Sri Lanka: ZFD baut Engagement aus

23.8.2018

Im September reisen drei neue Fachkräfte nach Sri Lanka, um ein weiteres Projekt des ZFD aufzubauen. Im Fokus steht der Dialog über religiöse und ethnische Grenzen hinweg. Der Handlungsbedarf ist weiterhin groß. Erst im März kam es zu gewaltsamen Übergriffen. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus.

Alles fing mit einem Gerücht an. Ein muslimischer Restaurantbesitzer wurde verdächtigt, dem Essen für Singhalesen ein Mittel beizumischen, das unfruchtbar mache. Es wurde ein Klumpen sichergestellt, der sich bei chemischer Analyse als Kichererbsenmehl herausstellte. Das Gerücht reichte aber, um einen Flächenbrand auszulösen – erst im Netz, dann auf der Straße. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der buddhistischen und muslimischen Bevölkerung in und um die Touristenmetropole Kandy. Drei Menschen starben. Die Behörden verhängten eine Ausgangssperre in der Stadt. Einen Tag später wurde landesweit der Ausnahmezustand ausgerufen.

Vorfälle wie diese sind keine Seltenheit in Sri Lanka. Tatsächlich haben sie in den letzten Jahren sogar zugenommen. Spannungen zwischen der singhalesischen, überwiegend buddhistischen Bevölkerungsmehrheit und den hinduistischen, islamischen und christlichen Minderheiten führen immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen und Auseinandersetzungen. Nach Angaben der National Christian Evangelical Alliance of Sri Lanka kam es beispielsweise innerhalb von zwei Jahren zu mehr als 190 Vorfällen religiös motivierter Gewalt gegen christliche Kirchen, Geistliche und Gemeindemitgliedern.

Das neue Projekt des Zivilen Friedensdienstes setzt daher auf Dialog zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen. Die lokal verankerten Partnerorganisationen, darunter zum Beispiel Caritas Sri Lanka – SEDEC (Social and Economic Development Centre), sind  bereits in die Arbeit eingestiegen. Sie können aber durchaus Unterstützung gebrauchen, damit bestehende Friedens- und Dialoginitiativen eine bessere Wirkung erzielen. Dazu sollen die Initiativen ausgebaut und professionalisiert werden. Hilfreich ist auch die Perspektive von außen, die ZFD-Koordinator Thomas Molitor und die beiden Fachkräfte Bozana Ivelic Katava und Johanna Sell in die Arbeit mit den Partnern einbringen werden. Perspektivisch wird das ZFD-Team von einer weiteren Fachkraft unterstützt, die im Juli mit ihrer Vorbereitung in Deutschland begonnen hat.


Zum Hintergrund:

Sri Lanka wurde von 1983 bis 2009 durch gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen tamilischen Rebellen, den Liberation Tigers of Tamil Eelan (LTTE), und der Regierung erschüttert. Eine Militäroffensive bereitete dem 2009 ein blutiges Ende, wobei Regierung und Militär schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts in Kauf nahmen. Allein in der letzten Kriegsphase starben vermutlich 40.000 Zivilistinnen und Zivilisten, Hunderttausende waren gezwungen, die Kriegsregion im Norden und Osten der Insel zu verlassen.

Nach der militärischen Intervention wurde der Konflikt zwischen singhalesischer und tamilischer Bevölkerung schlicht als beendet erklärt. Die zugrundeliegenden Konfliktursachen wurden allerdings nicht bearbeitet. Sri Lanka ist seit Jahrzehnten von einem ethnopolitischen Konflikt geprägt, der mit der religiösen Orientierung der verschiedenen Gruppen verbunden ist. Einer vor allem buddhistischen Bevölkerungsmehrheit von Singhalesinnen und Singhalesen (75 Prozent) stehen mehrere Minderheitengruppen gegenüber, vorwiegend hinduistische Tamilinnen und Tamilen (15 Prozent) und tamilsprachige Muslime und Musliminnen, die sogenannten Moors (neun Prozent). Etwa sechs Prozent der Bevölkerung gehören einer christlichen Kirche an.

Krieg und Gewalt haben tiefe Spuren hinterlassen. Menschen sind traumatisiert, Infrastruktur zerstört. Neben Wiederaufbau von Wirtschaft und Infrastruktur ist eine juristische wie auch therapeutische Aufarbeitung zwingend erforderlich. Eine Aufarbeitung der Vergangenheit war politisch lange Zeit nicht gewünscht und die Lage in den mehrheitlich von Tamilinnen und Tamilen bewohnten Gebiete im Norden und Osten hat sich seit 2009 kaum verbessert. Die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2015 gaben Anlass zur Hoffnung. Die neue Regierung zeigte sich reformbereit. Erste Schritte zur Öffnung und Demokratisierung des Staates wurden unternommen. Doch die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit, die psychosoziale Betreuung der Opfer von Krieg und Gewalt, aber auch Dialog und Versöhnung zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen konnten nur unzureichend vorangebracht werden.