Balkan: Verantwortung der Medien

Das Magazin „Balkan.Perspectives“ beschäftigt sich aktuell mit der Rolle der Medien bei der Vergangenheitsbewältigung. Medien können zu einer konstruktiven Aufarbeitung beitragen. Von ihnen kann aber genauso leicht eine destabilisierende Wirkung ausgehen. Mit zum Teil enormer Reichweite gelingt es ihnen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. „Balkan.Perspectives“ beleuchtet die Verantwortung der Medien in Konflikt- und Postkonfliktsituationen und wirft einen besonderen Blick auf den Westbalkan.

Die Länder des Westbalkans befinden sich auch rund 20 Jahre nach dem Ende der Jugoslawienkriege weiterhin in der schwierigen Phase der Aufarbeitung. Die Gesellschaften sind bis heute tief gespalten. Das gilt innerhalb der einzelnen Länder wie auch über Grenzen hinweg. Vielerorts wurde die Vergangenheit noch nicht ausreichend aufgearbeitet. Das hat zur Folge, dass ethnische und nationale Feindseligkeiten unter der Oberfläche weiter schwelen und neuen Nährboden für Radikalisierung und Instrumentalisierung bieten.

In diesem Kontext kommt den Medien eine wichtige Bedeutung zu. Sie haben die Möglichkeit, die Vergangenheitsarbeit konstruktiv zu begleiten. Durch die Art ihrer Berichterstattung können sie Konflikte jedoch ebenso erneut anheizen. Manche Medien verbreiten auch heute noch kaum verhohlene Propaganda. Mit zum Teil enormer Reichweite gelingt es ihnen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dahinter stecken mitunter dieselben politischen Eliten, die bereits in den 1990er Jahren an der Macht waren. Dadurch werden Positionen verfestigt, die spalten anstatt zu einen, und eine angemessene Aufarbeitung der Vergangenheit behindern anstatt sie zu befördern.

In diesem gesellschaftlichen Klima sei es für Medienschaffende schwer, komplexe Zusammenhänge umfassend darzustellen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und die dominierenden gesellschaftlichen Narrative in Frage zu stellen, beurteilt Chefredakteurin Vanessa Robinson-Conlon die gegenwärtige Lage der Medienlandschaft im Westlichen Balkan. Mehr noch, der Raum für unabhängigen und kritischen Journalismus sei nicht nur eingeschränkt, sondern könne sogar gefährlich sein, schreibt sie im Editorial der aktuellen „Balkan.Perspectives“.

Die Fachzeitschrift „Balkan.Perspectives“ richtet den Fokus ihrer 13. Ausgabe auf die Rolle der Medien bei der erforderlichen Aufarbeitung der Vergangenheit. Sie geht unter anderem der Frage nach, wie Medien unter diesen erschwerten Bedingungen zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen beitragen und kritische Debatten in Gang bringen können. Die Autorinnen und Autoren aus Forschung, Journalismus und Rechtswissenschaft erörtern den gegenwärtigen Zustand der Medien im Westlichen Balkan. Sie blicken auf die zugrundeliegenden Strukturen und zeigen Perspektiven auf, wie Räume für eine vielseitige Berichterstattung geschaffen werden können. Die Beiträge machen Mut, verschiedene und vielfältige Blickwinkel einzunehmen und die vorherrschende Auslegung der Vergangenheit zu hinterfragen. Sie zeigen Wege auf, wie ein konstruktiver Diskurs auch über kontroverse Themen in Gang gebracht werden kann.


Die Fachzeitschrift für Erinnerungskultur im Westlichen Balkan erscheint länderübgreifend. Ziel der Publikation ist es, Perspektiven für einen konstruktiven Dialog zu eröffnen. Die aktuelle Balkan.Perspectives „Media Freedom and Responsibility“ ist in vier Sprachen online verfügbar unter: www.dwp-balkan.org. Die englische Fassung liegt außerdem in unserer Publikationsdatenbank zum Download bereit. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Dafina Halili, Dinko Gruhonjić, Dushica Nofitoska, Dr. Lejla Turčilo, Sara Velaga, Serbeze Haxhiaj, Teofil Pančić und Zhaneta Zdravkovska.

Inhaltsverzeichnis der Balkan.Perspectives, Issue 13 ~ 12/19:

  • News & Updates - regional
  • Vox Populi: Is it “taboo” to report on or speak about war crimes in our society? - regional
  • Challenging the Truth - Kosovo
  • The Burden of Reporting on War Crimes in Kosovo - Kosovo
  • Truth Not Spoken on Time is worse than a Lie - North Macedonia
  • Media as Society’s Alarm to Deal with the Past - Bosnia and Herzegovina 
  • The Serbia Case: Tabloid Journalism and Dealing with the Past - Serbia
  • Media Reporting on the Past: Continuation of Conflict or Peace Building? - Bosnia and Herzegovina 
  • The Law on Free Access to Public Information and Access to Public Information in Practice - North Macedonia
  • The Media and the Past that is not Passing - Serbia

 

Quelle: forumZFD, Abbildung: Ausschnitte aus dem von ENVINION gestalteten Cover der aktuellen Ausgabe der „Balkan.Perspectives“