Aktuelles
Kamerun: „Die Zukunft liegt in lokal getragenen Friedensprozessen“
31.07.2025Dr. Che Mfombong Howard ist Berater für Planung, Monitoring und Evaluierung beim Zivilen Friedensdienst der GIZ in Kamerun. Die ZFD-Partnerorganisationen und -Fachkräfte arbeiten in Kamerun in den Bereichen Dialogförderung, Teilhabe und psychische Gesundheit. Im Interview erzählt Dr. Che Mfombong Howard, welche Chancen in der Arbeit des Zivilen Friedensdienstes sieht, um zu einem nachhaltigem Frieden beizutragen.
Lieber Howard, dein beruflicher Weg umfasst Bildung, Theologie und Wissenschaft. Was hat dich dazu inspiriert, dich dem Zivilen Friedensdienst anzuschließen – und was bedeutet diese Arbeit für dich persönlich?
Mein beruflicher Weg war stets von einem tiefen Glauben an Friedensarbeit, Mitgefühl und Dienst an der Menschheit geprägt. Nach dem Abitur studierte ich Philosophie und Theologie – eine Zeit, die mein Engagement für Menschenwürde und Gerechtigkeit nachhaltig prägte.
Später absolvierte ich einen Master in Menschenrechte und humanitärer Hilfe mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktmanagement. In dieser Zeit arbeitete ich als Forscher im Büro des Premierministers und entdeckte mein Interesse für praxisnahe Friedensarbeit vor Ort.
Beruflich sammelte ich Erfahrungen als Koordinator für Monitoring & Evaluation bei Catholic Relief Services, wo ich Projekte zur Stärkung der Resilienz von HIV-betroffenen Kindern betreute. Zudem war ich als Berater für das Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration ehemaliger Soldaten tätig – ein Engagement, das mir die Komplexität von Friedensarbeit auf lokaler Ebene besonders deutlich machte.
Nach einer Weiterbildung in Deutschland im Bereich Monitoring und Evaluation promovierte ich in Friedens- und Konfliktforschung. Mein Thema: „Bildung und Friedenskultur in Kamerun“. Gleichzeitig studierte ich kommunale Verwaltungsführung und absolvierte sogar einen militärischen Vorbereitungskurs – ein ungewöhnlicher, aber lehrreicher Abschnitt meines Weges.
All diese Erfahrungen wollte ich in einer strukturierten, internationalen Friedensarbeit bündeln. So stieß ich auf den Zivilen Friedensdienst. Seit Januar 2024 bin ich hier als Berater tätig. Für mich ist das die ideale Verbindung von akademischem Wissen und praktischer Erfahrung – und eine persönliche Berufung, um zu nachhaltigem Frieden beizutragen.
Bei all deiner Berufserfahrung – was ist für dich das Besondere am ZFD-Ansatz zur Konflikttransformation in Kamerun?
Was mich besonders beeindruckt, ist der partizipative und inklusive Ansatz des ZFD – insbesondere die enge Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Planung und Umsetzung. Dieses Programm wird wirklich mit, von und für die Menschen gestaltet. Es geht nicht darum, externe Lösungen zu bringen, sondern die lokalen Akteure zu befähigen, ihre eigenen Antworten zu entwickeln. Das schafft echtes Vertrauen und nachhaltige Wirkung.
Was den ZFD außerdem besonders macht, ist der bewusste Verzicht auf ein Top-down-Modell. Für manche lokalen Partner ist das anfangs ungewohnt – viele sind andere Förderlogiken gewohnt. Aber dieser Ansatz stärkt lokale Kapazitäten, fördert Selbstwirksamkeit und hilft, Abhängigkeiten zu überwinden.
Welche Rolle spielen junge Menschen in den Friedensprozessen in Kamerun? Und wie wirkt sich Desinformation auf ihre Beteiligung aus?
Kameruns soziales und politisches Klima ist stark von politischen Dynamiken geprägt – besonders im öffentlichen Sektor. Das erschwert oft die Einschätzung, ob sich junge Menschen aus echter Überzeugung oder aus politischer Motivation für Friedensprozesse engagieren. Dennoch sehe ich viele junge Menschen, die sich aktiv und ehrlich für Frieden und Entwicklung einsetzen.
Ein großes Hindernis ist Desinformation. Vielen Jugendlichen fehlen die Werkzeuge, um Informationen kritisch zu hinterfragen. In Zeiten von Social Media und Künstlicher Intelligenz verbreiten sich Fake News rasant – und wirken oft glaubwürdig. Deshalb braucht es dringend mehr Medienkompetenz und gezielte Initiativen zur Bekämpfung von Desinformation. Ohne das wird Friedensarbeit kaum nachhaltig möglich sein.
Welche Fortschritte beobachtest du durch die ZFD Arbeit vor Ort?
Veränderung ist selten sofort sichtbar – aber die ersten Impulse sind klar erkennbar. Besonders wirkungsvoll finde ich die „School of Dialogue“ – ein ursprünglich in Bolivien entwickelter Ansatz, der nun auf Kamerun übertragen wurde. Durch kreative Methoden wie Theater und Kunst werden reale Geschichten erzählt, um Bewusstsein für die aktuelle Krise zu schaffen. Das schließt Informationslücken und gibt den Betroffenen eine Stimme – ein starkes Mittel gegen Desinformation.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Zusammenarbeit mit traditionellen Autoritäten. Gemeinsam beleben wir lokale, kulturell verankerte Konfliktlösungsmechanismen neu – ein entscheidender Beitrag zur Akzeptanz und Nachhaltigkeit. Auch die Arbeit mit kommunalen Polizeikräften und Motorrad-Taxifahrern - den „Taximen“ - ist bemerkenswert. Durch gegenseitiges Verständnis und klare Rollendefinitionen wird ein harmonischeres Miteinander gefördert.
Besonders freue ich mich über das wachsende Engagement junger Menschen. In vielen Gemeinden leiten sie lokale Dialogformate, bringen sich aktiv in Entscheidungsprozesse ein und wirken an der Konfliktlösung mit. Das zeigt, welches Potenzial in der Jugend für Frieden und gute Regierungsführung steckt.
Was wünschst du dir für die Zukunft des ZFD in Kamerun?
Ich wünsche mir, dass der ZFD seine tiefe Verankerung in lokalen Strukturen weiter ausbaut und seinen menschenzentrierten Ansatz beibehält. Ein besonderes Anliegen ist mir, junge Menschen im Umgang mit Desinformation zu stärken – durch gezielte Medienbildung und digitale Aufklärung.
Außerdem wünsche ich mir mehr Räume für generationenübergreifenden Dialog und stärkere Kooperationen mit kommunalen Verwaltungen. Mein Ziel ist es, Friedensarbeit langfristig als festen Bestandteil öffentlicher Strukturen zu verankern.
Die Zukunft Kameruns liegt in inklusiven, lokal getragenen Friedensprozessen. Der ZFD ist auf einem vielversprechenden Weg – und ich bin dankbar, ein Teil davon zu sein.
Interview: Judith Waßmann
Das Interview stammt aus dem GIZ ZFDinfo Newsletter, Ausgabe Nr. 20, Mai 2025.
Mehr über die Arbeit des ZFD-Trägers GIZ in Kamerun erfahren Sie auch in unserer Projektdatenbank.
