Westlicher Balkan: Anleitung zum Brückenbau

25.4.2019

Die Kriege der 1990er Jahre sind in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens weiterhin präsent. Kriegsverbrechen, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen haben die gesellschaftlichen Beziehungen nachhaltig beschädigt. Damit sich die blutige Vergangenheit nicht wiederholt, müssen die Gesellschaften des westlichen Balkans zusammenwachsen. Die ZFD-Partnerorganisation CNA leistet hierzu herausragende Arbeit.

Die Gesellschaften des westlichen Balkans bleiben auch lange nach den Bürgerkriegen tief gespalten. Das gilt innerhalb der einzelnen Länder wie auch über Grenzen hinweg. Vielerorts wurde die Vergangenheit noch nicht konstruktiv aufgearbeitet. Das hat zur Folge, dass ethnische und nationale Feindseligkeiten unter der Oberfläche weiter schwelen und neuen Nährboden für Radikalisierung und Instrumentalisierung bieten. Auch ungeklärte Territorialansprüche in manchen Regionen oder über nationale Grenzen hinweg belasten die Friedensprozesse. In ihnen liegt ein hohes Potenzial für erneute Eskalationen. Sie behindern einen stabilen Frieden und notwendige Reformen.

Der Zivile Friedensdienst unterstützt seine Partnerorganisationen im westlichen Balkan vor allem in der Vergangenheits- und Bildungsarbeit. Ziel ist es, Feindbilder zu überwinden, Versöhnung zu fördern und eine Kultur der Gewaltlosigkeit zu etablieren. Derzeit engagieren sich rund zwanzig Fachkräfte des ZFD in der Region. Seit 2001 kooperiert der ZFD mit dem „Centre for Nonviolent Action“ (Centar za nenasilnu akciju, CNA). Das CNA setzt sich seit 1997 für Friedensaufbau, Gewaltfreiheit, die Stärkung der Zivilgesellschaft und grenzüberschreitenden Dialog ein. In den beiden Büros in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) und Belgrad (Serbien) arbeiten insgesamt elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in multiethnischen Teams, darunter zwei ZFD-Fachkräfte. CNA verfolgt einen regionalen Ansatz, engagiert sich also grenzübergreifend in der gesamten Region. Die beiden ZFD-Fachkräfte Davorka Turk und Nenad Vukosavljević (auch Mitgründer von CNA) arbeiten in allen Bereichen der Organisation mit: Trainings- und Veteranenarbeit, gemeinsame Besuche an Orten von Kriegsverbrechen, Medien- und Recherchearbeit. 

Hier stellen wir Ihnen einige Beispiele der konkreten Arbeit des Centre for Nonviolent Action aus der jüngeren Vergangenheit vor:


Handbuch „Nonviolence!“
Noch ganz druckfrisch präsentiert das neue Peacebuilding-Handbuch „Nonviolence!“ anwendungsbezogen die Erfahrungen aus 20 Jahren Trainingsarbeit. Das Buch richtet sich an Menschen, die in Ländern mit einem Erbe aus Gewalt, Hass und Angst leben und die ihre Gesellschaften und Gemeinschaften so verändern wollen, dass sie gerechter und besser für alle werden. Es wurde aus der Insiderperspektive von aktiven Friedensarbeiterinnen und -arbeitern geschrieben. Ausgangspunkt ist die Perspektive der von Gewalt Betroffenen, die versuchen, die Spirale von Hass und Rache zu durchbrechen. Das „Nonviolence! Peacebuilding Training Handbook“ von Ivana Franović und Nenad Vukosavljević, herausgegeben vom Centre for Nonviolent Action (267 Seiten, in englischer Übersetzung von Ulvija Tanović) steht in unserer Publikationsdatenbank zum kostenlosen Download bereit.

Veteranenarbeit
Seit 2008 bringt das CNA ehemalige Gegnerinnen und Gegner, Veteranen der Balkankriege aus Kroatien, Serbien und Bosnien und Herzegowina, zusammen, um eine ehrliche Auseinandersetzung über die Geschehnisse, Schuld und Verantwortung und eine mögliche Zukunft zu führen. Die Erfahrungen zeigen, dass aus Wut, Hass und Angst, irgendwann Dialog und Frieden werden können. Viele Veteranen, die diese Erfahrung gemacht haben, arbeiten danach aktiv an der Vergangenheitsbewältigung mit und tragen so damit Sorge, dass sich die Gräuel der Vergangenheit nicht wiederholen. Aus dieser Dialog- und Trainingsarbeit erwachsen immer wieder Wunsch und Bereitschaft der Veteranen, auch öffentliche Zeichen für Versöhnung zu setzen. Das Wort der Veteranen zählt viel in Gesellschaften, die von einer Aufarbeitung der Kriege und der Anerkennung eigener Verantwortung noch weit entfernt sind. Die letzte Aktion fand vor wenigen Tagen, am 4. und 5. April 2019 in Kooperation mit der Stadt Niš statt. Auf der CNA-Website finden Sie einen Bericht über diese und andere Veranstaltung dieser Art.

Literaturwettbewerb „Biber“
Bereits zum dritten Mal haben CNA und Literaturinitiative „Biber“ die „Regional Short Story Competition“ ausgerufen. Die Überzeugung dahinter ist, dass Kunst sozialen Wandel anstoßen kann, dass Literatur das Potenzial hat, Menschen zu erreichen und zum Positiven zu bewegen. Der Wettbewerb ist offen für etablierte wie auch unbekannte Autorinnen und Autoren, die auf Albanisch, Mazedonisch, Bosnisch, Montenegrinisch, Kroatisch oder Serbisch schreiben. Noch bis zum 10. Juni 2019 können Kurzgeschichten eingereicht werden. Die zwanzig besten Beiträge werden in einer mehrsprachlichen Publikation veröffentlicht. Die Jury besteht aus den beiden Schriftstellerinnen Lejla Kalamujić und Rumena Bužarovska sowie dem Philosophen und Politikanalysten Shkelzen Maliqi. Während das Thema der ersten beiden Wettbewerbe „Versöhnung“ (nach den Kriegen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien) war, ist das Thema diesmal weiter gefasst. Es sind alle Kurzgeschichten willkommen, die helfen, Hass und Vorurteile abzubauen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, Grenzen zu überwinden und an einer besseren Zukunft zu bauen.

Webportal „Culture of Remembrance“
Das Projekt „kultura sjećanjadokumentiert und untersucht die Erinnerungskultur in Bosnien und Herzegowina in Bezug auf die Kriegszeit von 1991 bis 1995. Das Projekt bietet nicht nur einen Überblick über Gedenkstätten, Monumente und Mahnmale, sondern geht auch der Frage nach, inwieweit die gelebte Erinnerung einer friedlichen Entwicklung zuträglich ist. Das Projekt ist multimedial angelengt: Neben dem Webportal wurde eine Ausstellung konzipiert und das Buch „WAR of Memories : Places of suffering and remembrance of war in
Bosnia-Herzegovina“
herausgegeben. Das Buch stellt die Ergebnisse und Empfehlungen auf Basis der kritischen Analyse vor und geht mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos von Nedžad Horozović und Nenad Vukosavljević einher. Eine Kurzfassung des Buches kann über das Webportal als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Konferenzdokumentation: „Reconciling Histories!?“
Bei der internationalen Konferenz Reconciling Histories!? im Mai 2018 in Sarajevo ging es um die Möglichkeiten ziviler Friedensarbeit, gewaltvolle Vergangenheit aufzuarbeiten. Unter den Teilnehmenden waren Friedenaktivisten, Journalistinnen, Friedensforscher und Historikerinnen aus 14 Ländern. Im Rahmen der dreitägigen Konferenz wurden Erfahrungen ausgetauscht, eigenes Handeln reflektiert und Stolpersteine diskutiert. Inhaltlich ging es dabei vor allem um die schwierige Suche nach Gerechtigkeit, die Rolle historischer Mythen und gängiger Narrative im Versöhnungsprozess wie auch die Bedeutung und Grenzen gewaltfreier Aktion. Die Konferenz wurde vom CNA mit Support des ZFD auf die Beine gestellt. Die 36-seitige Dokumentation fasst die wichtigsten Ergebnisse der Konferenz zusammen. Die PDF-Datei ist mit Audio- und Filmbeiträgen verlinkt und ist in unserer Publikationsdatenbank als kostenloser Download verfügbar.

 


ZFD-Fachkraft Nenad Vukosavljević ist Mitgründer der Partnerorganisation CNA. Als serbischer Kriegsdienstverweigerer floh er in den 1990er-Jahren nach Deutschland. Dort gehörte er dort zu den ersten, die als ZFD-Fachkraft ausgebildet wurden. Sobald es die Lage erlaubte, kehrte er auf den Balkan zurück, um am Friedensaufbau mitzuwirken. Am 7. Mai 2019 wirkt Nenad Vukosavljević am Werkstattgespräch „Frieden kann: Die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin mit. Die Teilnahme am Werkstattgespräch erfolgt über Einladung des Parlamentarischen Staatssekretärs im BMZ Norbert Barthle.

 

Foto: Das Foto stammt aus dem CNA-Buch „WAR of Memories : Places of suffering and remembrance of war in Bosnia-Herzegovina“ (2016)