Musik als Ventil: Quibdos Jugend hat kaum Zukunftschancen, mit Hiphop verschafft sie sich Gehör

Unter dem Titel "Anonìmo Alianza Urbana Quibdó - Chocó" erzählen Jugendliche aus Quibdo/Kolumbien in Rap-Sprechgesängen oder kurzen Filmstatements vom harten Leben in der abgelegenen Provinz. Produziert wurden die Filme und Songs auf einer CD und einer DVD mit Unterstützung von ZFD-Fachkraft Michaela Pfister. Gemeinsam mit ihren Teamkollegen Miguel Ramirez und Jaminton Robledo arbeitet die Sozialpädagogin in der gewaltpräventiven Kinder- und Jugendarbeit der Diözese Quibdo.

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Die Bevölkerung Quibdós ist jung!

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene stellen 70% der Bewohner der Region Chóco/Kolumbien und die sind vor allem schwarz und leben in sozial benachteiligten Stadtteilen. Dort fehlen sportliche und kulturelle Freizeit- bzw. Bildungsangebote. Quibdó hat die höchste Armuts- und Arbeitslosenquote des Landes und kaum Zukunftsperspektiven.

Aufgrund der staatlichen Vernachlässigung werden  Grundbedürfnisse nicht abgedeckt. Die Jugend leidet unter großer Armut, sozialer Diskriminierung, und Gewalt. Ihren Alltag prägt die Rekrutierung durch legale und illegale bewaffnete Gruppen,  stark ansteigender Drogenkonsum, Drogenhandel, Jugendgewalt, Bandenbildung, Prostitution, Schutzgelderpressung und Morde.  Weder der Großteil der Gesellschaft noch die Lokalpolitik interessieren sich für die Bedürfnisse der Jugendlichen. Hauptthemen der regionalen Politiker sind die Ausbeutung der Bodenschätze und der Kampf um Land. Die Jugend misstraut den Politikern und fordert ihre Rechte nicht ein. Jeder versucht  irgendwie zu überleben und oft geraten Jugendliche dabei zwischen die Fronten von bewaffneten Gruppen  und Drogenhändlern.

Das ZFD-Projekt „Los Inquietos“(die Unruhigen) reagierte auf die schwierige Lebenssituation der Jugendlichen mit dem Kreativprojekt „Alza tu voz – alza tu cuerpo“ (Erheb deine Stimme und deinen Körper). Gedacht als Antwort auf die Passivität der Jugendlichen und ihre fehlenden Ausdrucksmöglichkeiten, machte es  deren komplexe Realität sichtbar. Das Projekt nutzte die rhythmische Affinität, das künstlerische Talent, die Vorliebe der jungen Schwarzen  für die verschiedenen Elemente des Hiphops. Unterstützt durch audiovisuelle Medien, brachten sie über dieses kreative Potenzial ihren Lebensalltag zum Ausdruck und setzten Veränderungen in Gang.

Finanziert wurde das Projekt vor allem durch Misereor, Adveniat, den Diözesanrat Aachen und der Kirchengemeinde Scheßlitz. Kleinere Mittel des ZFD flossen ebenfalls ein, so dass es Ende November 2012  realisiert wurde. „Alza tu voz“ richtete sich an Jugendliche aus sozial benachteiligten Vierteln der ganzen Stadt, die Interesse an Hip-Hop-Workshops, Tanzworkshops und audiovisuellen Kursen hatten. Manche Jugendliche besaßen Rap-Erfahrung, andere nicht. Ein Teil stammte aus Jugendbanden, die anderen sind  der starken sozialen Diskriminierung in den verarmten Stadtteilen ausgesetzt. Sie müssen tagtäglich dafür kämpfen, sich von Gewalt und Delinquenz fern zu halten.

Insgesamt 60 Jugendliche aus verschiedenen Bezirken der Stadt nahmen an drei Workshops zwei Wochen lang ganztägig teil. Sie entwickelten Tanzchoreographien und Lieder mit Videoclips, die sie am Schluss in einem Hiphopwettbewerb mit  25 jungen Künstlergruppen und ihren sozialkritischen Liedern präsentierten.  Aus den besten Rap-Songs, den Videoclips und dem Dokumentarfilm entstand eine DVD, die im März 2013 über ein Forum/Diskussionsrunde, öffentliche Auftritte, Fernsehsender, und Youtube einem breiten Publikum gezeigt wurde. Der DVD-Verkauf soll weitere Workshops finanzieren  und staatliche Institutionen für den rauen Lebensalltag der Jugendlichen sensibilisieren.

Unterstützt wurde das Projekt „Alza tu voz“ von der Filmemacherin Caroline Narr, dem dreiköpfigen ZFD-Team, zwei lokalen Rappern und Musikproduzenten. So lernten die Jugendlichen Musikkomposition, Texte schreiben und mit einer speziellen Software Beats selbst zu produzieren. Sie hörten einiges zu verschiedenen Musikgenres sowie den Wurzeln des Hiphops und lernten ihn als Sprachrohr für die Einforderung der eigenen Rechte einzusetzen, um soziale Ungerechtigkeiten damit zu thematisieren. In den Texten sollte nicht nur Negatives vorkommen und so einigten sich die jungen Künstler darauf auch die schönen Seiten des Bundeslandes zu erwähnen. Im Bereich des „urbanen Tanz“, den Tanzworkshops gab es fast nur Anfänger. Trotzdem arbeiteten sie innerhalb von zwei Wochen mit ihrem „chocoanischen“ Tanzlehrer drei verschiedene Choreographien aus, die ihren Lebensalltag darstellten. Voller Stolz präsentierten sie eine Uraufführung beim Hiphopwettbewerb.

Text: Michaela Pfister/Ursula Radermacher, Fotos: Michaela Pfister