Mexiko: Hoffnung für Menschenrechte

Der deutsch-französische Menschenrechtspreis „Gilberto Bosques“ würdigt in diesem Jahr Yésica Sánchez Maya. Die Anwältin und Aktivistin wird für ihren Kampf für Frauenrechte und gegen Gewalt an Frauen geehrt. Sie gehört dem Direktorinnenteam der feministischen Organisation Consorcio aus dem Bundesstaat Oaxaca im südlichen Mexiko an. Consorcio ist Partner des Zivilen Friedensdienstes.

Consorcio setzt sich für den Schutz und die Sicherheit von Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidigern (MRV) ein. Eine ZFD-Fachkraft unterstützt Yésica Sánchez Maya und ihr Team bei der Entwicklung integraler, gendersensibler Strategien. Das Team analysiert mit bedrohten Personen deren Risiken, berät zu physischen, digitalen und emotionalen Schutzmaßnahmen und sensibilisiert für eine Selbstfürsorge der Betroffenen. Consorcio begleitet bedrohte Aktivistinnen und Aktivisten auch bei der Beantragung von staatlichen Schutzmaßnahmen, macht Fälle von Menschenrechtsverletzungen öffentlich und fordert strafrechtliche Verfolgung und Aufklärung.

Für Gerechtigkeit kämpfen, bedeutet: Gefahren in Kauf nehmen

Yésica Sánchez Maya berichtet von 21 ermordeten MRV zwischen 2017 und 2019 im Bundesstaat Oaxaca. Über die Hälfte von ihnen setze sich in entlegenen Regionen für Schutz ihrer Umwelt und den Erhalt ihrer Territorien ein. Besorgniserregend sei auch der Anstieg digitaler Aggressionen seit Beginn der Corona-Pandemie. Die Hälfte aller Angriffe auf Aktivistinnen im Jahr 2020 habe in sozialen Netzwerken stattgefunden. Yésica Sánchez Maya und das Team von Consorcio waren selbst schon mehrfach Angriffen ausgesetzt, zuletzt im Juni 2020 (vgl. unseren Beitrag vom 29.6.2020). Unbekannte legten vor dem Bürogebäude der Organisation eine Tüte mit Resten eines Tierkopfes sowie einen Pappkarton ab, auf dem eine Morddrohung stand.

Der ZFD unterstützt Consorcio dabei, solche Angriffe zu dokumentieren, sie öffentlich zu machen und für die Lobbyarbeit einzusetzen. Auch in der Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren spielen diese Fälle eine wichtige Rolle. So bat die UN-Sonderberichterstatterin zur Situation von MRV, Mary Lawlor, Consorcio um Informationen aus Oaxaca für einen Bericht, den sie im März vor dem UN-Menschenrechtsrat vorstellte. Viele Empfehlungen aus der von Consorcio verfassten Veröffentlichung „Morde, Drohungen und Angriffe gegen MRV in Oaxaca“ seien in den Bericht Mary Lawlors eingeflossen, betonte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler in einer Videobotschaft im März 2020 bei einer virtuellen Veranstaltung.

Für Gerechtigkeit kämpfen, heißt: Hoffnung säen

Vor der Preisverleihung am 26. März 2020 in Mexiko-Stadt erklärte Yésica Sánchez Maya: „Die Würdigung meiner Arbeit bekräftigt den Weg, den ich vor 22 Jahren eingeschlagen habe. Mit all diesen mutigen Menschen sowie Vertreter*innen der internationalen Gemeinschaft heute hier zu stehen, zeigt, dass Menschenrechtsverteidiger*innen Personen sind, die Hoffnung säen, weil sie für Gerechtigkeit kämpfen.“

Der Hauptpreis geht in diesem Jahr an das „Movimiento por Nuestros Desaparecidos en México“ (MNDM). Die Bewegung setzt sich für die Aufklärung des Schicksals der über 80.000 verschwundenen Menschen in Mexiko ein. Mit der Auszeichnung werden über 70 Gruppen geehrt, die der Bewegung angehören. Gewürdigt wurde auch das Lebenswerk von José Raúl Vera López, dem seit November 2020 emeritierten Bischof von Saltillo.

Der Gilberto-Bosques-Preis wird von den Botschaften Deutschlands und Frankreichs in Mexiko seit 2013 vergeben. Mit ihm soll das Engagement für die Durchsetzung der Menschenrechte ausgezeichnet werden. Der Namensgeber Gilberto Bosques (1892-1995) hat als mexikanischer Generalkonsul in Frankreich Tausenden Verfolgten des Nazi- und Francoregimes zur Flucht nach Mexiko verholfen.


Weitere Informationen über Consorcio finden Sie auf der spanischsprachigen Webseite der Frauenrechtsorganisation. Die spanische Fassung des oben erwähnten Berichts „Morde, Drohungen und Angriffe gegen MRV in Oaxaca“ können Sie sich hier ebenfalls herunterladen. In Kürze erscheint der Bericht auch auf Deutsch.

Mehr über die Kooperation zwischen Consorcio und dem Zivilen Friedensdienstes erfahren Sie im „Dossier Welt-Sichten: Suche Frieden und jage ihm nach. 20 Jahre Ziviler Friedensdienst von Brot für die Welt.“ Die Reportage zur Arbeit von Consorcio und ZFD-Fachkraft Emilie de Wolf ist auf Seite 10 bis 13 abgedruckt. In unserer Publikationsdatenbank können Sie sich die deutschsprachige Broschüre als PDF-Datei herunterladen.

Text: Kristin Gebhardt, ZFD-Koordinatorin von Brot für die Welt in Mexiko; Foto: Consorcio