Mazedonien

Tür auf für Verständigung

Die mazedonische Gesellschaft ist zerrissen. Menschen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit haben kaum Kontakt – dafür aber jede Menge Vorbehalte. Aus dem Neben- könnte wieder ein Gegen-einander werden, wenn keine präventive Friedensarbeit stattfindet. Für mehr Mit-einander setzen der ZFD und LOJA auf Dialog und Bildung.

Mazedonien im Fokus

Was steckt hinter den Konflikten?

Schauplatz Tetovo

Stadt der unsichtbaren Grenzen

Mazedonien als Impuls

Gespräch mit Bujar Luma: Multiethnische Arbeit muss ausgebaut werden!

Prävention öffnet Türen

„Als Kind sagten manche zu mir `Halte dich fern von Albanern, die haben Messer in der Tasche und sind gefährlich´. Mit Feindbildern wie diesem wachsen viele Menschen in Mazedonien auf. Sie gehen in ethnisch getrennte Schulen und Universitäten. Häufig treffen sie im Berufsleben erstmals aufeinander. Nachdem sie 20 Jahre mit Vorurteilen aufgewachsen sind. Um Ressentiments abzubauen und Gewalt vorzubeugen, sollten Kinder und Jugendliche so früh wie möglich über `die anderen´ lernen.“ Aleksandra Sargjoska, Mitarbeiterin der mazedonischen Organisation LOJA.

Wie ist die Lage?

Mazedonien ist ein multikultureller Staat mit rund zwei Millionen Menschen. Davon sind etwa 64 Prozent Mazedonierinnen und Mazedonier, 25 Prozent sind Albanerinnen und Albaner. Außerdem sind hier Türken, Roma, Serbinnen, Bosniaken, Vlachinnen und andere Gruppen zu Hause. 1991 erklärte Mazedonien seine Unabhängigkeit. Minderheitenrechte, die in Jugoslawien galten, wurden eingeschränkt. Seitdem hat der Verdruss in der Bevölkerung zugenommen. Der Zwist verschärfte sich während des Kosovo-Kriegs als rund 380.000 Menschen Zuflucht in Mazedonien suchten. Es kam zu Kämpfen zwischen albanischen Rebellen und mazedonischen Sicherheitskräften. Das Abkommen von Ohrid beendete 2001 den bewaffneten Konflikt. Doch bis heute ringt das Land um inneren Frieden.

Wo brennt's?

Die gesellschaftliche Spaltung ist so tief, dass Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft im Alltag kaum Berührungspunkte haben. Ob beim Einkaufen, im Restaurant oder im Kino: Die Menschen bleiben lieber unter sich. Am gravierendsten zeigt sich die Kluft im Bildungssystem: Mitten in Europa werden Kinder in ethnisch getrennten Klassen unterrichtet. So gibt es viel Raum für Vorurteile und Misstrauen. Die Politik ist ähnlich zerrissen wie die Gesellschaft. Verschärft wird die Situation durch eine schwache Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit und einer maroden Infrastruktur. Das ist gefährlich für die Stabilität des Landes. In den vergangenen Jahren flammte bereits sporadisch Gewalt auf. Die Gefahr einer Eskalation ist nicht gebannt.

Was wirkt?

Damit sich die blutige Vergangenheit nicht wiederholt, muss die mazedonische Gesellschaft zusammenwachsen. Angebote der Zivilgesellschaft leisten dazu einen Beitrag. Das "Center for Balkan Cooperation LOJA" bringt junge Menschen unterschiedlicher Ethnien in Kontakt. Gemeinsam realisieren sie gewaltfreien, kreativen Protest. Dabei erkennen sie eigene Vorurteile und erleben die Perspektive der anderen. Um ein Land zu verändern, reicht es aber nicht aus, wenn sich nur einzelne ändern. Daher richtet sich LOJA an Schulen und Universitäten. Kinder und Jugendliche sollen von klein auf lernen, dass eine friedliche Gesellschaft den Zusammenhalt aller braucht. LOJA gelang es innerhalb von zehn Jahren, die mazedonische Bildungslandschaft zu revolutionieren. Multiethnische Bildung ist heute fester Bestandteil des Lehramtstudiums an den meisten Universitäten.

So viel ist erreicht, so viel bleibt zu tun

Noch braucht es an den Universitäten die Unterstützung durch außen, um Seminare in multiethnischer Arbeit und konstruktiver Konfliktbearbeitung umzusetzen. LOJA wird dabei von einer Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes unterstützt. Gemeinsam arbeiten sie darauf hin, dass die Curricula für multikulturelle Jugendarbeit landesweit vereinheitlicht werden. „Durch unsere Aktivitäten ist eine Kultur der aktiven Zivilgesellschaft gewachsen. Immer mehr Menschen werden zu Stimmen der Veränderung. Unsere Kooperation mit den Universitäten hat zudem ein nachhaltiges Instrument zur Gewaltprävention hervorgebracht“, sagt Bujar Luma, Geschäftsführer von LOJA „Wir leben aber nach wie vor in einem fragilen Frieden. Die Prozesse, die wir initiiert haben, müssen weiter unterstützt werden. Mehr Mittel würden uns helfen, die Zusammenarbeit mit den Unis, der Zivilgesellschaft und den Medien auszubauen.

LOJA ist seit 2002 Partner des Zivilen Friedensdienstes.

     


    Fotos: Header: KURVE Wustrow; Haupttext: LOJA; Teaser oben (von links): Wikimedia Commons / Jasne, Wikimedia Commons / EfkoMKD, LOJA; Teaser rechts: KURVE Wustrow / LOJA

    LOJA – Gelebte Multikultur

    Die Geschichte der Organisation LOJA zeigt, wie aus einer lokalen Initiative nationale Bildungspolitik wird. Die Mazedonierin Aleksandra Sargjoska und der Albaner Blerim Jashari erzählen, wie sie tagtäglich unsichtbare Mauern überwinden.

    Summa cum laude für: Zusammenhalt

    Damit Kinder und Jugendliche lernen, dass eine friedliche Gesellschaft den Zusammenhalt aller braucht, arbeitet LOJA mit Unis und Schulen zusammen. Heute gehört multiethnische Bildung zum Lehramtstudium an allen staatlichen Unis.

    "Im Nachhinein schien es ganz einfach"

    Julia Oschinski unterstützt LOJA als ZFD-Fachkraft. Wir haben sie gefragt, warum sie sich für den Frieden in Mazedonien engagiert.

    Du bist die Veränderung!

    Wie wäre es, den Wandel einfach selbst in die Hand zu nehmen? Die "Transformer" bringen Menschen mit pfiffigen Aktionen ins Gespräch und stoßen Veränderung an.

    Kraft der Erinnerung

    Die Ereignisse von 2001 wirken bis heute nach. Katerina Stoilevska lebte zehn Jahre als Vertriebene im eigenen Land. Heute engagiert sie sich für die Aufarbeitung der Vergangenheit.

    Filmtipp

    Der Kurzfilm "Peace Education" beschreibt die Auswirkungen des gewaltsamen Konflikts in Mazedonien und erzählt, wie Bildungs- und Kulturangebote die Bevölkerung wieder vereinen.