Corona-Pandemie: Besonnen durch die Krise

9.9.2020

COVID-19 hat die Wege ziviler Konfliktbearbeitung verändert, nicht aber ihre Inhalte, und schon gar nicht ihre Notwendigkeit. In Honduras setzen der ZFD und seine Partner vermehrt auf Online-Angebote. ZFD-Fachkraft Jasper Alders trägt seit Beginn des strikten Lockdowns mit einem psychosozialen E-Newsletter dafür Sorge, dass seine lokalen Kolleginnen und Kollegen und ihre Zielgruppen mit der belastenden Situation besser zurechtkommen.

„Bleiben Sie ruhig, zuversichtlich und gesund“, ermutigt Jasper Alders seine Leserinnen und Lesern in der 17. Ausgabe des „Boletín Psicosocial“ vom 29. Mai 2020. Wenige Tage zuvor hatte WHO-Regionaldirektorin Carissa F. Etienne Lateinamerika zum neuen „Epizentrum der COVID-19-Pandemie“ erklärt. Alders Zuspruch kommt also nicht von ungefähr. Es ist aber auch nicht der erste seiner Art. Auf die COVID-19-Pandemie hat Jasper Alders umgehend reagiert. Seit Januar 2019 arbeitet er als ZFD-Fachkraft in Honduras. Von der Hauptstadt Tegucigalpa aus unterstützt er mehrere Partnerorganisationen des ZFD-Trägers GIZ im Bereich psychosozialer Arbeit. Sein Input ist wichtiger denn je, da auch in Honduras die psychische Belastung der Menschen durch COVID-19 drastisch zugenommen hat.

Unmittelbar nachdem am 10. März 2020 die ersten COVID-19-Infektionen registriert wurden, reagierte die honduranische Regierung mit einem absoluten Lockdown. Alders war wie sämtliche seiner Kolleginnen und Kollegen von heute auf morgen ins Homeoffice verbannt. Da ihm bewusst war, dass die psychische Belastung mit der Corona-Krise weiter zunimmt, begann er, einen informellen E-Newsletter zu schreiben – mit praktischen Tipps zum Umgang mit der zusätzlichen Herausforderung. Neben Atem- und Entspannungsübungen gibt er Anleitungen zur Stressbewältigung wie auch Anregungen für kreative und kulturelle Aktivitäten, die helfen, die Zeit des Lockdowns zu überstehen. Was anfangs nur als Unterstützung des honduranischen ZFD-Teams einschließlich der Partnerorganisationen gedacht war, hat sich schnell als willkommene Lektüre für eine erweiterte Leserschaft erwiesen. Das „Boletín Psicosocial“ wird auch an die Mitglieder anderer GIZ-Programme in Honduras und interessierte Personen aus GIZ-Programmen in der Region (Bolivien, El Salvador und Kolumbien) und darüber hinaus (Äthiopien, Kenia, Nepal), die zu psychosozialen Themen arbeiten, verschickt. So wurde aus einem informellen Newsletter eine länderübergreifende Initiative für psychosoziales Wohlbefinden.

ZFD Honduras setzt vermehrt auf digitale Kanäle

Nach Inkrafttreten des Lockdowns hat das ZFD-Team in Honduras mit seinen Partnerorganisationen unter Hochdruck daran gearbeitet, die Möglichkeiten der Online-Kommunikation auszubauen, damit die Arbeit fortgesetzt werden kann. Gemeinsam mit der Partnerorganisation AMCH, dem Dachverband honduranischer Kommunalradios, wurden in den vergangenen Wochen mehrere Online-Workshops zu psychosozialen Themen wie Selbstwertgefühl, Depressionen und soziale Stigmatisierung durchgeführt. „Einige der beteiligten Community-Radiosender“, berichtet Alders, „sind sehr daran interessiert, die besprochenen Inhalte fürs Radio aufzubereiten, um ihre Zuhörerinnen und Zuhörer zu sensibilisieren – zum Beispiel über Depressionen, die nach wie vor ein stigmatisiertes oder tabuisiertes Thema sind, manchmal aufgrund religiöser oder kultureller Wahrnehmungen, oft aber schlicht und einfach aufgrund von Unwissenheit.“

Zusammen mit der ZFD-Partnerorganisation CPTRT hat Alders in den letzten Wochen außerdem ein Handbuch zur psychosozialen Arbeit fertiggestellt, das den Partnern des CPTRT in Kürze zur Verfügung steht. Auch sein Newsletter, das „Boletín Psicosocial“, erscheint weiterhin; inzwischen liegt die 19. Ausgabe vor. „Seitdem wir jedoch in der Lage sind“, sagt Alders, „uns über unsere digitalen Plattformen weiterzuentwickeln und mehr mit unseren Partnerorganisationen zusammenzuarbeiten und Online-Workshops und -Treffen zu organisieren, ist der Newsletter aufgrund der dortigen Prioritäten weniger häufig erschienen.“

Zivile Konfliktbearbeitung gewinnt in Krisenzeiten an Relevanz

Dank seiner langjährigen Erfahrung hat Jasper Alders die holprigen Zeiten der vergangenen Monate gut gemeistert. Der Niederländer hat einen Master in Klinischer Entwicklungspsychologie und von 2003 bis 2015 in der psychiatrischen Versorgung gearbeitet. 2015 wechselte er in die internationale Entwicklungsarbeit mit Schwerpunkt Krisenhilfe. 2015 arbeitete er mit Geflüchteten auf Chios, Griechenland. Von 2016 an war er in Guatemala an mehreren pädagogischen und psychosozialen Projekten für Kinder beteiligt. 2018 leistete er psychologische Unterstützung für Überlebende des Vulkanausbruch Fuego in Alotenango, Guatemala. Es war der schwerste Ausbruch des Vulkans seit 40 Jahren. Seit Januar 2019 ist Alders als ZFD-Fachkraft in Honduras aktiv. Mit seinem E-Newsletter gibt er seine erprobten Kenntnisse in Stress- und Krisenbewältigung nun auch an seine lokalen Kolleginnen und Kollegen weiter.

Trotz oder gerade wegen der gegenwärtigen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ist Jasper Alders davon überzeugt, dass die Arbeit des ZFD in Honduras weiterhin wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger als zuvor: „Die Pandemie hat die psychosoziale Belastung der honduranischen Bevölkerung einschließlich unserer Partnerorganisationen erhöht. Darüber hinaus hat die Pandemie die sozioökonomischen und soziopolitischen Gegensätze innerhalb der honduranischen Gesellschaft weiter verstärkt. In Verbindung mit dem tiefen Misstrauen zwischen der Regierung und der Zivilgesellschaft besteht ein hohes Risiko, dass es zu vermehrten Konflikten kommt. Unsere Präsenz und unsere Arbeit auf dem Gebiet der Konfliktbearbeitung sind daher nach wie vor sehr aktuell.“

Verständnis für psychosoziale Arbeit wächst

Dass COVID-19 die Lage im Land nicht nur verändert, sondern zudem verschärft, beobachtet auch Marbella Caballero von der ZFD-Partnerorganisation CCH: „Die Arbeit an einer Kultur des Friedens und Dialogs ist in Regionen wie Lateinamerika, insbesondere in unserem Land Honduras, immer aktuell und wichtig gewesen. Unser Land erlebt seit Jahren eine permanente Eskalation verschiedener sozialer und ökologischer Konflikte; statistische Daten zeigen, dass Gewalt, Korruption, Landkonzessionen und die Verfolgung von Menschenrechtsverteidigern von Tag zu Tag schärfer werden. Die COVID-19-Pandemie hat die Verwundbarkeit unserer Systeme sichtbar und die Notwendigkeit psychosozialer Arbeit noch deutlicher gemacht.“

Darin sieht Alders auch eine gewisse Chance, die der Zivile Friedensdienst aber nur nutzen kann, wenn er sein Engagement mit unverminderten Kräften aufrechterhält: „In Honduras, wie auch in vielen anderen Gesellschaften, wird die Bedeutung und der Bedarf an psychosozialer Unterstützung oft nicht angemessen wahrgenommen. Die Pandemie hat jedoch die psychosoziale Belastung derart verschärft, dass sich viele Menschen der Bedeutung an psychosozialer Unterstützung, an Wissen und Praxis stärker bewusstgeworden sind. Das bedeutet, dass all die positive Arbeit, die wir in diesem Augenblick leisten können, ein stärkeres und breiteres Verständnis für den Wert psychosozialer Arbeit schaffen kann.“


Die ZFD-Partner in Honduras

Die ZFD-Partnerorganisation „Centro de Prevención, Tratamiento y Rehabilitación de las Víctimas de la Tortura y sus familias“ (CPTRT) wurde 1995 gegründet, um Fragen politischer Gewalt und vermisster Personen anzugehen. Mit medizinischer und psychologischer Betreuung steht das CPTRT-Team Folteropfern und ihren Familien bei. Die Kooperation zwischen CPTRT und ZFD zielt darauf ab, die honduranischen Kolleginnen und Kollegen und andere Menschenrechtsorganisationen dabei zu unterstützen, einen tragbaren Umgang mit der Belastung zu finden, die ihre Arbeit mit sich bringt. Honduranische Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger (MRV) arbeiten und leben unter erschwerten Bedingungen. Ihr Handlungsspielraum ist gering, ihre Sicherheit bedroht. Das gemeinsame Angebot von ZFD und CPTRT stärkt ihnen den Rücken.

Bei der Zusammenarbeit mit der ZFD-Partnerorganisation „Centro Cultural Hibueras“ (CCH) steht die Bearbeitung von Ressourcenkonflikten im Fokus. Ressourcenkonflikte sind in fast allen Regionen von Honduras präsent. Weite Teile des Landes sind konzessioniert, vor allem für Bergbau und Wasserkraft. Die Landnahme macht auch vor Schutzgebieten und Gebieten der indigenen Bevölkerung keinen Halt. So kommt es vielerorts zu Konflikten, die nicht selten gewaltsam eskalieren. Im Departamento Santa Bárbara stehen derzeit besonders viele Energie- und Bergbauprojekte auf dem Plan. CCH setzt sich dafür ein, dass die dadurch bedingten Konflikte konstruktiv angegangen werden. Dazu werden die verschiedenen Akteurinnen und Akteure, zivilgesellschaftliche, staatliche und privatwirtschaftliche, auf lokaler Ebene zusammengebracht. Im gemeinsamen Dialog werden die Konflikte analysiert und bearbeitet, bevor sie eskalieren.

Durch die Kooperation mit lokalen Community-Radiosendern wird auch die breite Bevölkerung erreicht. Die ZFD-Fachkräfte schulen in konfliktsensibler Berichterstattung und geben Tipps für die Programmgestaltung. Wenn ausgewogen und transparent über Konflikte berichtet wird, tragen Community-Radios dazu bei, dass diese friedlicher vonstattengehen. Durch die Zusammenarbeit mit dem Dachverband honduranischer Kommunalradios „Asociación de Medios de Comunicación Comunitarios de Honduras“ (APCH) wird friedensjournalistisches Arbeiten auch landesweit vorangebracht.

Darüber hinaus werden mehrere Menschenrechtsorganisationen in Honduras durch den ZFD-Träger pbi begleitet. Mehr über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes in Honduras finden Sie in der ZFD-Projektdatenbank.

 

Fotos und Abbildungen: GIZ/ZFD, Jasper Alders, CPTRT, CCH, APCH