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Sierra Leone: Frauenrechte stärken

In Sierra Leone ist Gewalt gegen Frauen weit verbreitet. Der Women, Peace and Security Index bewertet die Gewalt gegen Frauen in einem Land – hier steht Sierra Leone auf Platz 138 von 177. In diesem herausfordernden Kontext leisten die ZFD Partnerorganisationen von Brot für die Welt und AGIAMONDO in Sierra Leone beeindruckende, mutige und vielschichtige Arbeit für die Rechte von Frauen.

Gewalt gegen Frauen, inklusive häuslicher und sexueller Gewalt, ist in Sierra Leone fest in Gesellschaft und Institutionen verankert. Etwa 83 Prozent der Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 49 Jahren haben laut UNICEF eine Form weiblicher Genitalverstümmelung (FGM/C) erlebt. Der Anteil an Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden, liegt bei 30 Prozent. Selbst dort, wo Gesetze Gewalt oder Diskriminierung verbieten, fehlt es häufig an Umsetzung oder Zugang zum Rechtssystem.

Die Partnerorganisationen des ZFD setzen sich deshalb auf unterschiedlichen Ebenen für die Rechte von Frauen ein und binden dabei verschiedene gesellschaftliche Autoritäten und Gruppen ein.

Arbeit in den Gemeinden und an kulturellen Normen

Ein Schwerpunkt liegt auf der Gemeinwesenarbeit: Die ZFD-Partnerorganisationen von Brot für die Welt und AGIAMONDO suchen gezielt den Dialog mit traditionellen Autoritäten wie den Chiefs auf Dorf- und Regionalebene. Die Arbeit mit religiösen Dachverbänden wie dem protestantischen Council of Churches Sierra Leone (CCSL) oder den katholischen Justice, Peace and Human Rights Commission (JPHRC) ermöglicht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auch mit religiösen Führungspersönlichkeiten, andere Organisationen wie MAGE (Men’s Association for Gender Equality) fokussieren auf die Arbeit mit Männern.

Der kultursensible Ansatz wird von diesen Partnerorganisationen wie allen im Dachverband Forum Against Harmful Practices (FAHP) engagierten NGOs als unabdingbar bezeichnet: Präventions- und Interventionsmaßnahmen sind so gestaltet, dass sie die kulturellen Traditionen, Überzeugungen und sozialen Dynamiken in den Gemeinschaften anerkennen, aber nicht unkritisch übernehmen. Ziel ist, die Lebensrealitäten der Menschen zu verstehen, die Gründe für bestimmte Praktiken wie FGM nachzuvollziehen – und gemeinsam mit den Betroffenen Veränderungen anzustoßen. Während Maßnahmen von außen oft auf Widerstand stoßen, setzen die Partner auf Dialog und Empowerment statt Konfrontation und Stigmatisierung. Besonders deutlich wird der Ansatz bei der Entwicklung alternativer Rituale: In enger Zusammenarbeit mit Hebammen, Eltern und vor allem mit den Mädchen und Frauen selbst werden neue, gewaltfreie Rituale etabliert. Diese erfüllen weiterhin wichtige soziale Funktionen, etwa die Aufnahme junger Mädchen in die Gemeinschaft, verzichten aber auf gesundheitsschädliche Praktiken.

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Berufsbildung als Schlüssel zu mehr Selbstwert und wirtschaftlicher Perspektive

Die Brot für die Welt Partnerorganisationen wie MADAM (Mankind Activities Development Accreditation Movement), SLOIC (Sierra Leone Opportunities Industrialization Centre) und SiLNorF (Sierra Leone Network on the Right to Food) bieten marginalisierten Jugendlichen und gerade auch von Gewalt betroffenen Mädchen praxisnahe, zertifizierte Ausbildungen in verschiedenen handwerklichen, handwerklich-technischen und landwirtschaftlichen Berufen an – vom Nähen und Kochen über Friseurhandwerk, Solarenergie und Mechanik bis zur umweltfreundlichen Landwirtschaft. Dabei geht es neben praktischen Fertigkeiten stets um eine umfassende Stärkung der Mädchen und Frauen: Sie erfahren, welche Rechte sie haben, wie sie sich gegen Gewalt schützen können und entwickeln Mut, in traditionellen Strukturen ihre Stimme zu erheben.

Advocacy auf nationaler und internationaler Ebene

Neben der Arbeit innerhalb von Gemeinschaften engagieren sich die Partner des ZFD auch politisch und juristisch. So war beispielsweise der AGIAMONDO-Partner WAVES (Women Against Violence and Exploitation) maßgeblich daran beteiligt, dass das Thema FGM auf die politische Agenda gelangte und in Gesetzgebungsprozesse eingebracht wurde. Hier gab es jüngst einen herben Rückschlag, denn es gelang trotz massiver Advocacy-Bemühungen nicht, ein ausdrückliches FGM-Verbot im neuen Child Care Act 2025 zu verankern.

Ein historischer Durchbruch aber gelang im Juli 2025 mit einer Klage vor dem Gerichtshof der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS): Zusammen mit anderen Frauenrechtsorganisationen unterstützten unsere Partner im Fall „Forum Against Harmful Practices and Others v. Republic of Sierra Leone“ eine Klage gegen den Staat Sierra Leone vor dem ECOWAS-Gericht. Anlass war der Fall von Ms. Kadijatu Balaima Allieu, die unter Zwang FGM durch die traditionsreiche „Bondo Society“, eine Art Geheimbund, erfuhr und bedroht sowie inhaftiert wurde. Die Ankläger*innen nahmen Bezug auf mehrere international anerkannte Menschenrechtsnormen, darunter die Afrikanische Charta der Menschenrechte.

Das Urteil war ein Meilenstein im Kampf gegen Gewalt an Frauen in Westafrika: Das Gericht stellte klar, dass FGM als grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung zu werten ist. FGM sei eine Form von Folter, für die es keine kulturelle Rechtfertigung geben kann. Allgemein gehaltene Gesetze oder unverbindliche Versprechen reichten nicht aus, so das Gericht; der Staat müsse konkrete, durchsetzbare Gesetze schaffen, um Mädchen und Frauen zu schützen. Die Richter verurteilten Sierra Leone, forderten explizit ein Gesetz zum Verbot von FGM und sprachen Ms. Allieu eine Entschädigung zu. Wichtig ist dabei auch, dass das Urteil nicht nur einzelnen Betroffenen hilft, sondern auch strukturelle Veränderungen einfordert. Dies ist ein starkes Signal für die Rechte aller Frauen und Mädchen im Land und darüber hinaus.

Arbeit an der Seite von Frauen und Mädchen

All dies zeigt: Der Zivile Friedensdienst leistet in Sierra Leone eine beeindruckende und mutige Arbeit an der Seite von Frauen und Mädchen. Die Partnerorganisationen bekämpfen Gewalt nicht nur lokal, sondern auch mit politischem Druck und juristischer Ausdauer. Sie fördern gesellschaftliche Sensibilisierung und begleiten eine neue Generation starker, selbstbestimmter Frauen.

Die Umsetzung des Urteils steht im Übrigen aus und dürfte von der ECOWAS genau beäugt werden. Aktuell hat den ECOWAS Vorsitz: Julius Maada Bio, der Präsident von Sierra Leone. Eine Anfrage unserer Partner zum Stand der Umsetzung in Sierra Leone ist bereits bei ihm eingegangen.


Text: Leon Schettler
Fotos: AGIAMONDO (oben), Brot für die Welt
Diesen Beitrag haben wir leicht gekürzt und angepasst von Brot für die Welt übernommen.