Zeichen des Friedens

Memorial Day

Die „Israeli-Palestinian Memorial Day“-Zeremonie ist der Versuch, den Opfern beider Seiten im Nahostkonflikt ein Denkmal zu setzen. Das gemeinsame Trauern soll Verständnis schaffen und Umkehr ermöglichen. Vielen öffnet die Zeremonie die Augen und damit den Weg zu Versöhnung und Frieden. Anderen ist sie ein Dorn im Auge.

„Bereits zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn kommen die ersten Gäste. Auch die Gegendemonstranten haben sich positioniert, so dass jeder Besucher an ihnen vorbeimuss. Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften versucht, die Demonstranten von den Trauernden fernzuhalten. Doch immer wieder gelingt es ihnen, Besucher mit Sand und Steinen zu bewerfen, zu bespucken und durch Lautsprecher den Tod zu wünschen. An einem Tag, an dem der Toten gedacht wird, ist dies besonders zynisch.“

Was ZFD-Fachkraft Raphael Nabholz vor der gemeinsamen Gedenkfeier für israelische und palästinensische Opfer des Nahostkonflikts beobachtet, bringt die Situation auf den Punkt: Israelis und Palästinenserinnen und Palästinenser haben sich in der Vergangenheit so viel Leid angetan, dass vielen jeglicher Versuch der Annäherung als schiere Provokation erscheint. Dabei wurde die „Israeli-Palestinian Memorial Day“-Zeremonie ins Leben gerufen, um den Hass zu überwinden und die Gewalt zu beenden.

Wie können Menschen miteinander leben, die zuvor aufeinander geschossen haben?

Fast jede israelische und jede palästinensische Familie hat einen Angehörigen oder Freund im Nahostkonflikt verloren. Je tragischer die Verluste, desto größer oft der Wunsch nach Vergeltung. Die beiden ZFD-Partnerorganisationen Combatants for Peace und Parents Circle – Families Forum begegnen diesem Teufelskreis der Gewalt seit 2006 mit einer Trauerzeremonie für Hinterbliebene der Opfer beider Seiten. Das gemeinsame Trauern soll wieder Verständnis und Respekt füreinander schaffen – erste Schritte auf dem Weg zur Versöhnung. „Blut hat dieselbe Farbe, in Israel und in Palästina – deswegen wollen wir gemeinsam derjenigen gedenken, die in der sinnlosen Gewaltspirale ihr Leben lassen mussten, und zusammen Hoffnung schenken, dass es auch anders geht“, so das Credo der Combatants for Peace.

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Gemeinsam statt gegeneinander

„Jeder Besucher des Gedenktages hat seine eigene Geschichte von Schmerz und Verlust, von Trauer und Verzweiflung“, berichtet Raphael Nabholz. „Menschen vor und in der Halle liegen sich weinend in den Armen. Sie kommen zum alternativen Gedenktag, um gemeinsam um ihre Familienmitglieder zu trauern, die in diesem Konflikt ihr Leben verloren haben – und erkennen, dass die Trauer auf der anderen Seite dieselbe ist.“

Die Veranstaltung stößt Jahr für Jahr auf heftige Proteste. Schon die Tatsache, dass der Opfer beider Seiten gedacht wird, ist für manche ein Affront. Dass die Zeremonie auf den israelischen Gedenktag für die Opfer des Konflikts „Yom Hazikaron“ („Remembrance Day for the Fallen of Israel‘s Wars and for Terror Victims“), fällt, erst recht. 2017 verweigerte das israelische Verteidigungsministerium den rund 500 palästinensischen Mitgliedern der Combatants und des Parents Circle die Einreise. Spontan wurden die Israelis in Tel Aviv und die Palästinenserinnen und Palästinenser in Beit Jala mit aufwändiger Videotechnik verbunden.

„2017 hatte die israelische Polizei die Straßen rund um die Halle abgeriegelt, zu viele Menschen wollten an der Zeremonie teilnehmen“, berichtet Raphael Nabholz. Aber auch die Gegenseite war präsent: „Als die letzten Dankesworte gesprochen waren, brachten sich die Demonstranten wieder in Position. ‚Geht doch zurück nach Auschwitz!‘ – ‚Ihr Nazis!‘. Einige der Combatants hatten Tränen in den Augen. ‚Es tut so weh, gerade am heutigen Tag diesen Hass aushalten zu müssen, als Verräter verunglimpft und angespuckt zu werden‘, sagte einer.“

Und doch lohnt sich die Mühe

Waren es anfangs nur wenige Hundert, so kamen zum 13. Memorial Day 2018 rund 8.000 Menschen nach Tel Aviv, darunter viele israelische und palästinensische Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler. Das neuerliche Einreiseverbot kippte der Oberste Israelische Gerichtshof in letzter Sekunde. Via Live-Stream wurde die Zeremonie von Menschen auf der ganzen Welt verfolgt.

Der Memorial Day ist zu einem weit sichtbaren Signal der Trauer, Versöhnung und Hoffnung geworden.

Mehr über den Memorial Day finden Sie auf der Webseite der CFP.

Fotos: Combatants for Peace