Nepal: Heilsames Gehörtwerden

26.4.2018

Gehör finden und erkennen, nicht allein zu sein - das sind wichtige Zutaten für die Aufarbeitung leidvoller Erfahrungen. Ein ZFD-Workshop für Kriegsversehrte in Nepal hat ans Licht gebracht, wie wenig Unterstützung diese Gruppe bislang erhält. Durch den Austausch schöpften die Betroffenen neue Hoffnung – und wurden letztlich auch von staatlicher Seite gehört.

„Ich habe schon an einigen Programmen für Konfliktopfer teilgenommen. Bei fast allen kehrten die Opfer frustriert zurück; von diesem Workshop aber kehrten wir mit einem Lächeln auf unseren Gesichtern zurück, mit einem Hoffnungsschimmer und mit dem Gefühl, dass wir gehört wurden“, fasst Krishna, einer der Teilnehmenden, seine Eindrücke zusammen. Krishna wurde während des Bürgerkriegs in Nepal von einer Bombenexplosion erfasst. Seitdem ist er körperbehindert.

Der zehn Jahre dauernde Bürgerkrieg (1996-2006) verursachte insgesamt über 16.000 Tote und mehr als 1.300 Vermisste. Mehrere tausend Menschen sind durch Bombenanschläge oder Folter körperlich beeinträchtigt. Die Zahl der Traumatisierten ist kaum zu schätzen. Bislang wurden die Leiden derer, die der Bürgerkrieg zu Invalidinnen und Invaliden gemacht hat, kaum berücksichtigt. Sie sind nicht nur im Alltag beeinträchtigt, sondern werden auch stigmatisiert und sind sozial isoliert. Von Regierungsseite haben sie seit Kriegsende wenig Unterstützung erfahren.

Daher weitet der Zivile Friedensdienst sein Engagement zur Aufarbeitung der nepalesischen Vergangenheit ab sofort auch auf die körperlich Kriegsversehrten aus. Der viertägige Workshop, an dem vierzehn Menschen aus acht Distrikten des Landes teilnahmen, war der Auftakt für ein längerfristiges Projekt. Zunächst werden die Versehrten auf individueller Ebene gestärkt. Mit Methoden der narrativen Therapie arbeiten sie daran, ihr Schicksal mit anderen Augen zu sehen. Dabei wird der Blick auf ihre Fähigkeiten gelenkt, um sie zu ermutigen, ihr Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen. Teilnehmer Gaya Prasad kann diesen heilsamen Effekt bestätigen: "Ich habe nie über meine Fähigkeiten nachgedacht, weil der Schmerz und das Leid über mein Schicksal so groß waren, dass sie Herz und Geist belagerten. Dies war das erste Mal, dass ich mir meine Ressourcen und Möglichkeiten bewusst gemacht habe."

Doch die Kriegsversehrten sollen nicht nur persönliche Entlastung finden, sondern sich auch gemeinsam effektiver Gehör verschaffen können. Dazu wird der Kontakt untereinander ausgebaut, insbesondere über die „Conflict Victims’ Common Platform“ (CVCP), ein landesweites Netzwerk zivilgesellschaftlicher Opfergruppen. Dieses unterstützt die Initiative: "Ich spüre nun größere Verantwortung für diese Opfergruppe", sagt Geeta Rasaili, stellvertretende Vorsitzende von CVCP. "Künftig will ich mich im CVCP dafür einsetzen, mehr Unterstützungsprogramme für sie zu schaffen."

Indem die Geschichten der Versehrten öffentlich gemacht werden, soll mittelfristig auch ihr gesellschaftlicher Status gestärkt werden. Hierzu ist unter anderem ein Buch mit Portraits in Wort und Bild in Arbeit. 

Zu guter Letzt wird auch der Kontakt zur staatlichen „Truth and Reconciliation Commission“ (TRC) [Wahrheits- und Versöhnungskommission] gesucht, um die Belange der Kriegsversehrten auf die politische Agenda zu bringen. So fand am letzten Tag des Workshops auch ein Treffen zwischen den Teilnehmenden und Vertreterinnen und Vertretern der TRC statt. "Die Kommissionsmitglieder nahmen unsere Anliegen und Forderungen mit dem nötigen Respekt und Wohlwollen auf. Sie versprachen, unsere Anliegen in ihre Empfehlungen aufzunehmen", sagt Krishna. Auch dies war eine positive Erfahrung für die Teilnehmenden.

Die wichtigste Erfahrung überhaupt war aber, endlich gehört zu werden. So sagt Rupan, ein anderer Teilnehmer: "Selbst wenn ich jetzt sterben sollte, würde ich mich nicht beschweren, weil ich die Gelegenheit hatte, meine Geschichte und meine Bedürfnisse mit dieser Gruppe und mit der Kommission zu teilen. Alle haben mir ernsthaft zugehört." Zu erkennen, "ich bin nicht allein – und werde nicht allein gelassen", ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Heilung.

 

Quelle: GIZ / Ruth Marsden und Ramesh Adhikari, ZFD-Fachkräfte in Nepal. Foto: GIZ ZFD/Kishor Sharma


Nepal ist bis heute von dem zehnjährigen Bürgerkrieg gezeichnet, der 2006 offiziell beigelegt wurde. Die Ursachen blieben aber weitgehend unbearbeitet. Die Gesellschaft ist in ethnischer, religiöser und politischer Hinsicht tief gespalten. Armut und soziale Ungerechtigkeit bestimmen den Alltag großer Teile der Bevölkerung. Viele haben keinen Zugang zu den grundlegendsten Rechten und daher kaum Vertrauen in Politik und Staat.

Die soziale Stellung wird weitgehend durch Kaste, Geschlecht und Ethnie bestimmt. Der Rechtsstaat funktioniert oft unzulänglich, Korruption und Misswirtschaft sind verbreitet. Auch die strafrechtliche Aufarbeitung der Kriegsverbrechen geht nur schleppend voran. Die Sicherheitslage von Personen, die sich für Menschenrechte einsetzen, ist besorgniserregend, ihr Handlungsspielraum eingeschränkt.

Das Engagement des ZFD trägt dazu bei, die Entwicklung Nepals in Richtung Frieden und Gerechtigkeit voranzubringen. Es wird daran gearbeitet, die Zivilgesellschaft zu stärken, die Vergangenheit aufzuarbeiten, Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen und Konflikte konstruktiv anzugehen.

Mehr über das Engagement des ZFD in Nepal erfahren Sie in unserer Projektdatenbank.