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Uganda: Vom Viehdieb zum Landwirt
10.08.2026Die Justitia et Pax Kommission, ein Partner des ZFD-Trägers AGIAMONDO, fördert den Friedensprozess in der Region Karamoja in Uganda. Nicola Carradori arbeitet dort als Fachkraft für Konfliktmanagement mit jungen Männern. Im Interview spricht der Politikwissenschaftler über einen Ansatz, der auf Entwaffnung und Reintegration setzt – mit besonderem Fokus auf junge Viehdiebe.
Herr Carradori, Sie arbeiten seit 2022 als Friedensfachkraft bei der Justitia et Pax Kommission der Diözese Kotido im Nordosten Ugandas. Zu welchen Themen arbeitet Ihre Organisation und wie sind Sie dort eingebunden?
Nicola Carradori: Ich unterstütze die Kommission bei der Entwicklung und Umsetzung des Ansatzes „Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration“. Das Ziel des Zivilen Friedensdienstes ist es, junge Männer – ehemals bewaffnete Viehdiebe – wieder in ihre Gemeinschaften zu integrieren und neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Traditionell spielte der Viehdiebstahl in den Gemeinschaften eine wichtige Rolle, etwa bei Eheschließungen oder der Wiederaufstockung von Viehbeständen. Durch die zunehmende Verbreitung von Schusswaffen und die Kommerzialisierung durch organisierte Banden hat sich die damit verbundene Gewalt jedoch drastisch erhöht. Der Mangel an Erwerbsmöglichkeiten und die Armut sind für die jungen Männer zusätzliche Anreize für den Viehdiebstahl, da sie ihre Familien anders nicht versorgen können.
Als ich 2022 in Kotido ankam, war die Sicherheitslage vor Ort katastrophal. Es gab offene Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Viehdiebstähle und damit verbundene gewaltsame Übergriffe befanden sich auf einem Höchststand.
Was hat sich seit Beginn Ihrer Mitarbeit bisher verändert?
Nicola Carradori: Oh, eine ganze Menge! Die Kommission hat sich seit 2022 von einer kleinen Organisation mit drei Mitarbeitenden zur führenden Organisation für Friedensarbeit in Nord-Karamoja mit 27 Mitarbeitenden entwickelt. Wir sehen, dass sich das Leben der jungen Männer deutlich verändert, weil unsere Dialog- und Lobbyarbeit die Maßnahmen der ugandischen Regierung zur Entwaffnung gut ergänzt und immer mehr junge Männer ihre Waffen freiwillig abgeben. Darüber hinaus unterstützt die Abteilung derzeit die Reintegration von mehr als 600 entwaffneten Jugendlichen durch sozioökonomische und psychosoziale Hilfe. Wir helfen den Gemeinschaften auch dabei, ihr Gemeinschaftsland vor Enteignung zu schützen.
Das ist tatsächlich beeindruckend. Wie ist es Ihnen denn zunächst gelungen, das Vertrauen der jungen Männer zu gewinnen?
Nicola Carradori: Das war ein schrittweiser Prozess. Anfangs waren die jungen Viehdiebe sehr misstrauisch. Doch dann wandten sich 2023 vier kürzlich entwaffnete Jugendliche an uns und baten um Hilfe. Sie waren es leid, mitanzusehen, wie ihre Freunde bei Viehdiebstählen ums Leben kamen. „Wir vertrauen der Kirche“, sagten sie, und baten um geschützte Treffen – nur sie und wir, ohne Sicherheitskräfte. Das war riskant für uns, schuf aber einen sicheren Raum, in dem die Jugendlichen, die noch bewaffnet waren und sich versteckt hielten, uns zuhören und ihre Gedanken äußern konnten. Ihre Gewehre ließen sie unter Büschen in der Nähe des Treffpunkts zurück. Das war der Wendepunkt. Bald organisierten sie ergänzend zu unseren eigene Treffen mit 200 Leuten, manchmal sogar mehr. Die entwaffneten Jugendlichen gingen nun ihrerseits auf andere zu, um sie zur Rückgabe der Waffen zu bewegen. Wir berieten sie dabei, stellten ihnen Guthaben für Mobilfunkgespräche zur Verfügung und weiteten unsere Unterstützung nach und nach aus.
Was hat die Justitia et Pax Kommission anders gemacht als frühere Initiativen der Konfliktbearbeitung?
Nicola Carradori: Ein wesentlicher Faktor war, dass wir bereit waren, auf die Jugendlichen zuzugehen – und zwar zu ihren Bedingungen: ohne Sicherheitsbegleitung und mit einer echten Offenheit für Gespräche. Außerdem schlossen wir für die Rückkehrenden eine große Lücke, die von der Regierung und anderen Akteuren hinterlassen worden war. Während des Entwaffnungsprozesses waren viele Versprechen zu wirtschaftlicher und finanzieller Unterstützung im Gegenzug für die Waffen gemacht worden. Keines davon wurde eingehalten. Erst die Justitia et Pax Kommission hat die jungen Männer wirklich unterstützt.
Es gibt verschiedene Initiativen für alternative Einkommensmöglichkeiten und Bildung: die Unterstützung verschiedener Gruppen durch maschinelles Pflügen mit Traktoren, Ausbildungsprogramme in regenerativer Landwirtschaft und Imkerei, Kurse in Unternehmensführung, Verwaltung und Finanzmanagement sowie Lese- und Schreibkurse für junge Erwachsene. Diese Initiativen sind in verschiedene Projekte eingebettet.
Ihre Schilderungen klingen hoffnungsvoll. Wie steht es denn um die Landkonflikte allgemein – nehmen diese ab?
Nicola Carradori: Nein, leider nicht. Seit sich die Sicherheitslage im Land verbessert hat, ist die Zahl der landwirtschaftlichen Investor*innen und Bergbauunternehmen, die versuchen, auf das Land in Karamoja zuzugreifen, deutlich gestiegen. Sie beuten Ressourcen aus und vertreiben mithilfe lokaler Eliten Dorfgemeinschaften von ihrem Land. Das führt zu einem heftigen Wettbewerb um das verbleibende Land und die natürlichen Ressourcen, der oft in gewaltsamen Auseinandersetzungen mündet.
Sie arbeiten nun seit vier Jahren bei der Justitia et Pax Kommission in Kotido. Welche Aspekte Ihrer Arbeit bewegen Sie am meisten?
Nicola Carradori: Meine Arbeit bringt mich mit den Menschen vor Ort in Kontakt, vor allem mit Jugendlichen, die sonst nur schwer zu erreichen wären, und ermöglicht es mir, echte Beziehungen aufzubauen, um Konflikte zu lösen. Schließlich sind nicht die Menschen selbst das Problem, sondern die Umstände, unter denen sie aufwachsen. Ich denke da zum Beispiel an Lokwayare, einen jungen Mann aus Kaabong, der vom Viehdieb zum Leiter der entwaffneten Jugendlichen wurde. Die positiven Auswirkungen meiner Arbeit auf das Leben anderer Menschen habe ich täglich vor Augen.
Interview: Eva Tempelmann
Diese Text haben wir leicht gekürzt und angepasst von der Webseite des ZFD-Trägers AGIAMONDO übernommen. Mehr zur Arbeit des ZFD in Uganda erfahren Sie auch in unserer Projektdatenbank.
Das Foto oben zeigt junge Menschen, die ihre Waffen abgegeben haben, mit Nicola Carradori (rechts). Auf dem Foto in der Textmitte ist ein Dialogtreffen in der Gemeinschaft Lokomiebu zu sehen. Fotos: Justitia et Pax Kommission der Diözeses Kotido