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Niger: An der Quelle des Friedens

Im Niger verschärft der Klimawandel die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen zusätzlich und befeuert bestehende Feindseligkeiten. Mit Unterstützung des ZFD der GIZ und seiner lokalen Partnerorganisationen gelingt es, durch Dialogprozesse Konflikte zu entschärfen und knappe Ressourcen einvernehmlich zu nutzen. 

Konflikte zwischen sesshaften Landwirt*innen und nomadischen Viehhirt*innen gibt es schon seit Jahrhunderten. Doch der Klimawandel verändert die Zyklen der Natur gravierend: Trockenzeiten dauern länger und werden zu Dürren, Regenzeiten münden nicht selten in Überschwemmungen. In diesem Kontext verschärfen sich auch die latenten Konflikte.

„Früher kamen die Viehhirt*innen mit ihren Herden nach der Ernte“, sagt ein älterer Bauer aus Karel. „Sie ließen ihre Tiere die Überreste der Ernte fressen und wir bekamen den Dünger der Tiere für die nächste Aussaat. Heute kommen sie immer früher, weil sie weiter oben im Norden kein Wasser mehr für ihre Tiere finden. Dann zertrampeln die Tiere unsere Ernte. Und wir streiten.“

Bessere Ergebnisse durch Kooperation

In diesem Kontext hat die GIZ im Rahmen von zwei Projekten  Dialogprozesse und konkrete Infrastrukturmaßnahmen miteinander verbunden. Der Bau eines gemeinsam genutzten Brunnens steht exemplarisch für ein konfliktsensibles Vorgehen, das nicht nur kurzfristige Lösungen schafft, sondern das Vertrauen zwischen verfeindeten Gruppen nachhaltig stärkt.

In der Region Dosso zeigt sich, wie der Klimawandel alte Konflikte weiter verschärft: Zwischen den Ethnien der Fulani (Viehhirt*innen) und Zarma (Bauern und Bäuerinnen) bestehen von jeher Spannungen – kulturell, ökonomisch, politisch. Doch die Ursachen der Konflikte sind komplexer, als es zunächst scheint. Als der Verband der Viehzüchter*innen beim ZFD um Hilfe bat, war klar: Wer hier helfen will, muss zuerst einmal genau hinschauen und zuhören.

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Hinschauen, zuhören, verstehen

Und so begannen die Teams des ZFD und des Frexus-Programms der GIZ, welches Sicherheit und Klimaresilienz in der Region fördert, eine detaillierte Konfliktanalyse. Sie führten Gespräche mit Bauern und Bäuerinnen, Viehhirt*innen, Gemeindechef*innen, Beamt*innen vor Ort, aber auch auf regionaler und nationaler Ebene. Ziel war es, die Konfliktursachen, Perspektiven und Interessen der unterschiedlichen Konfliktakteure zu verstehen und so eine gute Basis für die Konfliktbearbeitung zu haben. Die Analyse zeigte, dass neben strukturellen Mängeln wie schwachen Institutionen, fehlender staatlicher Regulierung und fehlender Durchsetzung von Regeln auch ethnische Spannungen, Misstrauen und ungleiche Machtverhältnisse zu den Konflikten beitrugen. All dies waren wesentliche Informationen, die in den weiteren Prozess einflossen.

Dialog mit Wirkung

Aus der Konfliktanalyse erwuchs ein Dialogprozess zwischen allen relevanten Akteur*innen – kein einmaliges Treffen, sondern eine Serie von sorgfältig vorbereiteten Begegnungen, bei denen die Einheimischen das Sagen hatten, während der ZFD im Hintergrund Unterstützung leistete. „Es war nicht leicht, die verschiedenen Interessengruppen an einen Tisch zu bekommen“, erzählt ein Mitarbeiter des Viehzucht-Verbandes. „Aber dann hatten zum ersten Mal alle das Gefühl, dass sie gehört und ihre Interessen berücksichtigt wurden.“

Im Verlauf des Prozesses wurde deutlich, dass die Interessen zwar unterschiedlich waren – aber alle legitim. Dieser Perspektivwechsel und die Möglichkeit, die andere Seite zu verstehen, war ein großer Schritt auf dem Weg zur Beilegung des Konflikts. Darüber hinaus lernten Teilnehmende auch die Regelungen des Code Rural kennen und verstehen. Darin sind die Landnutzungsrechte der verschiedenen Akteur*innen erfasst und Verantwortlichkeiten sowie Mechanismen für den Konfliktfall festgelegt.

Vom Misstrauen zur Zusammenarbeit

Im Verlauf der Gespräche entstand die Idee eines Brunnens, den alle gemeinsam verwalten und nutzen. 2022 wurde der Brunnen eingeweiht – mit klaren Regeln zur Nutzung und Instandhaltung, die von allen gemeinsam beschlossen worden waren.

Heute trinken hier die Tiere der Fulani und die Kinder der Zarma schöpfen Wasser. Ohne Streit. Und was noch viel wichtiger ist: Die einst verfeindeten Gruppen sprechen miteinander. Der Brunnen wurde zur Brücke über einen tiefen Graben.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Publikation „Mit Klimamaßnahmen Frieden fördern“, herausgegeben 2025 von der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) (S. 20-21). 
Fotos: GIZ