Kolumbien: Verschwunden, aber nicht vergessen

2.8.2018

Mehr als 80.000 Menschen werden in Kolumbien vermisst. Sie verschwanden im Zuge des bewaffneten Konflikts. Sie wurden gewaltsam verhaftet, inhaftiert, ermordet. Die Journalistin Carol Sánchez hat im Departement Casanare recherchiert, wie schwer diese Verbrechen bis heute wiegen – und wie schwer ihre Aufarbeitung fällt. Bei der ZFD-Partnerorganisation CdR hat sie zuvor eine Ausbildung in konfliktsensiblem Journalismus absolviert.

Kaum eine Familie in Kolumbien blieb von der Gewalt des bewaffneten Konflikts verschont. Seit 1964 sind über 220.000 Tote zu beklagen, davon schätzungsweise 80 Prozent Zivilistinnen und Zivilisten. Mehr als 80.000 Menschen (Quelle: staatliches Nationales Erinnerungsmuseum Kolumbien) wurden Opfer des sogenannten „erzwungenen Verschwindens“. Polizei, Militär, paramilitärische Gruppen und Guerilla haben sie gewaltsam verhaftet oder entführt. Seitdem fehlt von ihnen jede Spur. Den Angehörigen fällt es schwer, sich mit dem Verschwinden abzufinden. Abschied nehmen und richtig abschließen können sie nicht. Ein Rest Hoffnung bleibt, solange das Verbrechen nicht aufgeklärt ist.

„Aufgabe des Journalisten ist es, den Menschen (…) eine Stimme zu geben“.

Die junge Journalistin Carol Sánchez ist für ihre Reportage über die Verwundenen im Departement Casanare in die Region gereist und hat mit vielen Angehörigen gesprochen. Im landesweiten Vergleich sind hier besonders viele Menschen verschleppt worden, in den meisten Fällen von Paramilitärs. Hunderte Familien haben in Casanare den schmerzhaften Verlust einer/eines Angehörigen erlitten.

Die Aufklärung dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit lässt auf sich warten. Carol Sánchez kam bei ihren Recherchen zu dem Ergebnis, dass die Aufarbeitung vor allem von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen und den Angehörigen selbst geleistet wird. Von staatlicher Seite gibt es zu wenig Anstrengungen, die Gräueltaten angemessen aufzuklären und aufzuarbeiten. Medien können dazu beitragen, den Staat in die Pflicht zu nehmen, indem sie den Opfern Gehör verschaffen.

„Wir müssen sehen, welche Auswirkungen der Konflikt auf die Menschen hat, was sie von Übergangsjustizprozessen erwarten, was ihre Forderungen sind, was sie brauchen und was sie bieten können (…) Die Aufgabe des Journalisten ist es, den Menschen, die es am meisten brauchen, eine Stimme zu geben“, sagt Carol Sánchez im Interview. In gleicher Intensität hat sie gerichtliche Quellen, staatliche Register und Datenbanken von Opferverbänden ausgewertet.

Penibel recherchiert, sensibel nachgefragt

Carol Sánchez geht es bei ihrer Arbeit nicht um Auflage und Reichweite um jeden Preis. Die Journalistin möchte die Probleme der Hinterbliebenen öffentlich machen – ohne sie erneut zu Opfern zu machen. Hier ist eine sensible und verantwortungsvolle Berichterstattung unerlässlich. Sensationsheischende Schlagzeilen mögen vielleicht auf mehr Interesse stoßen; einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten sie jedoch nicht.

„In Kolumbien gab es nie einen ernsthaften Versuch, über die Verschwundenen zu sprechen, geschweige denn, sie zu finden“, sagt Carol Sánchez. „Die größte Herausforderung bestand darin, einen Weg zu finden, über dieses Thema zu sprechen, ohne das Thema kleinzureden und ohne, dass die Familien das Gefühl haben, ihre Schmerzen seien für uns nicht von Bedeutung.“

Darauf vorbereitet hat sie eine Ausbildung beim kolumbianischen Journalistennetzwerk „Consejo de Redacción“ (CdR) in Kooperation mit dem Zivilen Friedensdienst. Neben konfliktsensiblem Journalismus ging es hier auch um die Themen Opferrechte, Übergangsjustiz und die professionelle Nutzung vorhandener Recherchequellen.


Wie ihr die Ausbildung geholfen hat, das Thema konfliktsensibel anzugehen, investigativ zu recherchieren und zugleich den Opfern auf Augenhöhe zu begegnen, beschreibt Carol Sánchez im Interview mit Carol Valencia, das Sie hier bei der AGEH nachlesen können.

Sánchez' Reportage „Casanare: im Schatten der Verschwundenen“ („Casanare: a la sombra de los desaparecidos“)  finden Sie auf der Internetplattform „Konfliktwege“ („Rutas del Conflicto“) (auf Spanisch). Die Plattform, an der auch Carol Sánchez beteiligt ist, wurde 2017 mit dem internationalen „Data Journalism Award“ als Website des Jahres ausgezeichnet.

Mehr über die ZFD-Partnerorganisation „Consejo de Redacción“ (CdR), einem Netzwerk aus 120 Journalistinnen und Journalisten, das mittels investigativem Journalismus zu Demokratisierung und Aufarbeitung der Vergangenheit Kolumbiens beiträgt, erfahren sie auf der Hompage der CdR (auf Spanisch).