Sierra Leone: Wie die sexuelle Gewalt stoppen?

4.4.2019

Seit Februar gilt in Sierra Leone der nationale Notstand. Grund ist der massive Anstieg sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Nachdem mehrere brutale Vergewaltigungsfälle publik wurden, verhängte Präsident Bio den Notstand, um auf diesen eklatanten Missstand umgehend reagieren zu können. Wie gehen die Partnerorganisationen des ZFD das Übel an?


Einem Bericht der BBC zufolge ist die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen im vergangenen Jahr um fast 4.000 auf insgesamt 8.500 Fälle angestiegen. Als im Januar mehrere grausame Missbrauchs- und Vergewaltigungsfälle öffentlich wurden, waren viele Menschen in Sierra Leone entsetzt und erzürnt. Darunter auch der seit April 2018 amtierende Präsident Julius Maada Bio, der daraufhin für die Dauer von drei Monaten den nationalen Notstand ausrief. Er gab die Einrichtung von Spezialeinheiten bei der Polizei und vor Gericht bekannt, um Fälle sexueller Gewalt schneller verfolgen zu können. Er kündigte außerdem eine Gesetzesänderung an, wonach der Missbrauch von Minderjährigen ab sofort mit lebenslanger Haft bestraft werden könne. Bisher lag die Höchststrafe bei 15 Jahren – und selbst die wurde in den seltensten Fällen verhängt. Zudem wies er die staatlichen Krankenhäuser im Land an, Opfern sexueller Gewalt eine kostenlose medizinische Behandlung zu gewähren.


Viele der Partnerorganisationen des Zivilen Friedensdienstes in Sierra Leone setzen sich für ein Ende der Gewalt an Kindern und Frauen ein. Heute stellen wir ihnen beispielhaft einige Partner mit konkreten Aktivitäten der letzten Zeit vor:

Don Bosco Fambul kümmert sich hauptsächlich um Straßenkinder und gefährdete Jugendliche. Neben einem Wohnprojekt für Straßenkinder unterhält die Organisation Jugendclubs, eine Telefonseelsorge, Streetwork-Projekte, ein Mädchenhaus. Momentan ist etwas außerhalb von Freetown ein Therapiezentrum in Bau. Es soll der psychosozialen und therapeutischen Betreuung von Straßenkindern und gefährdeten Jugendlichen dienen, außerdem wird eine Forschungsstelle für gefährdete Jugendliche eingerichtet. Im November 2018 hat Don Bosco Fambul eine landesweite Kampagne gegen Kindesmissbrauch und Kinderehen gestartet. Radio- und Fernsehspots sollen die Bevölkerung wachrütteln, sich gegen ein Ende der Gewalt an Kindern einzusetzen.


Das Advocacy Movement Network (AMNet) engagiert sich für die rechtliche Stärkung von Frauen, Kindern und Jugendlichen, insbesondere zum Schutz vor sozialer Benachteiligung, Gewalt und Missbrauch. AMNet unterhält neben der Hauptniederlassung in Freetown auch Büros in zwei weiteren Provinzen und initiiert landesweite Projekte. Im Dezember 2018 hat die Organisation die Initiative „No more Child-Bondo“ gegen weibliche Genitalverstümmelung gestartet. Sie wird von zahlreichen Frauen auf lokaler Ebene getragen und soll Zwangsbeschneidungen von Frauen sowie die Initiation von Mädchen verhindern. Die Frauen sind in vier Regionen des Bonthe-Distrikts unterwegs, um aufzuklären und zu verhindern. Mit ihren pinkfarbigen Poloshirts sind sie leicht zu erkennen. Auf der Rückseite der Shirts steht gut sichtbar das Motto der Initiative: „No more Child-Bondo! Wi Di Uman Dem De Wach“ (s. Foto).


AdvocAid betreut Mädchen und Frauen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Die Organisation bietet kostenlose Rechtsberatung und juristischen Beistand vor Gericht. Dies betrifft unter anderem Frauen, die als Straßenhändlerinnen oder Sexarbeiterinnen tätig sind. Außerdem setzt sich die Organisation für eine gender-sensible Verbesserung des Justizsektors ein. Mit der Kurzfilmreihe #VoicesfromInside gibt sie Mädchen und Frauen in der Haftanstalt in Freetown die Möglichkeit, ihre Geschichte und ihre Sicht auf die Anklage zu erzählen.


Women Against Violence and Exploitation in Society (WAVES) engagiert sich seit ihrer Gründung 2005 gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Frauen und Mädchen werden darin bestärkt, sich zu wehren und öffentlich ihre Rechte einzufordern. „No FGM – Education first“ war einer der Slogans, den die teilnehmenden Mädchen im Rahmen einer Veranstaltung zum Internationalen Tags gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) am 6. Februar formulierten. Im März 2019 lernten Mädchen in einem Advocacy- und Medienworkshop, wie FGM, Kinderheirat und frühe Schwangerschaften miteinander verknüpft sind, und wie sie ihre Position überzeugend mit Argumenten und Fakten vertreten können. WAVES setzt sich darüber hinaus gegen Straflosigkeit ein und geht die Ursachen an, die sexuelle Gewalt begünstigen. Der geographische Schwerpunkt des Engagements liegt im Bo Distrikt im Süden des Landes.


Die Kommission Gerechtigkeit und Frieden der Caritas Freetown setzt sich unter anderem für eine konstruktive Konfliktbearbeitung in Familien, Gemeinden und Schulen ein. Im Rahmen der UN-Kampagne „UNiTE to End Violence Against Women“ fand vor kurzem ein Workshop mit 30 Mädchen statt. Dabei ging es auch um die wichtige Frage, wie sich die Mädchen vor (sexueller) Gewalt schützen können. Mittels „Bodymapping“ brachten die Mädchen ihre Träume und Hoffnungen für ein Leben frei von Gewalt zum Ausdruck. Kurz zuvor hatte die Kommission einen Workshop für Sozialarbeiterinnen, Gemeinwesenarbeitern und Rechtsbeiständen verschiedener Organisationen durchgeführt. Dabei ging es darum, die Kenntnisse der Teilnehmenden in psychosozialer Unterstützung und Reintegration von Kindern, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, zu vertiefen.


Das West African Youth Network (WAYN) hat das Ziel, die Teilhabe von Jugendlichen zu verbessern und hierdurch zu Friedensförderung, guter Regierungsführung und dem Einhalten der Menschenrechte beizutragen. Dazu werden Dialogprozesse und Workshops mit Jugendlichen in urbanen Räumen und in den Grenzgebieten zu Guinea und Liberia durchgeführt. Anlässlich des Tages der Afrikanischen Jugend am 1. November veranstaltete WAYN beispielsweise unter dem Motto „Raising Youth Voices Against Corruption in Africa“ ein Training für Jugendliche aus Schulen in Freetown. „Gemeinsam erörterte die Gruppe, welche Rechte Jugendliche haben und welche Wege es gibt, diese geltend zu machen“ , berichtet ZFD-Fachkraft Christoph Schlimpert (AGEH), der den Workshop mit organisiert und begleitet hatte. „Dass Korruption viele Schülerinnen und Schüler betrifft, zeigten die regen Wortmeldungen und Beiträge, ebenso wie die Entschlossenheit, sich dagegen zu wehren.“ Dabei kam auch auf den Tisch, dass sexuelle Gewalt selbst an Schulen vorkommt. Eine der teilnehmenden Schülerinnen sagte: „Geld oder Sex als Gegenleistung für gute Noten muss aufhören. Diese Form der Korruption verhindert, dass sich unser Bildungssystem entwickelt“.


Mehr über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes in Sierra Leone erfahren Sie auf der Facebook-Seite des AGEH/ZFD-Teams Sierra Leone.

Einen ausführlichen Bericht von ZFD-Fachkraft Christoph Schlimpert über die Arbeit von WAYN finden Sie in der aktuellen Ausgabe des AGEH-Magazins Contacts 2/2018.

 

Foto: AMNet; Das Foto zeigt eine Gruppe von Aktivistinnen der AMNet-Initiative „No more Child-Bondo“ gegen weibliche Genitalverstümmelung. Auf der Rückseite der Shirts steht gut sichtbar das Motto der Initiative: „No more Child-Bondo! Wi Di Uman Dem De Wach“.

Text: ZFD-Redaktion unter Mitwirkung von Elke Schäfter, ZFD-Koordinatorin der AGEH in Sierra Leone

Quellen (u.a.): BBC: Sierra Leone declares emergency over rape and sexual assault. 8. Februar 2019. ; President Julius Maada Bio Declares Rape and Sexual Violence as a National Emergency in Sierra Leone. 7. Februar 2019 ; Facebook-Seite des AGEH/ZFD-Teams Sierra Leone. ; AGEH-Magazins Contacts 2/2018