Corona-Pandemie: Home Bitter Home

25.6.2020

Die UN sprechen inzwischen von einer Schattenpandemie: Das Ausmaß häuslicher Gewalt ist während der Corona-Pandemie geradezu explodiert. Bei strikten Ausgangssperren sind von Gewalt Betroffene mit ihren Peinigern über Wochen zu Hause eingesperrt – bei zugleich eingeschränkten Schutz- und Hilfsmöglichkeiten. Das hat in vermutlich jedem Land dieser Erde zu mehr Gewalt geführt. So auch in Bolivien, wo die ZFD-Partnerorganisation CJA trotz aller Einschränkungen betroffenen Frauen und Kindern weiterhin beisteht.

 

Die Schattenpandemie in Bolivien

In Bolivien ist seit dem 22. März eine strikte Ausgangssperre in Kraft, um die Ausbreitung von COVID-19 zu begrenzen. Nur ein Mal pro Woche dürfen die Menschen das Haus für einen kurzen Einkauf verlassen. Diese Regelung gilt weiterhin in sechs der neun bolivianischen Departamentos, in den drei anderen Gebieten wurden die Auflagen inzwischen gelockert. All jene, die im informellen Sektor arbeiten trifft das hart. Vor allem indigene Frauen und Migrantinnen im städtischen Raum und indigene Frauen auf dem Land leben „von der Hand in den Mund“.

Doch die Ausgangssperre bedingt auch eine Zunahme der häuslichen Gewalt. Schon vor COVID-19 waren die Zahlen erschreckend: Etwa sieben von zehn Bolivianerinnen erleben in ihrem Leben irgendeine Form von Gewalt, vor allem durch Partner und Verwandte. Seit die Ausgangssperre im März 2020 in Kraft trat, ist auch die Zahl der Gewalttaten angestiegen. Vom 17. März bis 31. Mai 2020 registrierte die „Spezialeinheit zur Bekämpfung der Gewalt“ (Fuerza Especial de Lucha Contra la Violencia, Felcv) der bolivianischen Polizei 3.414 Fälle häuslicher Gewalt, darunter 15 Frauenmorde und 108 Vergewaltigungen von Kindern und Jugendlichen.

Auch die Hotlines der ZFD-Partnerorganisation CJA („Centro Juana Azurduy“) werden mit Hilferufen von Frauen, Kindern und Jugendlichen überflutet. Am Telefon werden die Hilfesuchenden von Anwältinnen und Psychologinnen beraten und unterstützt. CJA befürchtet, dass die Dunkelziffer häuslicher Gewalt während des Lockdowns noch deutlich höher liegt als die offiziellen Angaben der Felcv offenbaren. Zu der Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus und der wirtschaftlichen Not kommt somit für viele Frauen die Gefahr, ihrem gewalttätigen Partner in weitgehender Isolation ausgeliefert zu sein.

 

Die Arbeit der ZFD-Partnerorganisation CJA in Zeiten der (Schatten-) Pandemie

CJA ist vor allem in der Region rund die konstitutionelle Hauptstadt Sucre sowie in der Stadt selbst aktiv. Die 1989 gegründete Frauenrechtsorganisation arbeitet in den Bereichen Rechtsberatung und psychosoziale Unterstützung von Frauen, Fortbildung von weiblichen Führungskräften und Frauenorganisationen sowie in der wirtschaftlichen Stärkung von Frauen und der politischen Lobby-Arbeit. CJA betreibt außerdem das in Sucre ansässige „Radio Encuentro“, das sich insbesondere an Jugendliche und Frauen richtet. Momentan steht die Beratung von Gewalt betroffenen Frauen, Jugendlichen und Kindern im Vordergrund, aber auch Schutzmöglichkeiten vor dem Virus und Hilfsmaßnahmen der Regierung sind Thema.

Wie viele andere Nichtregierungsorganisationen ist auch CJA durch die Corona-Präventionsmaßnahmen gezwungen, ihre juristische und psychologische Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen und Jugendlichen in ihren Räumlichkeiten einzustellen. Das Team der Juristinnen und Psychologinnen hat daher Notrufnummern eingerichtet, um die Betroffenen weiterhin unterstützen und die Straftaten zur Anzeige bringen zu können. Um das Schweigen über die Gewalt zu brechen, betreibt CJA darüber hinaus Aufklärung über die sozialen Medien und den projekteigenen Radiosender. So will beispielsweise die aktuelle Miniserie „tóxica“ mit acht Folgen dazu beitragen, junge Paare zum Nachdenken anzuregen und ihnen helfen, gewaltfreie Beziehungen aufzubauen.

CJA und Radio Encuentro machen somit regelmäßig auf diese andere Pandemie aufmerksam, die in Bolivien traurige Kontinuität besitzt und sich durch COVID-19 leider noch verschlimmert: Die Gewalt gegen Frauen und Kinder. „Das Machismo-Virus tötet auch“ („El Machismo Virus También Mata!!“), ist der aktuelle Slogan, um die Leute angesichts der krassen Verbreitung geschlechtsspezifischer Gewalt und der hohen Zahl an Femiziden wachzurütteln. Zusammen mit anderen bolivianischen Nichtregierungsorganisationen fordert CJA auch die bolivianische Regierung regelmäßig auf, mehr zu unternehmen, um Frauen, Jugendliche und Kinder während der Ausgangssperre besser vor Gewalt zu schützen, aber auch um die andere besonders gefährdete Gruppen in der aktuellen Krise stärker zu unterstützen. Zuletzt wurde Anfang Juni die „Öffentliche Charta der Zivilgesellschaft“ zur Bewältigung der Corona-Krise verabschiedet, die mehr als 450 nationale und internationale Organisationen unterzeichnet haben.

Neben der eigentlichen Beratungs-, Schulungs- und Lobbyarbeit engagiert sich CJA momentan auch in der Nothilfe. In den vergangenen Wochen hat das gesamte Team zu diesem Zweck Spenden gesammelt. Damit wurde im CJA-Ausbildungszentrum die Herstellung mehrerer hundert wiederverwendbarer und waschbarer Mund-Nasen-Schutze finanziert. Diese wurden anschließend kostenlos an besonders gefährdete Frauen verteilt, die ihre Waren unter schwierigen hygienischen Bedingungen auf lokalen Märkten in Sucre verkaufen. Zudem konnten Lebensmittelspenden an besonders bedürftige Frauen und ihre Familien ausgegeben werden.


UN Women hat am 27. Mai 2020 eine Kampagne gestartet, um auf die Schattenpandemie, also die exorbitante Zunahme von Gewalt gegen Frauen in Zeiten der COVID-19-Pandemie, aufmerksam zu machen. Hier finden Sie die Presseerklärung und weitere Informationen zur Kampagne.

 

Fotos und Abbildungen: Karin Desmarowitz / Brot für die Welt (1-3); Centro Juana Azurduy (4-9); Quellen: Ausmaß der Gewalt in Bolivien: INE. Instituto Nacional de Estadísta; Página SIETE; Aktuelle Lage der Ausgangssperren: Auswärtiges Amt; Projektinfos: Brot für die Welt; Centro Juana Azurduy; Radio Encuentro; Heiko Flink / Weltfriedensdienst