Kolumbien: Theater hilft

25.1.2018

Nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg ist der Friedensprozess in Kolumbien mühsame Arbeit. Niemand weiß das besser, als die vielen Opfer von Vertreibung und Gewalt. Die Sozialpastorale der Diözese Cúcuta hat ein Theaterprojekt ins Leben gerufen, das ihnen helfen soll, das Erlebte zu verarbeiten. ZFD-Fachkraft Utz Ebertz unterstützt das Projekt.

Utz Ebertz ist Schauspieler und Politologe. Eine ideale Kombi, um die Theaterarbeit der Diözese zu begleiten. Zum Auftakt des Projekts fand ein intensiver Workshop mit dem kolumbianischen Regisseur und Therapeuten Héctor Aristizabal statt. Der Journalist Tobias Käufer hat darüber eine spannende Reportage geschrieben, die wir in Auszügen wiedergeben. Die vollständige Reportage finden Sie in der aktuellen Contacts, dem Magazin der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH).


Regisseure des eigenen Lebens

Héctor lässt schreien, tanzen, lachen und weinen. Und Héctor lässt erzählen. Héctor Aristizabal (59), geboren in Medellin, gefoltert von der kolumbianischen Armee, geflohen in die USA, ist Schauspieler, Regisseur und Therapeut. Ein Künstler, der die unfassbare Gewalt des bewaffneten Konfliktes in Kolumbien greifbar macht. Weil er sie am eigenen Leib hat erleiden müssen.

Es ist Donnerstagnachmittag. In dem schlichten Raum der Pfarrei San Antonio de Padua kämpfen ein paar Ventilatoren mit der Mittagshitze im kolumbianischen Cúcuta. Die Stadt an der Grenze zu Venezuela gilt als so etwas wie Klein-Kolumbien. Hier haben sich paramilitärische Gruppen mit Guerilla-Einheiten schwere Gefechte geliefert. Die Gewalt hat Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihnen Obdach, Familie und Hoffnung genommen. Und sie schweigsam gemacht. Héctor Aristizabal ist auf Einladung der Sozialpastoralder Diözese Cúcuta für einen zweitägigen Workshop hier und will ihnen wieder eine Stimme geben.

Schweigen und Verständnis

Jeder der rund 20 Laien-Schauspieler, die an diesem Tag in den Pfarrraum gekommen sind, hat seine eigene Leidensgeschichte, sein eigenes schreckliches Kriegserlebnis. Deswegen erzählt Héctor aus seinem eigenen Leben: „Die Armee hat mich festgenommen, weil ich als kleiner Junge Fidel Castro einen Brief schrieb. Ich hatte schon alles vergessen, da kam die Armee und hat mich gefoltert. Ich habe nur überlebt, weil in dieser Woche internationale Beobachter wegen der Präsidentschaftswahlen im Land waren. Deswegen kam ich frei.” Seinen Bruder töteten die Paramilitärs, weil sie für ihn einen Kommunisten hielten. Schweigen im Raum. Und Verständnis. Denn jeder hat irgendwie in der eigenen Familie oder in der Nachbarschaft die gleichen Erfahrungen gemacht. Nur wie damit umgehen. Die meisten schweigen.

„Mein Ehemann ist vor den bewaffneten Banden aus seinem Haus vertrieben worden“, sagt Kursteilnehmerin Marcela Conteras (28). „Wir haben darüber nie öffentlich geredet.“ Die junge Frau mit den dunkelbraunen Haaren ist seit Mai dabei. Erfahren hat sie von der Theatergruppe der Sozialpastoral bei einem Projekt das „Historische Erinnerung“ heißt und in einem Stadtviertel Cúcutas angeboten wurde. „Ein Deutscher arbeitet mit Opfern von Gewalt und Krieg“, hieß es damals, erinnert sie sich. Der Deutsche, das ist Utz Ebertz, Fachkraft im Zivilen Friedensdienst der AGEH, Schauspieler und Politologe. „Das Projekt der Sozialpastoral der Diözese ist darauf angelegt, den Menschen, die im Konflikt Schreckliches erlebt haben, wieder eine Perspektive aufzuzeigen“, erklärt Ebertz. Oder wie Héctor es ausdrückt: „Sie sollen wieder zu Regisseuren ihres eigenen Lebens werden."

Reden und Zuhören

Wie das geht, zeigt der fast zwei Meter große Hüne wenig später im Zusammenspiel mit Héctor. Als Requisite dienen einfache Stühle, ein Tisch und ein Regenschirm. Der Rest ist Vorstellung oder eben selbst Erlebtes und Erlittenes. Die Teilnehmer spielen Konfliktsituationen nach. Eine Familie sitzt beim Abendbrot, als plötzlich ein bewaffneter Kämpfer im Raum steht. Der Regenschirm dient als Gewehrersatz. Die Spitze des Schirms bohrt sich leicht in den Rücken des Familienvaters, der gerade noch mit der Tochter spielte. Es ist still im Pfarrraum, fast alle haben hier Ähnliches in ihrem eigenen Leben erlebt. Schauspiel und Realität, Erinnerungen und Fiktionen vermischen sich. Bei einigen, wie Marcela,  fließen Tränen. So in etwa muss es gewesen sein, als ihr Mann aus seinem eigenen Haus vertrieben wurde.

Doch der Krieg ist vorbei. Solche Szenen, so hoffen es zumindest die Menschen in Cúcuta, werden sich in Zukunft nicht mehr wiederholen. „Die Menschen müssen erst einmal lernen sich wieder zu vertrauen. Ohne Vertrauen wird es keinen Frieden geben“, sagt Cúcutas Bischof Victor Manuel Ochoa Cadavid, der das Projekt aktiv unterstützt. „Wir müssen uns wieder näherkommen. Das ist schwer nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg. Wir müssen miteinander reden, über das war wir erlebt haben. Wir müssen dem Anderen wieder zuhören.“
 

Die vollständige Reportage finden Sie hier.

Foto/Text: Tobias Käufer