Kolumbien: Zunahme politischer Gewalt

Am 27. Oktober 2019 finden in Kolumbien die nächsten Regional- und Kommunalwahlen statt. Damit steigt auch das Ausmaß politisch motivierter Gewalt. Nach Einschätzung der Wahlbeobachtungskommission MOE besteht in über 150 Landkreisen die Gefahr von Wahlbetrug und politischer Gewalt. Besonders explosiv ist die Lage in den Departamentos der Pazifikregion. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der ZFD genau hier sein Engagement seit Beginn des Jahres ausbaut.

Die „Misión de Observación Electoral“ (MOE), ein Zusammenschluss mehrerer zivilgesellschaftlicher Organisationen, nennt in ihrer aktuellen Analyse vom 1. Oktober 2019 namentlich die Departamentos* Antioquia, Chocó, Nariño, Cauca und Valle del Cauca, wo sich die Lage mit dem Näherrücken des Wahltermins zuspitzt. Insgesamt wurden in Kolumbien seit Jahresbeginn bereits 160 politische Morde verübt, meldet das Nachrichtenportals „america21“, und zwar an Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern, an ehemaligen Mitgliedern der FARC und an bislang 22 Kandidierenden für die Kommunalwahlen.

Der Friedensprozess, der mit dem Abkommen zwischen der größten Guerillagruppe FARC und der kolumbianischen Regierung 2016 einen historischen Erfolg verzeichnen konnte, erleidet in jüngster Zeit erhebliche Einschnitte. Die Zahl der ermordeten Personen, die sich für soziale Belange oder den Schutz der Menschenrechte einsetzen, ist seit 2016 massiv angestiegen. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens Ende 2016 sind rund 800 Personen ermordet worden. Die Friedensgespräche mit der zweitgrößten Guerillagruppe ELN hat die kolumbianische Regierung nach einem von der ELN verübten Anschlag auf eine Polizeischule in Bogotá im Januar 2019 abgebrochen. Ende August 2019 hat ein ehemaliger Verhandlungsführer der FARC angekündigt, den bewaffneten Widerstand wiederaufzunehmen. Zwar „kann nicht pauschal von einer „Wiederbewaffnung der Guerilla“ gesprochen werden. Es handelt sich vielmehr um eine relativ kleine Fraktion von Dissidenten“, urteilt die „Konrad Adenauer-Stiftung“, dennoch ist es ein herber Dämpfer für den Friedensprozess.

Bedrohung und Gewalt gehören somit noch immer zum Alltag der Menschen in Kolumbien. Viele haben die Hoffnung auf Frieden, die 2016 aufkeimte, wieder verloren. Zumal die im Friedensabkommen versprochenen Reformen nur schleppend in Gang kommen. Die Konfliktursachen sind längst nicht behoben. Viele Menschen leben in Armut. Mächtige Kräfte stehen dem Friedensprozess im Wege. Sie setzen weiterhin auf Einschüchterung, Gewalt und Mord. All dies ist ein idealer Nährboden für neue Konflikte und noch mehr Gewalt – auch innerhalb der Bevölkerung. Nach über fünf Jahrzehnten gewaltsamer Konflikte wundert es kaum, dass auch Streitigkeiten im Alltag schnell eskalieren.

Umso wichtiger ist es, bestehenden Friedensinitiativen weiterhin den Rücken zu stärken. Der Zivile Friedensdienst engagiert sich in Kolumbien mit derzeit 22 Fachkräften von den beiden Trägern AGEH und pbi. Zu den Partnern zählen sieben katholische Diözesen, acht zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie die „Nationale Versöhnungskommission der katholischen Kirchen in Kolumbien”. Darüber hinaus werden rund 20 Menschenrechtsorganisationen durch zivile Schutzbegleitung, Sicherheitstrainings und Lobbyarbeit gestärkt. Gemeinsam arbeiten die ZFD-Fachkräfte mit ihren einheimischen Kolleginnen und Kollegen darauf hin, dass der Friedensprozess nicht versiegt – und die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, zumindest soweit es ihnen möglich ist.

Unser Kolumbien-FACTSHEET „Was kann Resignation in Tatendrang verwandeln? FRIEDEN KANN.“ im Rahmen von 20 JAHRE ZFD beleuchtet die friedensfördernde Arbeit der Diözese Quibdó im Departamento del Chocó durch das Aufleben einer interethnischen Kommission, die zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vermittelt.

Weitere aktuelle Beiträge zum ZFD-Engagement in Kolumbien finden sich beim ZFD-Träger AGEH:

Informationen über die Arbeit des ZFD-Trägers pbi in Kolumbien finden sich im pbi-Projektflyer sowie in dem knapp dreiminütigen AnimationsfilmWas macht pbi in Kolumbien”.

 


*Kolumbien ist in 32 Provinzen (Departamentos) unterteilt, hinzu kommt Bogotá als „Distrito Capital“. Bei den anstehenden Regional- und Kommunalwahlen am 27. Oktober 2019 werden sowohl die Gouverneurinnen und Gouverneure der 32 Provinzen und die Zusammensetzung der jeweiligen Regionalparlamente bestimmt, als auch die Stadt- beziehungsweise Gemeinderäte auf kommunaler Ebene sowie die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister.

 

Foto: Michaela Pfister/AGEH