El Salvador: Auf den Spuren der verschwundenen Kinder

11.9.2019

Während des Bürgerkriegs in El Salvador wurden etwa 30.000 Kinder von ihren Eltern getrennt und oftmals ohne deren Zustimmung zur Adoption vermittelt. Die Organisation Pro-Búsqueda setzt sich seit 1994 dafür ein, die „verschwundenen Kinder“ wieder mit ihren Familienangehörigen zu vereinen. ZFD-Fachkraft Theresa Denger unterstützt die Arbeit der Organisation vor Ort.

In der aktuellen Contacts, dem Magazin des ZFD-Trägers AGEH, gibt Dr. Theresa Denger einen Einblick in die Arbeit der kleinen Nichtregierungsorganisation Pro-Búsqueda (Búsqueda = Suche). Im Folgenden lesen Sie Ausschnitte aus ihrem Bericht. Den vollständigen Artikel finden Sie hier auf den Seiten der AGEH.


AUF DEN SPUREN DER VERSCHWUNDENEN KINDER

Die Mittagssonne brennt auf den Schotterweg und die Wellblechdächer in „La Bomba“, einem kleinen Weiler im Westen El Salvadors. Der Pick-up, der gerade ins Dorf eingefahren ist, kommt zum Stehen. Eine ältere Frau nähert sich ihm schüchtern. Es ist Lorena Raymundo*, die Pro-Búsqueda einige Wochen zuvor um einen Besuch gebeten hat. Margarita Zamora, Koordinatorin der Ermittlungseinheit bei Pro-Búsqueda, begrüßt sie herzlich und zückt dann Notizblock und Diktiergerät. Denn bei Lorenas Geschichte kann jedes Detail von Relevanz sein.

Ein Fingerabdruck auf weißem Papier besiegelte das Schicksal der Kinder

Vor 35 Jahren, als in El Salvador Bürgerkrieg herrschte, lebte Lorena Raymundo mit ihrer Mutter, ihrem einjährigen Sohn und ihren neu geborenen Zwillingsmädchen in einem Armenviertel in San Salvador. Um die Familie versorgen zu können, fing sie an, als Hausmädchen zu arbeiten. Da es keine andere Betreuungsmöglichkeit für die Kleinen gab, nahm sie ihre Kinder mit zur Arbeit. Eines Tages erzählte ihr die Dame des Hauses von einem Heim, das sich um Kinder in Not kümmere. Dort könne sie ihre Babys vorübergehend unterbringen und jeden Monat besuchen. Lorena dachte nicht lange darüber nach und übergab ihre fünf Monate alten Zwillinge einem Herrn, der sich Dr. Sánchez nannte und angab, mit dem besagten Heim in Verbindung zu stehen. Zwei Monate später bekam sie erneut Besuch von ihm. Freudig berichtete er ihr, dass es den Kindern gut gehe, und dass sie sie monatlich besuchen könne, wenn sie die entsprechenden Papiere unterschriebe. Dann legte er ihr leere Seiten vor, und Lorena machte, nichts Böses ahnend, ihren Fingerabdruck darauf. Tage und Monate vergingen, Lorena hörte nichts mehr von Dr. Sánchez und bekam auch ihre Töchter nicht zu Gesicht. Sie hatte keine Anhaltspunkte, wo sie sie suchen könnte, und jeder Schritt vor die Tür stellte ein Risiko dar: Erst kurz vor dem Verschwinden der Mädchen war im Gesundheitszentrum ihres Wohnviertels eine Bombe hochgegangen.

Die Suche dauert ofmals mehrere Jahre

Margarita Zamora drückt auf den Knopf ihres Diktiergeräts und holt ein DNA-Test-Kit hervor. Sie erklärt Lorena, dass ihre DNA-Probe zur Analyse ins Labor geschickt, und ihr Profil anschließend in die DNA-Datenbank von Pro-Búsqueda eingespeist wird. Diese enthält aktuell 1.224 Profile von Familienangehörigen im Bürgerkrieg verschwundener Kinder und 320 Profile von Salvadorianerinnen und Salvadorianern, die auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern sind. Mit etwas Glück könnten Lorenas Zwillingstöchter dabei sein, und die Suche wäre beendet. In den meisten Fällen ist jedoch ein langjähriger Nachforschungsprozess notwendig, der Zeugenbefragungen, Behördengänge sowie das Abklappern möglicher Wohnadressen der Gesuchten umfassen kann. Margarita Zamora weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam und langwierig die Ermittlungen sein können: Seit 1982 ist sie auf der Suche nach ihren vier verschwundenen Geschwistern, von denen jedoch bis heute jede Spur fehlt. Anstatt sich davon entmutigen zu lassen, ist Zamora vielmehr umso motivierter, an der Aufklärung möglichst vieler Fälle verschwundener Kinder mitzuarbeiten und Zuversicht zu spenden. So findet sie auch die richtigen Worte, um Lorena Mut, nicht aber falsche Hoffnungen, zu machen.

Seit der Gründung von Pro-Búsqueda im Jahr 1994 sind 996 Suchanfragen von zur Adoption vermittelten Kindern oder deren Familienangehörigen eingegangen. Davon konnte die kleine Nichtregierungsorganisation bereits 445 Fälle lösen, und 277 Mal ist es zu Wiederbegegnungen zwischen den verschwundenen Kindern und ihren leiblichen Familienangehörigen gekommen. Im Fall der verschwundenen Töchter Lorenas gibt es Grund zur Hoffnung: Die Einsicht in eine Gerichtsakte hat jüngst Aufschluss über die Identität der in den USA lebenden Adoptiveltern gebracht. Jetzt hängt es vom Kommunikationsgeschick Pro-Búsquedas ab, ob sich die Adoptiveltern für Lorenas Suche gewinnen lassen, um gemeinsam ein verdunkeltes Kapitel der Familien- und Landesgeschichte aufzuarbeiten.


Adoptionen während des Bürgerkriegs: Während des Bürgerkriegs von 1979 bis 1992 wurden in El Salvador rund 30.000 Kinder zur Adoption vermittelt, der größte Teil von ihnen in Länder der so genannten "ersten Welt". Unter Anwendung der „Strategie der verbrannten Erde“ ging das Militär sowohl gegen die Guerilla, als auch gegen die Zivilbevölkerung vor, der unterstellt wurde, die Aufständischen zu unterstützen. Vor allem im Norden und im Osten des Landes wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und die Bevölkerung grausam ermordet – darunter viele Kinder. Später ging das Militär vermehrt dazu über, die anwesenden Kinder verschwinden zu lassen. Schnell witterten Anwälte die Möglichkeit, mit der Vermittlung der Kinder in die Adoption ein Geschäft zu machen und erzielten dabei einen Gewinn von schätzungsweise 2.000 bis 5.000 US-Dollar pro Kind. Unter Einbindung von Kinderheimträgern, religiösen Orden, Hilfsorganisationen und Justizbeamten bekamen die Adoptionsprozesse einen humanitären und legalen Anschein. Mit dem Ausbau dieser illegalen Strukturen verbreitete sich auch die Praxis, die Notlage armer Mütter auszunutzen und sie von ihren Kindern zu trennen. Da viele von ihnen Analphabetinnen waren, war es oftmals leicht, ihren Fingerabdruck für eine schriftliche Einverständniserklärung zu gewinnen.


Dr. Theresa Denger arbeitet als ZFD-Fachkraft mit an der Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit in El Salvador, indem sie für Pro-Búsqueda den Suchanfragen adoptierter Erwachsener aus dem Ausland nachgeht und die Kommunikation zwischen Geburts- und Adoptivfamilien begleitet. Außerdem sensibilisiert sie Studierende an der an der Universität José Simeón Cañas in San Salvador für die Thematik der verschwundenen Kinder. Dabei ist es ihr ein Anliegen, die politische Dimension der Suche nach den Verschwundenen ins Bewusstsein zu bringen und einen Bezug zur Aktualität aufzuzeigen. Denn ähnlich wie damals bleiben heute in El Salvador 95 Prozent der Gewaltverbrechen ungeahndet und auch die strukturelle Ungerechtigkeit besteht weiter. Und wie damals verschwinden auch heute täglich Menschen in Armenvierteln.
 

*Name von der Redaktion geändert

Text: Dr. Theresa Denger; Foto: Omar Centeno [ZFD-Fachkraft Theresa Denger im Gespräch mit der Mutter eines im Ausland adoptierten Salvadorianers]