Corona-Pandemie: Krise mal Krise mal Krise

20.8.2020

In den Ländern des Sahel sind die Fallzahlen relativ gering, die Auswirkungen von COVID-19 sind dennoch gravierend. Nach Einschätzung internationaler Hilfsorganisationen droht eine Hungerkatastrophe. Auch die Konflikte nehmen zu. Die Partner des ZFD setzen alles daran, eine gewaltsame Eskalation – wie auch die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern.

Im Sahel ist die Wanderweidewirtschaft eine weit verbreitete Lebensform und Einkommensquelle. Viehzüchterinnen und -züchter treiben ihre Herden im jahreszeitlichen Verlauf zu unterschiedlichen Weidezonen, auch über internationale Grenzen hinweg. Doch was tun, wenn die Grenzen von heute auf morgen geschlossen werden, um eine Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern? Die mobilen Viehzüchterinnen und -züchter hat die Corona-Krise gleich zu Beginn schwer getroffen. Die Schließung der Landesgrenzen hat den gewohnten Wanderwegen einen Riegel vorgesetzt. Ausgangssperren und Reisebeschränkungen haben die Handlungsmöglichkeiten weiter eingeengt: Stoßzeiten an Wasserstellen zu umgehen und die Tiere auf den Märkten der Region zum Verkauf anzubieten, ist unter den gegebenen Einschränkungen nur schwer möglich.

Für die sesshaften Ackerbäuerinnen und -bauern ist die Lage kaum besser. Landwirtschaft und Viehzucht rangieren unter den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Region. Für die meisten Menschen sind sie die Einkommensquelle Nummer Eins. Doch auch die Bedingungen für die Landwirtschaft werden zunehmend schlechter. Immer wieder ist der Sahel von Dürren betroffen. Die Regenfälle werden unregelmäßiger, mitunter bleiben sie ganz aus. 80 Prozent der Böden sind degradiert. Bereits im April 2020 warnte ein Bündnis aus acht regionalen und internationalen Hilfsorganisationen, dass die Zahl der Menschen, die in der Region von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, durch die Corona-Pandemie drastisch steigen könne. Das Welternährungsprogramm der UN sprach davon, dass die ohnehin bestehende humanitäre Krise durch COVID-19 außer Kontrolle gerate. Insgesamt seien in der Sahelzone 24 Millionen Menschen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Mit COVID-19 nehmen auch Konflikte und Gewalt im Sahel zu

In den vergangenen Monaten haben sich die Konflikte zwischen mobilen Viehzüchterinnen und -züchtern und sesshaften Ackerbäuerinnen und -bauern weiter verschärft. Die Konflikte sind nicht neu. Traditionell ergänzen sich die Produktionsweisen der mobilen Viehzucht und des Ackerbaus. Das Gleichgewicht ist jedoch seit längerem aus den Fugen: Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, übernutzte Böden und ausbleibende Regenfälle erhöhen den Druck. Auch der Abbau von Gold und anderen Rohstoffen fordert zusehends mehr Land ein. So eskalieren Konflikte um den Zugang zu natürlichen Ressourcen, insbesondere Wasser und Boden, immer häufiger gewaltsam. Die Corona-Präventionsmaßnahmen führen dazu, dass sich die Situation zwangsläufig zuspitzt.

Hinzu kommt in vielen Regionen eine angespannte Sicherheitslage durch steigende Bandenkriminalität und den zunehmenden Einfluss religiöser Sekten und privater Milizen. Gewaltbereite Kräfte missbrauchen die gegenwärtige Krise dazu, ihren Einfluss auszubauen. Schon jetzt lebt im Sahel einer von vier Menschen in einem Konfliktgebiet. Die Gefahr von Anschlägen und gewaltsamen Übergriffen ist mit COVID-19 gestiegen. Vielerorts verschärfen schlechte Regierungsführung und kommunales Missmanagement die Lage. Es besteht zudem die Gefahr, dass lokale Konflikte politisiert werden und zu gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen führen. Wenn ohnehin schwache staatliche Kapazitäten mit der Eindämmung der Pandemie beschäftigt sind, bleibt nur wenig, was diesen Gefahren entgegengesetzt werden kann.

ZFD arbeitet mit seinen lokalen Partnern an einer gewaltfreien Bearbeitung der Konflikte

Der Zivile Friedensdienst (ZFD) arbeitet in der Sahelregion in mehreren Ländern mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Partnern auf friedliche Lösungen hin. Die Konfliktparteien treffen sich auf kommunaler, regionaler wie auch nationaler Ebene, um eine gerechtere Nutzung der natürlichen Ressourcen unter Berücksichtigung aller Landnutzerinnen und -nutzern zu vereinbaren. Wo der ZFD mit seinen Partnern aktiv ist, konnten verbindliche Regelungen gefunden werden, die auch gesetzlich verankert sind. Ackerbäuerinnen und -bauern sowie Viehzüchterinnen und -züchter einigen sich bereits im Vorfeld der Wanderungen auf Durchzugswege und -zeiten. Sofern Anbauflächen beschädigt werden, kommen Regelungen für die Entschädigung zur Anwendung. Der örtlichen Polizei zufolge gibt es dadurch weniger Konflikte.

Um die Methoden der gewaltfreien Konfliktbearbeitung weiter voranzubringen, werden darüber hinaus Weiterbildungsmodule, Ratgeber, Poster, Kassetten und Radiobeiträge entwickelt. Mit Erfolg: Dank intensiver Öffentlichkeitsarbeit wurden in allen drei Ländern Reformen auf nationaler Gesetzesebene angestoßen. Im Bereich Friedensjournalismus werden Kommunalradios in konfliktsensibler Berichterstattung geschult, damit ihre Sendungen Spannungen abbauen, anstatt Konflikte anzuheizen, damit sie aufklären und nicht vertuschen.

Damit diese Erfolge durch die gegenwärtige Zuspitzung nicht zunichtegemacht werden, setzen der ZFD und seine lokalen Partnerorganisationen ihre Arbeit auch unter den erschwerten Bedingungen fort. Teilweise musste vorübergehend auf digitale Kommunikationskanäle ausgewichen werden. Sobald es wieder möglich war, wurde auch der persönliche Kontakt mit den Zielgruppen wieder gesucht – selbstverständlich unter Einhaltung der gebotenen Sicherheitsvorkehrungen. Viele Partnerorganisationen haben darüber hinaus eigenes Aufklärungsmaterial zum neuartigen Corona-Virus erstellt, Informationsveranstaltungen durchgeführt und Schutzausrüstung (Masken, Desinfektionsmittel, Waschstationen) verteilt.

Unsere Bildergalerie gibt einen kleinen Einblick in die Arbeit einiger ZFD-Partner in Zeiten von COVID-19. Die Bilder zeigen Aktionen folgender Partnerorganisationen: ACD (Burkina Faso), AGED (Burkina Faso), APENF (Burkina Faso), ASED (Niger), BANI MA DOUMI (Niger), CercleDev (Niger), FNEN-Daddo (Niger), GERED (Benin), IQRA (Burkina Faso), Potal Men (Benin).


Mehr über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes in der Sahelregion erfahren Sie in unserer Projektdatenbank.

Im aktuellen „Rundbrief 2/2020“ des ZFD-Trägers EIRENE finden Sie auf Seite 3 ein Interview mit Dr. Hamidou Ibrahima Infi, Mitglied im nigrischen Corona-Krisenstab, zur Lage im Niger.

 

Abbildungen + Fotos: EIRENE au Sahel & GIZ/ZFD in Kooperation mit den jeweiligen Partnerorganisationen