Corona-Pandemie: Auf Sendung bleiben

21.7.2020

Ein Camp für Geflüchtete ist der denkbar schlechteste Ort, sich vor einer Pandemie zu schützen. Abstand, Hygiene, Quarantäne – all das ist nur schwer bis gar nicht umsetzbar. Umso größer ist die Sorge und umso wichtiger ist es, die Menschen nicht allein zu lassen. Der ZFD und seine Partner arbeiten in mehreren Ländern in und um Camps für Geflüchtete. Das Team der Medienorganisation EYE beispielsweise ist in drei UNHCR-Camps in Ruanda aktiv. COVID-19 ist derzeit ein wichtiges Thema in der Berichterstattung.

„Zu Hause zu bleiben, ist problematisch im Camp, denn wir sind viele und leben auf beengtem Raum, wir teilen uns Toiletten, Badezimmer, wir benutzen die gleichen Wasserhähne auch beim Wasserholen. Sich selbst zu schützen ist hier nicht einfach“, sagt EYE-Journalist Safi Ngamije in einer kurzen Videobotschaft. Ngamije weiß, wovon er spricht, lebt er doch selbst in Mugombwa, einem von sechs UNHCR-Camps in Ruanda. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen von EYE versucht er via Social Media, seiner Aufgabe als Journalist trotz der widrigen Umstände weiterhin gerecht zu werden: Nicht nur unterhalten, sondern ausgewogen informieren, Falschmeldungen revidieren und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Unsichere Zeiten erfordern verlässliche Informationen

EYE steht für Ejo Youth Echo, eine Jugendmedienorganisation mit Sitz in Ruandas Hauptstadt Kigali. Der Zusammenschluss junger Journalistinnen und Redakteure produziert seit 2014 Radiosendungen, Magazine und Content in den sozialen Medien. Auf allen Kanälen ist derzeit auch COVID-19 präsent. Mit kurzen Videos informieren die jungen Journalistinnen und Journalisten über Schutzmöglichkeiten und spenden den Menschen Trost. Via Radio informieren und diskutieren sie die Auswirkungen der Pandemie auf das Leben in Ruanda. Sie versuchen, Ängste und Verunsicherung abzubauen, Falschmeldungen durch geprüfte Informationen zurechtzurücken und den Menschen aufzuzeigen, wie sie sich trotz der schwierigen Bedingungen am besten schützen können.

Das Interesse an den EYE-Radioproduktionen hat in Zeiten der Corona-Pandemie stark zugenommen. Das zeigt sich in der positiven Resonanz der Hörerschaft. In den Monaten März bis Mai 2020 erreichten die Redaktion signifikant mehr Anrufe und Mitteilungen als in den sechs Monaten zuvor. Das mag einerseits daran liegen, dass die Leute durch den Lockdown mehr Zeit hatten. Acht Wochen lang mussten die Menschen zu Hause bleiben, sie durften nur zum Einkaufen, zu Beerdigungen oder in medizinischen Notfällen das Haus verlassen. Die Zunahme der Rückmeldungen zeigt aber auch, dass die Menschen in unsicheren Zeiten ein gesteigertes Interesse an verlässlichen Informationen haben.

Schätzungsweise 700.000 Hörerinnen und Hörer erreicht EYE mit seiner wöchentlichen, einstündigen Radiosendung „Ejo“. Neben Info- und Dialogformaten wie „Ikiganiro Ejo“ (Ikiganiro = Konversation) produziert EYE hierfür auch das Radiodrama „Ikinamico Nyiramubande“ mit inzwischen 25 Folgen. Das Besondere an „Ejo“: Hier machen junge Leute Radio für junge Leute. Die Mitglieder der Radioredaktion sind nicht älter als 26 Jahre. Es sind allesamt hochmotivierte Reporterinnen und Reporter, die wissen, was ihrer Zielgruppe auf den Nägeln brennt: Themen wie Teenagerschwangerschaften, Drogenmissbrauch, soziale Medien und Konflikte mit Verwandten kommen bei „Ejo“ zur Sprache. Und jetzt eben auch COVID-19.

Allen Gehör verschaffen

EYE hat sich auf die Fahne geschrieben, durch einen konfliktsensiblen Journalismus zu einer Kultur des Friedens in Ruanda beizutragen und die Bevölkerung zu einen. Allen Menschen Gehör zu verschaffen, ist eine wichtige Devise der Medienorganisation. Dazu gehören auch die vielen Geflüchteten, die in Ruanda Schutz gesucht haben. Derzeit sind das nach Angaben des UNHCR knapp 150.000 Menschen, die vor allem aus der DR Kongo und Burundi nach Ruanda geflohen sind.

Gemeinsam mit dem ZFD veranstaltet EYE Workshops zu konfliktsensiblem Journalismus in den Geflüchtetencamps Kigeme (seit 2015), Mugombwa (seit 2017) und Mahama (seit 2018). Dabei werden bewusst Menschen zusammengebracht, die als Geflüchtete in Ruanda gestrandet sind, und solche, die von Kindesbeinen an in den Aufnahmegemeinden leben. Denn Feindseligkeiten zwischen Geflüchteten und Ortsansässigen sind rund um die Camps an der Tagesordnung.

Ein sichtbares Ergebnis eines solchen Workshops ist die Gründung des Printmagazins „Kigeme – Our Home“, dessen erste Ausgabe im Januar 2016 erschien. Seitdem wird das Magazin in unregelmäßigen Abständen sowohl auf Kinyarwanda, als auch auf Englisch herausgegeben. Ende 2018 wurde es in „Nyiramubande Magazine“ umbenannt. Es greift nun Berichte und Geschichten aus allen drei Camps auf und wird auch an allen drei Orten gelesen.

Frieden ist jeden Aufwand wert

Derzeit können die Workshopaktivitäten nur in begrenzter Form auf digitalem Wege stattfinden. Doch der rege Output der EYE-Mitarbeitenden in Kigali und der Workshop-Alumni in den Camps zeigt, wofür sich der Aufwand lohnt. Trotz der aktuellen Einschränkungen sind sie weiterhin auf Sendung und in den sozialen Medien vertreten, um die Menschen über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Dafür haben sie in den vergangenen Wochen einiges auf sich genommen.

Zwar galten die strengen Ausgangssperren nicht für Journalistinnen und Journalisten, doch die Bewegungsfreiheit war stark eingeschränkt. So ist Chrispin Mizero aus der „Ejo“-Radioredaktion vorübergehend ins Radiostudio gezogen, um die Sendung weiterhin produzieren zu können. Das tägliche Pendeln war kaum mehr machbar. Moderator Jean Aime Muhawenayo musste bei Polizeikontrollen auf dem Weg ins Studio regelmäßig nachweisen, dass er tatsächlich Journalist ist. Sein Journalistenausweis allein reichte dazu nicht immer aus. Des Öfteren musste er Ausschnitte aus der Radiosendung vorspielen, um seine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Doch die Sache war ihnen den Aufwand wert, wie Muhawenayo bekundet: „Ich bin stolz, weil unser Publikum nicht aufhören musste, uns zuzuhören. Die Menschen erwarten doch, dass wir eher noch mehr Radiosendungen produzieren, damit sie unterhalten und informiert werden. Ich habe also getan, was ich tun sollte. Als Journalisten können wir uns anstrengen, um unserem Publikum zu helfen.“ Auch der ZFD unterstützt seine Kolleginnen und Kollegen von EYE nach wie vor über digitale und mobile Kanäle.


Mehr erfahren:

Aktuelle Aktivitäten und Produktionen der Medienschaffenden von EYE finden Sie auf dem Facebook- sowie Twitter-Account der Organisation. Eine Auswahl an EYE-Publikationen steht in der ZFD-Publikationsdatenbank zum Download bereit. Einen ausführlichen Bericht von ZFD-Fachkraft Celia Haro über die Arbeit der EYE-Radioredaktion finden Sie im aktuellen Newsletter der GIZ. Mehr über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes und seiner lokalen Partner in Ruanda und der Region der großen Seen erfahren Sie in der ZFD-Projektdatenbank.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR hat am 18. Juni 2020 seinen alljährlichen Lagebericht „Global Trends: Forced Displacement in 2019“ zu Flucht und erzwungener Migration veröffentlicht. Demnach waren Ende 2019 rund 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Damit haben Krieg, Gewalt und Verfolgung erstmals in der Geschichte der Menschheit ein Prozent aller Menschen zu Vertriebenen gemacht. Den Bericht können Sie auf der UNHCR-Seite einsehen und herunterladen. Deutschsprachige Informationen des UNHCR zum Zusammenhang von Flucht und COVID-19 finden Sie hier.

 

Quellen: Bei den Fotos handelt es sich in den meisten Fällen um Video-Stills aus EYE-Produktionen der letzten Wochen. Das Foto vom Geflüchtetencamp Kigeme kommt ebenfalls von EYE. Es ist der ersten Ausgabe des Magazins „Kigeme – Our Home“ entnommen. Das Foto vom Radiostudio (3. Position) kommt von EYE/CPS-GIZ. Die Zitate der Ejo-Redaktion und weitere wichtige Details stammen aus dem GIZ-Artikel „Ruanda: Engagierte Journalist*innen, wenn sie am meisten gebraucht werden“ von Celia Haro, die EYE als ZFD-Fachkraft unterstützt.