Impuls Kolumbien

„Ohne die Zivilgesellschaft ist kein Frieden möglich.“

Im Chocó vermittelt der ZFD bei interethnischen Spannungen, die aufgrund von Landkonflikten und als Folge des bewaffneten Konflikts auftreten. ZFD-Fachkraft Michaela Pfister beschreibt, warum Friedensförderung an der Basis der Gesellschaft unverzichtbar für den Frieden in Kolumbien ist.
Kolumbien wird seit Jahrzehnten von Gewalt erschüttert. Welche Chancen hat da zivile Friedensarbeit?

Die Menschen sind grundsätzlich offen für gewaltfreie Initiativen. Egal auf welcher Seite des Konflikts sie stehen, egal zu welcher Volksgruppe sie gehören: Es vereint sie der Wunsch nach Frieden. Nach all den Jahren der Gewalt ist es natürlich schwierig, den Schalter umzulegen und Konflikte auf einmal friedlich zu regeln. Die Ursachen der Probleme sind durch ein Friedensabkommen ja auch nicht behoben.

Wie geht es nach dem Friedensabkommen vor Ort denn weiter?

Durch den bewaffneten Konflikt, die Vertreibungen aus den ländlichen Regionen, aber auch durch Bergbau und Projekte zur Energiegewinnung haben sich die Auseinandersetzungen um Land stetig verschärft. Häufig stehen sich im Chocó unterschiedliche Volksgruppen feindlich gegenüber. Sie reiben sich an den Konflikten auf, statt gemeinsam für ihre Rechte einzutreten. Hier sind Versöhnung und Annäherung, politische Beteiligung und Landreformen gefragt. Vieles kann nur in langwierigen Prozessen mit staatlichen Stellen erreicht werden. Vor Ort können wir den Umgang mit Konflikten beeinflussen und Streit schlichten. Wir beleben altbewährte Praktiken des Zusammenlebens wieder und bereichern sie mit Ideen der zivilen Konfliktbearbeitung. So tragen wir dazu bei, erneute Gewalt zu verhindern.

Könnte die Arbeit, die Sie im Chocó unterstützen, auch anderswo dazu beitragen, Gewalt vorzubeugen?

Ja, mit dem ZFD-Projekt hat die Diözese Quibdó ein Modellprojekt geschaffen. Die Wiederbelebung der interethnischen Kommission ist gelungen. Mehr als 150 Vertreterinnen und Vertreter aller drei regionalen Volksgruppen haben sich an den Tisch gesetzt, um Konflikte gemeinsam anzugehen. Es hat in den vergangenen Monaten auch keine Gewalt mehr untereinander gegeben. Das wäre in den letzten Jahren unvorstellbar gewesen. Nach dem Vorbild aus Quibdó könnten weitere interethnische Kommissionen entstehen, in anderen Regionen oder vielleicht sogar in anderen Ländern. Sinnvoll wäre es auch, mehr lokale Persönlichkeiten in ziviler Konfliktbearbeitung auszubilden, damit konstruktive Kontakte zwischen den Volksgruppen entstehen. Schlussendlich ist der persönliche Austausch doch überall auf der Welt ein wichtiger Faktor für friedliches Zusammenleben. Es sind die menschlichen Beziehungen, die das Unmögliche möglich machen.

Welche Wirkungen hat Ihre Arbeit und was könnten Sie mit mehr Mitteln noch erreichen?

Unsere Arbeit im Chocó zeigt, dass aus der regionalen Friedensarbeit wichtige Impulse für den nationalen Friedensprozess kommen. Dass im Friedensabkommen die Rechte der ethnischen Gruppen berücksichtigt werden, ist vor allem das Verdienst der Organisationen, die wir im Chocó unterstützen. Derzeit haben wir nur geringe Ressourcen. Wir konzentrieren uns daher auf ein kleines Gebiet, in dem wir aber große Wirkungen erzielen. Mit mehr Mitteln könnten wir unsere Arbeit auf zusätzliche Regionen ausweiten und damit den Friedensprozess an der Basis der Gesellschaft voranbringen. Es ist wichtig, dass der Friede in den Regionen selbst gestaltet werden kann. Dort müssen die Menschen nach langen Jahren der Angst und Gewalt wieder Vertrauen fassen und Versöhnungsprozesse anstoßen. Ohne die Zivilgesellschaft wird in Kolumbien kein Frieden möglich sein. Daher ist es auch so wichtig, dass wir unseren Partnern jetzt zur Seite stehen. Je stärker wir sie unterstützen können, desto schneller kommt der Friedensprozess voran.

 

Die Sozialpädagogin Michaela Pfister unterstützt die Sozialpastorale der Diözese Quibdó seit sechs Jahren als ZFD-Fachkraft.