„Empathie ist dabei der Schlüssel.“

Raphael Nabholz

ZFD-Fachkraft Raphael Nabholz unterstützt die Combatants for Peace bei der Organisationsentwicklung und ist auch als Vermittler gefragt. Wir haben mit ihm über seine Beweggründe und seine Erfahrungen bei der Friedensarbeit im Nahen Osten gesprochen.

Was motiviert Sie, sich als ZFD-Fachkraft in Israel und den Palästinensischen Gebieten zu engagieren?

Ich bin überzeugt davon, dass der Nahostkonflikt nicht militärisch, sondern nur durch den Willen der Menschen gelöst werden kann. Einen wirklichen Frieden kann es meiner Meinung nach nur geben, wenn Vorurteile abgebaut – und Vertrauen auf beiden Seiten aufgebaut werden. Genau das geschieht bei den Combatants for Peace, und es macht Spaß, mit diesen engagierten und visionären Menschen zu arbeiten.

Was sind die größten Schwierigkeiten und wie gehen Sie damit um?

Die bi-nationale Arbeit, also die verbindende Arbeit zwischen Israelis und Palästinensern, ist eine Stärke der Bewegung, aber gleichzeitig auch die größte Herausforderung. Meine Arbeit ist jeden Tag aufs Neue ein Drahtseilakt aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen Israelis und Palästinenserinnen und Palästinensern – und natürlich auch meiner deutschen Perspektive. Auch die politische Lage, die manchmal innerhalb von wenigen Tagen komplett umschlagen kann, macht uns die Arbeit nicht leicht. Es ist beinahe unmöglich, langfristig zu planen, aber mittlerweile habe ich mir eine „orientalische Gelassenheit“ angewöhnt, mit der sich bisher noch jedes Problem hat lösen lassen.

Welche Begebenheit, welches Erlebnis hat Sie besonders berührt?

Ich bin ein großer Bewunderer des israelischen Schriftstellers David Grossman. Er hat dieses Jahr auf der israelisch-palästinensischen Gedenkzeremonie der Combatants for Peace vor tausenden Menschen eine sehr bewegende Rede gehalten, die Hoffnung auf Veränderung im Heiligen Land weckt – eine Hoffnung, die viele Menschen auf beiden Seiten teilen.*

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Was hat Ihre Arbeit bereits bewirkt? Was müsste passieren, um den Erfolg der Arbeit noch zu vergrößern?

Im Bereich der Organisationsentwicklung haben wir bereits große Fortschritte bewirkt. Die Combatants for Peace sind in den letzten Jahren enorm gewachsen. Wir konnten insbesondere Verwaltungsabläufe wie Projektmanagement und Finanzierung erheblich optimieren, was auch der inhaltlichen Arbeit zugutekommt. Für die Zukunft wünsche ich mir noch mehr Aufmerksamkeit auf der politischen Ebene, auch von Deutschland – als Zeichen der Anerkennung, aber auch als Unterstützung für eine Zivilgesellschaft, die auf beiden Seiten oft erheblichen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt ist.

Wie bauen Menschen, die in Hass und Gewalt gelebt oder gar aufeinander geschossen haben, wieder Vertrauen auf?

Im Grunde genommen ist es sehr einfach: Sie sehen im „anderen“ wieder einen Menschen, und nicht mehr einen Feind. Chen Alon, einer der Gründer der Combatants for Peace, hat einmal gesagt: ‚Der erste Schritt zur Versöhnung ist, sich zu seinen Taten zu bekennen‘. Das ist nicht einfach, aber die notwendige Voraussetzung um dem anderen ehrlich zu begegnen. Empathie ist dabei der Schlüssel: Wenn ich weiß, warum der andere denkt, wie er denkt, begegne ich ihm oder ihr auf eine ganz andere Art und Weise.

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und alle Konflikte sind plötzlich beigelegt. Woran würden Sie das als Erstes erkennen?

Ich würde morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr, wie sonst, eine halbe Stunde am Militärcheckpoint nach Jerusalem warten müssen.

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Raphael Nabholz (31) beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Nahostkonflikt. Der gebürtige Konstanzer hat Sozialarbeit studiert und einen Master in Friedens- und Konfliktforschung absolviert. Seit 2016 unterstützt er als ZFD-Fachkraft die Combatants for Peace. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich Organisationsentwicklung (Aufbau effektiverer Verwaltungsstrukturen, Unterstützung im Fundraising, der Veranstaltungsorganisation und der Advocacyarbeit, vor allem nach Deutschland und Europa). Raphael Nabholz ist darüber hinaus als Vermittler zwischen israelischen und palästinensischen Mitgliedern der Organisation gefragt. Hierbei ist seine fundierte Kenntnis der Konfliktlage und der unterschiedlichen Sichtweisen in Kombination mit seiner Außenperspektive von großem Vorteil.

* David Grossman (*1954) ist Autor von Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Essays. Für seine Werke und sein Engagement für den Friedensprozess im Nahen Osten wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2010. Ein Mitschnitt von Grossmans Rede auf der Memorial Day Ceremony 2018 findet sich auf der Facebook-Seite der Combatants for Peace (Hebräisch mit englischen und arabischen Untertiteln). Auf der Internetseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind Auszüge seiner Rede auf Deutsch nachzulesen.
 

Fotos: AGEH / Combatants for Peace