„Wie konnte ich die ganzen Jahre nur so blind sein?“

Literarischer Brückenschlag

Die israelische Autorin Lizzie Doron hat ein ergreifendes Buch über die Begegnung mit den Combatants for Peace geschrieben. Das macht sie für viele Landsleute zur Verräterin. Bereut hat sie den Schritt trotzdem nicht, wie sie uns im Gespräch erzählt.

Als die Combatants for Peace Lizzie Doron bitten, ihre Geschichte zu erzählen, reagiert die israelische Autorin zunächst zögerlich. Bei den Combatants engagieren sich auch ehemalige palästinensische Kämpferinnen und Kämpfer, die für viele Israelis als Terroristen gelten. Trotz eigener Ressentiments lässt sich Lizzie Doron auf das Wagnis ein. Über ein Jahr lang trifft sie sich mit drei palästinensischen und zwei israelischen Friedenskämpfern. Die anfängliche Skepsis weicht einer wachsenden Empathie. Sie erfährt, wie ihre Gesprächspartner in den Strudel der Gewalt gezogen wurden, bis sie ihr schließlich abschworen, um als Combatants for Peace friedlich für eine Verständigung zwischen israelischer und palästinensischer Bevölkerung einzutreten.

Die Last der Erinnerung – die Kraft der Erinnerung

Jedes Gespräch konfrontiert Lizzie Doron auch mit der eigenen Sichtweise. Eindrücklich schildert sie, wie schwer es ihr fällt, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen. Rückblenden in ihre Jugend zeigen, wie diese Muster von klein auf entstanden sind. Auf 200 Seiten schildert Lizzie Doron ihre Treffen mit den fünf Gründungsmitgliedern der Combatants. Darin verwoben sind auch dokumentarische Berichte der alltäglichen Gewalt in Israel und den Palästinensischen Gebieten. Auf diese Weise gelingt es der Autorin nicht nur, die unterschiedlichen Sichtweisen aufzuzeigen, sondern auch Verständnis für beide Seiten zu wecken. „Sweet Occupation“ ist ein ergreifendes Plädoyer für ein friedliches Miteinander.

Das Buch „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron ist 2017 bei dtv auf Deutsch erschienen.


Wir haben mit Lizzie Doron über ihr Buch gesprochen

In ihrem aktuellen Buch „Sweet Occupation“ schildern Sie eindrücklich die eigenen Schwierigkeiten, den palästinensischen Friedenskämpfern zu begegnen. Und doch scheint die persönliche Begegnung der Königsweg zu gegenseitigem Verständnis zu sein. Wie können Menschen beider Seiten stärker miteinander in Kontakt gebracht werden?

Lizzie Doron: Als ich noch die „normale“ Israelin war, hatte ich viele Vorurteile gegenüber Arabern und besonders gegenüber Palästinensern. Das änderte sich, nachdem ich den Menschen der anderen Seite wirklich begegnet bin. Es braucht Zeit, bis sich Vertrauen zueinander entwickelt, das ist nicht mit einem oder zwei Treffen getan. Aber wenn Du Dich erst einmal mit ihnen angefreundet hast, denkst Du: „Wie konnte ich die ganzen Jahre nur so blind sein?“

Dialog und Verständigung sind die ersten Schritte in Richtung Frieden. Im israelisch-palästinensischen Konflikt scheint dieser Weg für viele Menschen unbegehbar. Sie sind ihn mit Ihrem Buch gegangen und auch den Combatants for Peace gelingt es, tiefe Gräben zu überwinden. Was ist das „Erfolgsrezept“ dieser Arbeit? Was müsste passieren, damit sich noch mehr Menschen den Combatants for Peace anschließen?

Lizzie Doron: Du musst ernsthaft daran interessiert sein, neu zu definieren, wer Du bist. Vielleicht bin ich verrückt, weil ich in meinem Alter noch eine neue Identität entwickelt habe, aber ich sehe es als Geschenk. Es ist ein harter und radikaler Prozess, die Ängste, den Kummer und die Trauer der anderen Seite anzuerkennen. Aber wenn Du es geschafft hast, bringt es Dich wirklich weiter. Meine palästinensischen Freunde zu treffen, ist so beflügelnd, und ich wünsche mir wirklich, dass immer mehr Menschen erkennen, dass da ein Partner ist – statt dass sie gegeneinander kämpfen.

Bereits in Ihrem 2015 erschienen Buch „Who the fuck is Kafka?“ haben Sie sich mit „der anderen Seite“ auseinandergesetzt. Dadurch sind Sie für manche in Ihrer Heimat zur „Kollaborateurin“ geworden. Das Buch wurde in Israel nicht verlegt. Für Lesungen finden Sie in Israel kaum noch eine Bühne. Wie bewerten Sie Ihren Schritt im Nachhinein? Würden Sie ihn erneut wagen?

Lizzie Doron: Ja, absolut. Ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt, dass ich mich gegen die israelische Besatzung geäußert habe. Ich habe meine Komfortzone verlassen, die meisten Menschen in Israel sehen in mir eine Verräterin. Aber es hat sich gelohnt. Das Leben, die Religion, das menschliche Wesen – ich sehe nun so viele Dinge in einem anderen Licht.


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Über Lizzie Doron

Lizzie Doron wurde 1953 in Tel Aviv geboren. Sie studierte Linguistik und arbeitete anschließend an der Universität Tel Aviv. 1998 erschien in Israel ihr erstes Buch „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“. In einzelnen Geschichten zeichnet sie ein Bild ihrer Mutter, eine Überlebende des Holocausts. Das Buch gehört in Israel zur Schullektüre.

Auch in ihren folgenden Büchern setzte sich Lizzie Doron – stets mit autobiografischem Bezug – mit der Generation der Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern auseinander. Mit ihrem Buch „Who the fuck is Kafka?“ (2015) wandte Lizzie Doron ihren Blick von der Vergangenheit in die Gegenwart: Sie beschreibt den Versuch einer Freundschaft mit einem palästinensischen Fotografen aus Ost-Jerusalem. Dieser Versuch, über reale und imaginäre Mauern hinweg aufeinander zuzugehen, stößt auf schier unüberwindbare Hindernisse, die zuweilen groteske Ausmaße annehmen.

„Who the fuck is Kafka?“ ist ein in alle Richtungen schonungsloser Doku-Roman. Damit wurde Lizzie Doron für einige in ihrer Heimat zur „Verräterin“. Wurde sie zuvor regelmäßig zu Lesungen in Israel eingeladen, findet sie heute nicht einmal mehr einen Verlag für ihre Bücher. Lizzie Doron lebt trotzdem weiterhin in Tel Aviv, zeitweise aber auch in Berlin.


Fotos: Lizzie Doron, Buchcover: dtv