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Ukraine: Zusammenhalt stärken und Spannungen abbauen
19.02.2026Aikokul Maksutova und Iuliia Goriacheva sind Fachkräfte des ZFD-Trägers GIZ in der Ukraine. Im Interview erzählen sie, vor welchen Herausforderungen die Friedensarbeit mitten im Krieg steht und welche wichtigen Impulse sie für die Zivilgesellschaft gibt.
Liebe Iuliia, welche Themen stehen gerade im Mittelpunkt eurer Arbeit?
Wenn man heute in der Ukraine arbeitet, spürt man, wie tief der Krieg jede Ebene der Gesellschaft beeinflusst hat. Hinter jeder Statistik stehen Familien, die auf Nachrichten von ihren Angehörigen warten, Kinder, die fern der Heimat aufwachsen, und Menschen, die versuchen, ihr Leben an neuen Orten wieder aufzubauen. Das Gefühl des Verlusts ist groß, ebenso wie die Entschlossenheit, weiterzumachen. Gemeinschaften im ganzen Land zeigen bemerkenswerte Widerstandskraft. Doch der psychologische und soziale Druck ist enorm, nicht nur für diejenigen, die ihr Zuhause oder Angehörige verloren haben, sondern auch für jene, die tagtäglich helfen: lokale NGOs, Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen oder Freiwillige.
In dieser Realität konzentrieren wir unsere Arbeit darauf, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und den gewaltfreien Umgang mit den durch den Krieg entstandenen oder vertieften Spannungen zu fördern. Gemeinsam mit unseren Partnern schaffen wir Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Diese Dialoge sind oft klein und lokal und doch haben sie eine tiefe Bedeutung: Sie helfen Menschen, ihre Würde und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zu bewahren – auch in unsicheren Zeiten.
Wichtig ist uns auch, bereits jetzt Grundlagen für die Aufarbeitung der Vergangenheit zu schaffen: Jede geteilte Geschichte, jedes gemeinsame Bemühen, Schmerz und Verlust anzuerkennen, wird eines Tages Teil der kollektiven Erinnerung der ukrainischen Gesellschaft sein. Wir unterstützen diese Momente der Reflexion und des Miteinanders und begleiten jene, die diese anspruchsvolle Arbeit unter großem emotionalen Druck leisten. Eine traumatisierte Gesellschaft neigt dazu, verletzende Strukturen zu reproduzieren. Dies zu erkennen, ist der erste Schritt zur Veränderung.
Liebe Aikokul, bisher arbeitet ihr als internationale Fachkräfte aus Sicherheitsgründen von Deutschland aus, während eure ukrainischen Kolleg*innen vor Ort sind. Wie gelingt es euch, als Team verbunden zu bleiben und was bedeutet der anstehende Umzug nach Moldau für eure Zusammenarbeit?
Unsere ukrainischen Kolleginnen und Kollegen sind das Herzstück unserer Arbeit. Sie setzen ihre täglichen Aufgaben in Dnipro und anderen Regionen fort, trotz der Unsicherheiten, die der Krieg mit sich bringt. Manchmal unterbrechen Stromausfälle oder schlechtes Internet unsere Gespräche, und doch finden sie immer einen Weg, sich wieder zu verbinden und weiterzumachen. Da unser internationales Team aufgrund des Krieges nicht in die Ukraine reisen darf, treffen wir uns regelmäßig online. Im September 2025 durfte der ZFD-Programmkoordinator erstmalig in die Ukraine reisen, was gezeigt hat, wie wertvoll und wichtig persönlicher Kontakt ist.
Der Umzug nach Moldau gibt uns Hoffnung auf häufigere persönliche Treffen, engere Teamarbeit und eine leichtere Zusammenarbeit mit unseren ukrainischen Partnern.
Iuliia, könntest du uns als Beispiel für die Arbeit vor Ort ein paar Details über das „Theater for Change“ schildern? Was macht es besonders und was konntet ihr bisher erreichen?
Das Theater for Change in Dnipro zeigt, wie Kunst zu einem sicheren Einstiegspunkt für Dialog und Heilung in vom Krieg betroffenen Gemeinschaften werden kann. Mithilfe des Forumtheaters schafft unser Partner Martin Club Räume, in denen Binnenvertriebene und Aufnahmegemeinden zusammenkommen, um über sensible und gesellschaftlich relevante Themen zu reflektieren: sexuelle Belästigung, Gewalt im öffentlichen Raum, Stigmatisierung von Binnenvertriebenen. Innerhalb der letzten sechs Monate fanden 15 Aufführungen statt mit mehr als 450 Teilnehmenden, darunter Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte, Polizist*innen und Sozialarbeiter*innen. Jede Aufführung lud das Publikum ein, in die Szene einzusteigen, alternative Lösungen vorzuschlagen und auf der Bühne auszuprobieren. Psychologisch geschulte Fachkräfte begleiteten die Veranstaltungen und leisteten bei Bedarf direkte Unterstützung.
Arbeiten im Kriegskontext erfordert ständige Flexibilität. Einige Aufführungen mussten aufgrund von Luftangriffen verschoben oder verlegt werden. Trotzdem war die Atmosphäre geprägt von Vertrauen und einem gemeinsamen Ziel. Nach jeder Aufführung wurden künstlerische Aktivitäten angeboten, um emotionale Anspannung zu lösen und Verbundenheit zu fördern.
In monatlichen Reflektions- und Monitoringmeetings mit unserem Partner besprechen wir Fortschritte und Herausforderungen, tauschen unsere Erkenntnisse aus und passen gemeinsam die Ansätze an. Dieser Austausch stärkte das Vertrauen zwischen uns und unseren Partnern und förderte kontinuierliches Lernen.
Theater for Change wird seine Arbeit nun in weitere Gemeinschaften tragen und die gewonnenen Erfahrungen und Kompetenzen auch strukturell im Inneren der Organisation verankern.
Interview: Judith Waßmann
Foto: GIZ
Das Interview haben wir gekürzt und aus dem ZFDinfo Newsletter der GIZ, Ausgabe 22/Nov. 2025, übernommen.
Weitere Informationen zur Arbeit des ZFD in der Ukraine finden Sie hier:
