Was kann Zivile Konfliktbearbeitung? Beispiele aus der Praxis

Lokale Führungspersönlichkeit Kalla und T.Rößer in Äthiopien

Thomas Rößer weiß, was zivile Konfliktbearbeitung kann. Aus eigener Erfahrung. Für den Zivilen Friedensdienst war er als Fachkraft in Äthiopien, Ruanda und den palästinensischen Gebieten. Dort hat er Friedensprozesse an der Basis der Gesellschaften begleitet. In seinem aktuellen Beitrag im PeaceLab2016-Blog gibt er einen Einblick in seine Arbeit – und ein Plädoyer für die zivile Konfliktbearbeitung als nachhaltige Friedensarbeit.

"Konflikte werden kaum durch militärische Mittel entschieden – nicht in Kolumbien, Afghanistan, der Ukraine oder in Nordirland. Die Langzeitwirkungen von Gewaltkonflikten sind dagegen fatal: Traumatisierung und zerstörtes Vertrauen in der Gesellschaft, gehemmte Entwicklungsmöglichkeiten und enorme Ressourcen, die für einen Wiederaufbau bereitgestellt werden müssen. Einer gewaltsamen Konflikteskalation vorzubeugen muss deshalb Vorrang haben (...). Ein zentrales Instrument der deutschen Politik hierfür ist die zivile Konfliktbearbeitung.

Wer frühzeitig und langfristig in zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung investieren möchte, sollte sich an lokalen Anforderungen ausrichten und flexibel an veränderte Bedingungen vor Ort anpassen können. Das zeigen drei Projektbeispiele des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) im Libanon, Äthiopien und Palästina.

Libanon: Kommunen und Flüchtlinge an einen Tisch bringen

Mit der Ankunft von Flüchtlingen aus Syrien verdoppelte sich in manchen Kommunen im Libanon die Anzahl der Bewohner. Mit dem Anstieg von Preisen für Wohnraum und Lebensmittel und der Zunahme der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschlechterten sich die Lebensbedingungen der ansässigen Bevölkerung und gaben Vorurteilen und Stereotypen Auftrieb, die auch in Wut und Gewalt gegen Flüchtlinge umschlug. (...) Dem ZFD gelang es mit Hilfe der libanesischen Organisation LOST, an mehreren Standorten Vertreter der Kommunen und Flüchtlinge an einen Tisch zu bringen. Nach ersten eher feindselig ablaufenden Treffen führten sie Monate später mehrfach gemeinsame Projekte durch (...). Nicht die Aktionen zur Verbesserung der Lage waren das primäre Ziel, sondern ein Vertrauen aufzubauen und Verfahren einzuüben, um zukünftige Konflikte gewaltfrei bearbeiten zu können.

Äthiopien: Gemeinsam Radio hören für den Frieden

In Äthiopien erkennt das Parlament über 80 ethnische Gruppen an, deren Zusammenleben bei weitem nicht gewaltfrei ist und auch die nationale territoriale Integrität in Frage stellt. Die Anfrage einer kleinen Nichtregierungsorganisation an den ZFD, ein Friedensradio einzurichten, schien dafür etwas zu ambitioniert. In monatelangen Verhandlungen gelang es jedoch, ein Multi-Akteurs-Konsortium zusammenzubringen, das aus internationalen und lokalen Nichtregierungsorganisationen sowie Regionalparlamenten bestand. Nachdem in mehreren Kommunen erstmals Hörergruppen eingerichtet wurden, dauerte es wenige Monate, bis sich Hörergruppen aus angefeindeten Kommunen die Radiosendungen gemeinsam anhörten und anschließend darüber diskutierten. Niemand konnte vorhersehen, dass sich daraus knapp zwei Jahre später eine Versöhnungszeremonie entwickeln würde (…).

Palästinensische Gebiete: Raum für offene Diskussionen schaffen

Gewalt, in welcher Form auch immer, führt im israelisch-palästinensischen Konflikt meist zu Gegenreaktionen, die erfahrungsgemäß für die palästinensische Seite mit erheblich höheren Verlusten einhergehen. Die fortschreitende Besatzung durch Israel lässt immer weniger Spielräume für Palästinenser, in denen sich kreatives Denken entfalten kann, stattdessen nehmen Polarisierung und Radikalisierung auf beiden Seiten stetig zu. (...) An mehreren Orten in Palästina konnten in den vergangenen Jahren mit Unterstützung des ZFD geschützte Räume eingerichtet werden, in denen auch über Sinnlosigkeit von Gewaltstrategien und Hilflosigkeit diskutiert wird. Abseits von Konfrontation und Eskalation findet Wandel einen Platz, den eine plurale Gesellschaft benötigt, um nicht nur gegen eine Mauer gerichtet zu sein."

Text: Thomas Rößer  (gekürzte Version)

 

Der vollständige Beitrag von Thomas Rößer ist vor wenigen Tagen auf dem Blog PeaceLab2016 erschienen hier abrufbar.

 

THOMAS RÖßER war zwischen 2008 und 2014 als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Äthiopien, Ruanda und den palästinensischen Gebieten tätig. Derzeit ist er Referent für den Nahen Osten und Afghanistan beim Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV).

 

Der Blog PeaceLab2016 begleitet die Initiative der Bundesregierung, ein neues Leitbild zur Krisenprävention und Friedensförderung zu entwickeln. Unter Federführung des Auswärtigen Amtes wurde dieser Leitlinienprozess im Juli 2016 mit einer Auftaktveranstaltung in Berlin eröffnet, bei der auch das Konsortium ZFD vertreten war (vgl. unseren Beitrag vom 3. August 2016).

Das Konsortium ZFD hat im November 2016 im PeaceLab2016-Blog ein Interview mit seinem damaligen Sprecher Jügen Deile unter dem Titel „Aktion für den Frieden – statt Reaktion auf Krisen“ veröffentlicht. Deile plädiert darin für eine strategische, enge und inklusive Zusammenarbeit mit lokalen zivilgesellschaftlichen Akteuren.