Corona-Pandemie: Alte Wunden, neue Wege

2.6.2020

Friedensarbeit lebt davon, Menschen zusammenzubringen, im Dialog, in der Gruppenarbeit, bei Seminaren und öffentlichen Veranstaltungen. In den Ländern des westlichen Balkans sind Gesprächsrunden mit Veteranen, interethnische Jugendgruppen, der gemeinsame Besuch von Gedenkstätten und vieles mehr wesentliche Bestandteile der Arbeit des ZFD und seiner lokalen Partner. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens durch COVID-19 stellen diese Arbeit deshalb vor besondere Herausforderungen.

Die Gesellschaften des westlichen Balkans bleiben auch lange nach den Bürgerkriegen tief gespalten. Das gilt innerhalb der einzelnen Länder wie auch über Grenzen hinweg. Vielerorts wurde die Vergangenheit noch nicht konstruktiv aufgearbeitet. Das hat zur Folge, dass ethnische und nationale Feindseligkeiten unter der Oberfläche weiter schwelen und neuen Nährboden für Radikalisierung und Instrumentalisierung bieten. Auch ungeklärte Territorialansprüche in manchen Regionen oder über nationale Grenzen hinweg belasten die Friedensprozesse. Der Zivile Friedensdienst unterstützt seine Partnerorganisationen im westlichen Balkan vor allem in der Vergangenheits- und Bildungsarbeit. Ziel ist es, Feindbilder zu überwinden, Versöhnung zu fördern und eine Kultur der Gewaltlosigkeit zu etablieren.

Hierbei kommt dem persönlichen Kontakt eine besondere Bedeutung zu. Das macht die Arbeit unter den gegebenen Corona-Präventionsmaßnahmen schwer – aber längst nicht unmöglich. Die hier vorgestellten Beispiele zeigen, wie zwei Partnerorganisationen, „Peace Action“ aus Nordmazedonien und „Youth Initiative for Human Rights“ aus dem Kosovo, mit diesen Herausforderungen gegenwärtig umgehen.


    Nordmazedonien: Andere Aufgaben, gleiche Ziele

„Peace Action“ widmet sich vorerst anderen, nicht minder wichtigen Aufgaben

Die ZFD-Partnerorganisation „Peace Action“ (Мировна акција / Aksioni paqësor) hat sich der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit Nordmazedoniens verschrieben. Für das Frühjahr 2020 war eine Reihe von Trainings vorgesehen. Dann trat das Corona-Virus auf den Plan. Sämtliche Termine wurden abgesagt. Von einem auf den anderen Tag war ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt der Nichtregierungsorganisation auf Eis gelegt; verschoben bis auf Weiteres. „Wir haben umorganisiert, versucht, einen Arbeitsmodus von Zuhause zu finden, alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt und geschaut, was wir unter diesen neuen Gegebenheiten machen können. Etwas, das realistisch getan werden kann, ohne sich und andere der Umwelt aussetzen zu müssen“, sagt Boro Kitanoski, lokale ZFD-Fachkraft bei „Peace Action“. Eine Idee kristallisierte sich schnell heraus: Ein Buch mit den Lebensgeschichten von Kriegsveteranen fertigzustellen. Ende 2019 hatte das Projektteam bereits angefangen, Interviews mit Veteranen aus Nordmazedonien aufzuzeichnen. Im Rahmen der Vergangenheitsarbeit wurde bereits über Jahre mit den Veteranen zusammengearbeitet. Doch wie gelingt es, dieses Projekt in Krisenzeiten zu organisieren? Boro Kitanoski erläutert das Vorgehen: „Die Interviews waren bereits aufgezeichnet. Das machte es möglich, an diesem Buch zu arbeiten. Die albanisch-mazedonische Übersetzung, das Layout und die Abstimmung des Buches, all das kann per E-Mail erfolgen, also ist es möglich“.

Inzwischen ist das Buch erschienen, früher als geplant und zunächst nur als E-Book zum Download. Es vereint Interviews mit 13 Kriegsveteranen, von mazedonischer wie auch albanischer Seite, die 2001 im nordmazedonischen Prilep im Einsatz waren. „Eigentlich ruft das Fertigstellen eines Buches nach einer öffentlichen Veranstaltung“, sagt Kitanoski, „eine Veranstaltung, die viele Menschen und Medien anzieht. So jedenfalls wäre es zu normalen Zeiten.“ Doch die COVID-19-Pandemie stellt alles auf den Kopf. „Allerdings ist es gerade jetzt wichtig“, so Kitanoski, „das Große und Ganze der Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Für ihn ist es „sehr wahrscheinlich, dass sich die Fragen von Ungleichheit, Gerechtigkeit und Friedenssicherung drängender stellen werden. Vor allem durch die Auswirkungen, die das Virus auf unsere Gemeinschaft und unsere Wirtschaft hat. Deshalb müssen wir darauf achten, dass wir unseren langfristigen Fokus nicht aus den Augen verlieren“.

Wann „Peace Action“ die Trainingsarbeit wiederaufnehmen kann, ist ungewiss. Vielleicht müssen auch hierbei langfristig digitale Wege gegangen werden. Vorerst arbeitet das Team an einer multimedialen Website, die sich den Ereignissen von 2001 widmet, als es zu einem bewaffneten Konflikt zwischen Vertretern der albanischen Minderheit und mazedonischen Sicherheitskräften kam. Auf der Website werden auch die aufgezeichneten Interviews mit den Veteranen zu sehen sein.

Das Buch „Kriegsgeschichten von Prilep-Veteranen aus dem Jahr 2001“ kann in unserer Publikationsdatenbank heruntergeladen werden (albanisch und mazedonisch).


     Kosovo: Not macht erfinderisch

„Youth Initiative for Human Rights – Kosovo“ verlegt Ausstellung in virtuellen Raum

Nach mehrjähriger Arbeit konnte im Februar 2020 die Fotoausstellung „Dealing with the Forgotten“ in der Nationalbibliothek des Kosovo in Prishtina eröffnet werden. Anschließend sollte die Ausstellung an verschiedenen Orten im Kosovo gezeigt und jeweils mit Gesprächsrunden verknüpft werden. Doch dann kam Corona – und alle weiteren Termine wurden abgesagt. Kurator Dardan Hoti von der „Youth Initiative for Human Rights – Kosovo“ (YIHR KS, „Jugendinitiative für Menschenrechte im Kosovo“) ließ sich davon nicht entmutigen. Zu wichtig ist die Ausstellung, als dass sie im Archiv eingemottet wird. Gemeinsam mit dem ZFD-Team im Kosovo wurde daher an einer Möglichkeit gearbeitet, die Ausstellung aller Einschränkungen zum Trotz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vor kurzem wurde sie ein weiteres Mal eröffnet, online, im 360-Grad-Format. Nun kann die Ausstellung von überall per virtuellem Rundgang besichtigt werden. Not macht eben auch erfinderisch.

Die Ausstellung „Dealing with the Forgotten“ ist jenen Menschen gewidmet, die im Kosovo seit dem Krieg von 1998/99 als vermisst gelten. Nach Angaben des „Internationalen Komitees vom Roten Kreuz“ ist das Schicksal von 1.646 Personen nach wie vor ungeklärt. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Erinnerungen ihrer Familienangehörigen, insbesondere ihr Umgang mit der schmerzvollen Ungewissheit. 16 Hinterbliebene erklärten sich bereit, über ihre Trauer, Verzweiflung und Hoffnung zu sprechen. Beim virtuellen Rundgang können die Besucherinnen und Besucher die dreiteiligen Portraits der Familienangehörigen betrachten. Die drei Fotografien symbolisieren jeweils drei Arten von Gefühlen, die das Schicksal der Überlebenden bestimmten: Erinnerungen, Sehnsucht und das Leben nach dem Verlust. Durch einen Klick auf die Bilder öffnen sich die dazugehörigen Aussagen der Angehörigen (auf Englisch, Albanisch und Serbisch).

Die Ausstellung wurde gemeinsam von YIHR KS und ZFD erarbeitet. Sie basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt, das Dardan Hoti, Rozafa Kelmendi und Fitim Selimi vom YIHR KS von 2014 an durchgeführt haben. Wesentliches Ziel war und ist, den vermissten Personen des letzten Kosovokrieges und ihren Hinterbliebenen Respekt und Anerkennung zu zollen. Die Nichtregierungsorganisation YIHR ist in den meisten Ländern des ehemaligen Jugoslawiens mit regionalen Teams aktiv. Sie widmet sich der Vergangenheitsarbeit, dem Schutz der Menschenrechte, der Förderung der Rechtsstaatlichkeit und der Stärkung der Rolle junger Menschen in den Gesellschaften des Westbalkans.

Die Ausstellung „Dealing with the Forgotten“ kann hier im virtuellen Galerieraum besichtigt werden. Zur Ausstellung ist ein Begleitkatalog in englischer, albanischer und serbischer Sprache erschienen, der dort eingesehen und heruntergeladen werden kann.


Abbildungen + Fotos: Boro Kitanoski (Peace Action), Nenad Vukosavljević (CNA), Fitim Selimi (YIHR KS)