Guatemala: Heikel, aber heilsam

1996 endete in Guatemala ein jahrzehntelanger bewaffneter Konflikt. Mehr als 200.000 Menschen wurden in dieser Zeit Opfer von politischen Morden, Verschleppungen, Massakern und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen. Die gewaltvolle Vergangenheit lastet bis heute auf dem Land und seiner Bevölkerung. Der ZFD unterstützt den Prozess der Aufarbeitung bereits seit vielen Jahren. Unter Federführung der Partnerorganisation Fundación Propaz wird ab 2020 nun auch der schwierige Dialog zwischen Tätern und Opfern aufgenommen.

Insbesondere dann, wenn es um schwerste Verbrechen wie Vergewaltigung, Misshandlung und Mord geht, ist eine Aufarbeitung des Geschehenen ein schmerzhafter und langwieriger Prozess. Ein Aufeinanderzugehen von Opfern und Tätern scheint ausgeschlossen. Doch gerade dann ist eine (juristische wie psychosoziale) Aufarbeitung umso dringlicher. Und auch dann muss eine Antwort auf die Frage gefunden werden: Wie kann ein friedliches Zusammenleben gelingen?

Beim herkömmlichen Strafverfahren stehen eher die Täterinnen und Täter im Vordergrund. Opfer sind zwar als Zeugen und/oder (Neben-) Klägerinnen zugelassen, der Gerichtsprozess verlangt aber in der Regel eine nüchterne Schilderung des Tathergangs. So wichtig eine juristische Aufarbeitung auch ist, für Opfer schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen birgt ein Gerichtsverfahren die Gefahr einer Retraumatisierung. Bei der sogenannten „restaurativen Justiz“ hingegen stehen die Opfer im Mittelpunkt der Aufarbeitung. In einem geschützten Rahmen erhalten sie die Gelegenheit zu erzählen, wie sie das Verbrechen erlebt haben und welche emotionalen Qualen es ausgelöst hat.

Bei der „restaurativen Justiz“ wird auf eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen Tätern und Opfern unter professioneller Begleitung hingearbeitet. Es wird versucht, einen gemeinsamen Weg der Aufarbeitung zu finden, der auch Wiedergutmachung und Versöhnung umfasst. Eine Methode der „restaurativen Justiz“ ist der „restaurative Dialog“: Im direkten Gespräch erhalten die Opfer die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die ihnen nur von Täterseite beantwortet werden können. Täterinnen und Täter erkennen im direkten Austausch mit den Geschädigten die weitreichenden Konsequenzen ihrer Taten, entwickeln häufig Empathie und übernehmen öfter Verantwortung. Für die Bewältigung der Traumata auf Opferseite ist dies meist wirksamer als eine alleinige Verurteilung.

Der ZFD unterstützt in Guatemala seit 2000 die Aufarbeitung der Vergangenheit. Zentrale Elemente in diesem Prozess sind die geschichtliche Aufarbeitung und Wahrheitsfindung, die strafrechtliche Verfolgung der Verbrechen, die Wiederherstellung der Würde der Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch Entschädigungsprozesse und darauf aufbauend, die Förderung von erinnerungspädagogischen und gewaltpräventiven Aktivitäten. Gemeinsam mit der Partnerorganisation Fundación Propaz und anderen Partnerorganisationen wird ab diesem Jahr nun auch mit der Methode des „restaurativen Dialogs“ zwischen Täterinnen und Tätern und Opfern gearbeitet.

Die Fundación Propaz ist eine gemeinnützige zivilgesellschaftliche Organisation, die sich auf Friedenskonsolidierung, Gewaltprävention und Konfliktbearbeitung spezialisiert hat. Neben Aus- und Weiterbildungsangeboten begleiten die Mitarbeitenden der „Stiftung für den Frieden“ auch Prozesse der Konfliktbearbeitung auf lokaler Ebene, sind in Mediation, Dialog und Sensibilisierung aktiv.


Weitere Informationen über die Vergangenheitsarbeit des Zivilen Friedensdienstes in Guatemala
finden Sie in den folgenden beiden Publikationen (über die Links laden Sie die Dokumente direkt aus unserer Publikationsdatenbank herunter):

Informationen über die weiteren Schwerpunkte des ZFD in Guatemala finden Sie in unserer Projektdatenbank.
 

Foto: GIZ/Fundación Propaz [Das Foto zeigt Teilnehmende eines Workshops zur Vergangenheitsaufarbeitung: Anhand eines Kruges wird gemeinsam symbolisch gekittet, was durch langjährige Gewalterfahrung und Bürgerkrieg zerbrochenen wurde.]