“ und dem Tangaza University College umgesetzt werden. Um den IRD als Werkzeug zur Friedensförderung bekannter zu machen und in den lokalen Bildungsstrukturen zu verankern, erarbeiten der gebürtige Österreicher und seine Kolleginnen und Kollegen akademische Programme, übernehmen Lehraufträge und organisieren Veranstaltungen wie Symposien und Kongresse zum Thema.

„Durch unsere Arbeit wollen wir zum einen Kleriker ansprechen“, sagt Eder, „aber auch Beschäftigte nationaler und internationaler Organisationen erreichen.“ Ziel ist es, einen Ort des Dialogs zu schaffen, an dem alle Aktivitäten aus Wissenschaft, Praxis und Vernetzung, die zur Verständigung der Religionen beitragen, zusammengehen. Die Eröffnung des IRDIS als offizielles Zentrum für Interreligiösen Dialog und Islamstudien am Tangaza University College im November 2019 war hierfür ein entscheidender Meilenstein.

Mehr lokale Kooperationen

Da das Institut national wie international bereits gut vernetzt ist, sollen vor allem die Kontakte zu lokalen Gruppen und Akteurinnen und Akteuren verstärkt werden, die in unmittelbarer Nähe zum Institut ansässig sind – so wie die Edmund-Rice-Stiftung und die muslimische Gemeinde in Embulbul. „Zum einen erhoffen wir uns dadurch mehr Räume, in denen unsere Studierenden oder auch unsere Kleriker interreligiösen Dialog betreiben und fördern können“, begründet Matthias Eder den lokalen Fokus. „Zum anderen braucht es Erfahrungen in der Praxis, um zu lernen und unsere Arbeit immer weiter zu verbessern.“

Was der konstruktive Austausch zwischen Glaubensgemeinschaften bewirken kann, zeigte sich bereits am Beispiel einer von Eder und seinen Kolleginnen und Kollegen initiierten Partnerschaft zwischen einer muslimischen und einer katholischen Universität in Kenia. Studierende beider Einrichtungen besuchten sich regelmäßig, gingen gemeinsam zu Gottesdiensten, trafen sich zu Gesprächen. „Dabei haben alle viel über ihre Gegenüber erfahren, haben Neugier entwickelt und Vorurteile revidiert“, sagt Eder. Am Ende ergab sich eine offizielle Kooperation zwischen den Unis, die bis heute besteht.

Interreligiosität leben

Damit Projekte wie diese erfolgreich sind, braucht es Zeit, Sensibilität und Initiative. Im Team von IRDIS helfen aber auch die persönlichen Kontakte der Kolleginnen und Kollegen und deren Kenntnisse über die Lebenswirklichkeiten der verschiedenen Glaubensgemeinschaften in Nairobi. Denn ebenso wie das Arbeitsfeld an sich ist auch die Gruppe der Mitarbeitenden im Institut von Interreligiosität geprägt. Drei Fachkräfte, darunter Matthias Eder, gehören der katholischen, eine Assistentin der protestantischen Konfession an. Ein Assistent ist Muslim.

„Das Treffen mit den Mitgliedern der muslimischen Gemeinde in Embulbul ging auf die Anregung unseres muslimischen Kollegen zurück“, erklärt Matthias Eder. Auf diese Weise bringe jeder und jede im Team ihre oder seine Qualitäten ein und lebe so genau das, was durch die Lobby- und Netzwerkarbeit, die akademischen Programme und Veranstaltungen des Instituts bewirkt werden solle: Den Brückenbau zwischen den Religionen.

Religion und Frieden

In der Moschee in Embulbul ist hierfür nun ein wichtiger Grundstein gelegt. Die Erwartungen der Partner wurden besprochen, die Ideen für eine zukünftige Zusammenarbeit ausgetauscht. Und noch etwas hat der Besuch bewirkt: „Wir haben uns kennengelernt, haben Erfahrungen aus dem Alltag und der Theologie geteilt und gemeinsam darüber gesprochen, welche Herausforderungen wir bei den aktuellen Konflikten im Land sehen, und welche Lösungen jede Gruppe anbieten kann“, resümiert Matthias Eder. So wird Verständigung zum Gemeinschaftsprojekt, mit dem sich alle Parteien identifizieren und bei dem die Anliegen aller Gehör finden.

Um den IRD vor allem in Nairobi, aber auch darüber hinaus voranzubringen, sind am IRDIS für die nächsten Jahre weitere lokale, aber auch internationale Kooperationen geplant. „Religionen können instrumentalisiert werden, um Konflikte anzufachen oder Menschen gegeneinander aufzubringen“, sagt Eder. „Sie können aber auch – und darin sehe ich das viel größere Potenzial – Menschen verbinden, Räume der Begegnung schaffen und Akzeptanz und Verständnis fördern.“ Genau diese Wirkung ist es, die den interreligiösen Dialog als Instrument der Friedensförderung für den ZFD und seine Partner so wertvoll macht.


Matthias Eder ist Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt internationale Beziehungen und war längere Zeit für die Vereinten Nationen tätig. Seit 2017 arbeitet Matthias Eder als ZFD-Fachkraft für interreligiösen Dialog und interreligiöse ‎Bildungsarbeit in Nairobi, Kenia. Dort war er in Partnerschaft mit den römisch-katholischen „Missionaries of Africa“ sowie dem Tangaza University College maßgeblich am Aufbau des 2019 gegründeten Instituts für Interreligiösen Dialog und Islamstudien, IRDIS, beteiligt. Informationen zur aktuellen Situation vor Ort finden Sie unter www.agiamondo.de/Matthias-Eder.

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Artikels Mit Religionen Brücken bauen – Interreligiöser Dialog als Instrument der Friedensförderung in Kenia“ von Eva Maria Helm, der in der Contacts 01/20 (S.4ff), dem Magazin des ZFD-Trägers AGIAMONDO, erschienen ist. Das Foto stammt von Florian Kopp.