Jordanien: Lokale Wege der Konfliktbearbeitung

Wenn es darum geht, Konflikte gewaltfrei und gemeinschaftlich beizulegen, berücksichtigen der Zivile Friedensdienst und seine lokalen Partner wo immer es möglich und sinnvoll erscheint, auch traditionelle Wege der Konfliktlösung. Jana Abdo, lokale ZFD-Fachkraft in Jordanien, geht im Beitrag dieser Woche der Frage nach, inwieweit die uralte beduinische Praxis der Kaffeezeremonie zur Bearbeitung von Konflikten beitragen kann.

Die Sprache des Kaffees – Konfliktbearbeitung auf Jordanisch

Ein Spaziergang durch die Straßen Jordaniens stimuliert Ihre Geruchs- und Geschmacksknospen mit dem Aroma des mit Kardamom gewürzten Arabica. Kaffee wird hier sehr ernst genommen und gilt als eine der unausgesprochenen Sprachen der Jordanierinnen und Jordanier. Die Art und Weise, wie eine Tasse Kaffee eingeschenkt und wie sie entgegengenommen wird, kann viel darüber verraten, wie sich Menschen fühlen. Sie kann sogar einen Heiratsantrag beantworten, einen Streit beenden oder jemanden ohne Worte beleidigen. Wenn eine Person beispielsweise eine Bitte vorzubringen hat, geht sie auf die andere Partei zu, und wenn ihr Kaffee serviert wird, stellt sie ihre Tasse vor sich hin, als Zeichen dafür, dass sie den Gastgeber um etwas bitten möchte. Andererseits kann es als schwere Beleidigung angesehen werden, wenn Sie Ihrem Gast mit der linken Hand eine Tasse Kaffee servieren.

Das Ritual der Zubereitung und des Servierens von Kaffee begann, als die Vorfahren der jordanischen Beduininnen und Beduinen in der Wüste lebten. In dieser rauen Umgebung waren freundschaftliche Beziehungen zum Überleben notwendig, so entstand das Konzept, keinen Gast abzuweisen. Damals – und noch heute – diente Kaffee als Symbol der Gastfreundschaft. Traditionell kochten die Beduininnen und Beduinen den Arabica und fügten während der Zubereitung Gewürze hinzu, sodass vorbeiziehende Gäste das Aroma rochen und wussten, dass sie willkommen waren.

Wenn Gäste eintreffen, werden ihnen in der Regel drei Tassen Kaffee angeboten: Al Heif (für die Ankunft des Gastes), Al Seif (bedeutet wörtlich übersetzt das Schwert und feiert die Tapferkeit der Beduinenmänner) und Al Keif (für gute Laune). Wenn Sie keine weitere Tasse serviert bekommen möchten, schütteln Sie die Tasse unbedingt. Auf diese Weise überbringen Sie die Botschaft, dass Sie mit der Menge des Kaffees, die Sie getrunken haben, zufrieden sind. So war und ist Kaffee ein Mittel der Kommunikation und Bindung mit anderen.

Aber hat die Sprache des Kaffees das Potenzial, uns bei der Arbeit zur Friedenskonsolidierung und Konfliktlösung zu helfen? Möglicherweise, wenn wir ihre Anwendung und Kultur richtig verstehen.

Trotz ihrer Gastfreundschaft und Großzügigkeit hat das Leben in der rauen Wüste die Beduininnen und Beduinen dazu gezwungen, ständig im Überlebensmodus zu sein. So führen Konflikte oft zu Gewalt und können sogar lebensbedrohlich sein. Die starke Verbundenheit zwischen den Angehörigen einer Gemeinschaft und ihre große Abhängigkeit voneinander haben zu einer extremen Form des Kollektivismus geführt. Wenn ein Mitglied der Gemeinschaft angegriffen wird, fühlt sich automatisch die ganze Gemeinschaft angegriffen. Unter Berücksichtigung dieses Systems etablierte das traditionelle Recht einen effektiven Weg zur Lösung von solchen Konflikten und zur Verhinderung von Repressalien: die Prozesse Atwa (Waffenstillstand) und Sulha (Versöhnung). In diesen Prozessen wird ein Dritter aus jeder Gemeinschaft ausgewählt, um den Dialog zur Wiederherstellung der Ordnung zwischen den Streitparteien zu führen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Versöhnung und Vergebung statt Vergeltung. So halfen Atwa und Sulha dabei, die Konflikte in dauerhafte Beziehungen und respektvolle menschliche Interaktionen umzuwandeln.


Zur Unterscheidung zwischen den beiden Prozessen: Atwa ist der Prozess, einen Waffenstillstand zu schaffen, um jeden gewalttätigen Akt zwischen zwei konkurrierenden Gemeinschaften zu vermeiden. Sulha hingegen ist der Prozess der Akzeptanz des Waffenstillstands und der Rehabilitierung der Beziehungen zwischen den Konfliktparteien. Er wird in der Regel durchgeführt, wenn die Anführer (Scheichs) ihre Hände schütteln und zusammen eine Tasse Arabica trinken.


Beduinische Konfliktbearbeitung: Atwa und Sulha

Die Zugehörigkeit zu einer jordanischen tribalen Gemeinschaft bedeutet, sich um gesellschaftliche Akzeptanz zu bemühen und das eigene soziale Image zu pflegen. Die Mitglieder einer Gemeinschaft haben eine Reihe gemeinsamer kultureller Werte, die sich vorwiegend um Respekt und Stolz drehen und ihre Emotionen und Handlungen lenken. Wenn es zu einem Konflikt zwischen zwei Angehörigen verschiedener Gemeinschaften kommt, befürchtet die Familie des Schuldigen, dass ihr Ruf beeinträchtigt werden könnte, was bedeutet, dass sie den Respekt der anderen Gemeinschaft verliert. Es setzt sie unter einen immensen Druck, da der Konflikt eine Feindschaft mit der Gegenseite aufbauen und gewalttätige Aktionen zur Vergeltung auslösen könnte.

Gleich nach dem Konflikt fordert die Familie des Schuldigen eine Delegation vertrauenswürdiger Menschen – die mit beiden Konfliktparteien in guter Beziehung stehen – auf, ein Gespräch mit der anderen Familie zu vermitteln, um den Konflikt zu beenden und ihre Beziehungen zu versöhnen. Am Ende ihres Gesprächs bitten die Vermittler die betroffene Partei, einen Besuch des Schuldigen für eine „Konfliktbeilegungszeremonie“ – die Sulha – zu akzeptieren. Sobald sie einverstanden sind, sich zu treffen, stellen beide Familien ihre Scheichs – die ehrenhaftesten und vertrauenswürdigsten Personen ihrer Gemeinschaft – ab, um das Gespräch zu lenken, während die anderen Anwesenden den Verhandlungen respektvoll zuhören.

Wenn die Gäste ankommen, serviert der Gastgeber den beiden Scheichs Al Heif – die erste Tasse Kaffee. Der Scheich aus der Gemeinschaft des Schuldigen trinkt seinen Kaffee nicht direkt, sondern stellt ihn auf den Tisch vor sich, um anzuzeigen, dass er ein Versöhnungsgesuch an den Gastgeber richten möchte. Danach beginnt er eine blühende Rede in poetischer Beduinensprache als Zeichen des Respekts und der Großherzigkeit. Er betont zunächst, wie sehr seine Gemeinschaft die andere Partei respektiert und ehrt. Zum Schluss gibt er das Unrecht zu, das von seiner Seite geschehen ist, und bittet um Vergebung, indem er eine Form der Wiedergutmachung anbietet. Erst wenn der Geschädigte den Antrag formell annimmt und dem Schuldigen vergibt, wird der Gast eingeladen, die erste Tasse, Al Heif, zusammen mit dem Gastgeber zu trinken.

Die Zeremonie ist um Kaffee herum aufgebaut, weil er ein wichtiger Bestandteil der Identität der Beduinen und Beduininnen ist und ihre Gastfreundschaft und ihr Streben nach sinnvollen Beziehungen symbolisiert. Uns als Fachkräften des ZFD zeigt dies, wie ein so einfaches und bescheidenes Instrument, das in jedem Haushalt unabhängig vom sozialen Status zur Verfügung steht, eine so starke Wirkung in Friedensbildungsprozessen haben kann. Das erinnert uns daran, dass es letztlich einer der wirksamsten Wege der Konfliktbearbeitung ist, aufgeschlossen und gastfreundlich zu bleiben und der anderen Partei zuzuhören, um des Wohlergehens und der Vergebung aller willen. Bei unseren Dialogansätzen sollten wir uns an eines der wichtigsten Prinzipien der Beduinengemeinschaften erinnern: „Kein Gast wird abgewiesen.“


Anmerkung: Es gibt zwar viele positive Aspekte, die aus den Konfliktlösungsprozessen in den jordanischen Beduinengemeinschaften gelernt werden können, aber wir sind uns auch bewusst, dass sie selbst ausgrenzend sind, da zum Beispiel die Teilnahme von Frauen verboten ist. Dies bedeutet insbesondere, dass die Vermittlung bei Ehescheidungen, Untreue oder ähnlichen Themen ohne die Anwesenheit der betroffenen Frauen stattfindet und somit eine weibliche Perspektive fehlt. Der Konfliktbeilegungsprozess, wie er auch heute praktiziert wird, verweigert den weiblichen Mitgliedern von tribalen Gemeinschaften einen angemessenen Zugang zur Justiz. Für weitere Informationen empfehlen wir den Artikel „Tribal Dispute Resolution and Women’s Access to Justice in Jordan“ von Naomi Johnstone aus dem Jahr 2015. Dieser wurde vom WANA-Institut veröffentlicht (hier).


Der obige Beitrag wurde von Jana Abdo (lokale ZFD-Fachkraft in Jordanien) mit Unterstützung von Helena Speidel (Projektkoordinatorin des forumZFD in Jordanien) verfasst und am 14. September 2020 auf der Internetseite des ZFD-Trägers forumZFD veröffentlicht. Für die Veröffentlichung auf der Internetseite des Konsortiums ZFD wurde der Beitrag leicht gekürzt und geringfügig bearbeitet.

Foto: Blick auf Jordaniens Hauptstadt Amman [Foto: Dimitris Vetsikas auf Pixabay]; Illustration: Helena Speidel