Kenia: Fürs Leben auf die Straße

4.7.2018

Am 7. Juli findet in Nairobi der „March For Our Lives“ statt. Die Protestveranstaltung richtet sich gegen außergerichtliche Tötungen, die in Kenia außergewöhnlich häufig vorkommen. Veranstalter ist das „Mathare Zentrum für soziale Gerechtigkeit“ aus Mathare, einer informellen Siedlung in Nairobi. ZFD-Fachkräfte begleiten die Mitglieder der Organisation, um sie selbst vor Mordanschlägen zu schützen.

Marschieren gegen Mord und Totschlag

Außergerichtliche Tötungen, Verschwindenlassen, Folter und andere Formen der Gewalt durch Sicherheitskräfte sind in Kenia keine Seltenheit. Für den Zeitraum 2013 bis 2015 hat das „Mathare Zentrum für soziale Gerechtigkeit“ (Mathare Social Justice Centre, MSJC) allein über 800 durch Polizeikräfte verursachte Todesfälle dokumentiert. Menschen in informellen, marginalisierten Siedlungen Nairobis (umgangssprachlich meist "Slums" genannt) sind hiervon besonders bedroht und betroffen. Oft werden Übergriffe gegen die Bevölkerung nicht einmal juristisch verfolgt. Opfer und Hinterbliebene warten meist vergebens auf Gerechtigkeit und Wiedergutmachung.

Mit der Protestveranstaltung „March For Our Lives“ soll am 7. Juli 2018 auf diesen Zustand aufmerksam gemacht. Daran beteiligt sind auch andere Menschenrechtsgruppen aus Nairobi. Nach einem Protestmarsch folgt eine zentrale Veranstaltung auf dem Kamukunji-Platz in Kibera, dem größten "Slum" Nairobis. Dort wird Vertreterinnen und Vertretern der kenianischen Regierung, der Afrikanischen Union (AU) und der Vereinten Nationen (UN) eine Resolution inklusive Forderungen und Empfehlungen zur (juristischen) Aufarbeitung überreicht. Anschließend kommen Angehörige Ermordeter zu Wort. Das „Mathare Green Movement“ wird außerdem Bäume zum Gedenken an die Getöteten pflanzen.

Aus Graswurzel wächst Bewegung

Die ZFD-Partnerorganisation MSJC ist eine Initiative junger Leute in Mathare. MSJC hat sich auf die Fahnen geschrieben, gegen die (strukturelle) Gewalt und die soziale Ungerechtigkeit anzugehen – durch Dokumentation, Information und Aktion. Vorkommnisse werden registriert und geprüft. Diskussions- und Dialogveranstaltungen bringen brisante Themen zur Sprache. Demonstrationen und kreative Formate schaffen Aufmerksamkeit und üben gewaltfrei Druck auf die politisch Verantwortlichen aus. Mit einem Graffiti-Workshop wurde im letzten Jahr beispielsweise die Kampagne „Arts against Violence“ gestartet.

Das „Mathare Zentrum für soziale Gerechtigkeit“ ist längst zu einem Modell für weitere Initiativen in anderen der mehr als 200 informellen Siedlungen Nairobis geworden. So gibt es heute unter anderem das „Kayole Social Justice Centre“ und das „Kangemi Social Justice Centre“ – was wieder einmal zeigt, dass eine Graswurzelinitiative eine zivilgesellschaftliche Bewegung initiieren und letztlich auch Veränderung bewirken kann.

Begleitung, die schützt

Der Aktionsraum für die kenianische Zivilgesellschaft ist in den letzten Jahren durch neue Gesetzesvorhaben zunehmend eingeschränkt worden. Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger werden immer häufiger kriminalisiert. Insbesondere in den marginalisierten Siedlungen wird ihre Arbeit durch willkürliche Verhaftungen und langwierige Gerichtsverfahren erschwert. Daher steht der ZFD in Kenia zivilgesellschaftlichen Organisationen beiseite, die sich für die Menschenrechte einsetzen. Hierzu begleiten zwei ZFD-Fachkräfte im Team mit internationalen Freiwilligen der Peace Brigades International gefährdete Personen und zeigen bei Veranstaltungen und Aktionen Präsenz. Durch die zivile, internationale Schutzbegleitung, durch Lobbyarbeit und Sicherheitstrainings können Gruppen wie MSJC in relativer Sicherheit arbeiten.

Die Fachkräfte des ZFD ermutigen die Menschen, trotz der Bedrohungen am Ball zu bleiben. Sie unterstützen sie dabei, sich mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten zu vernetzen und so stark zu werden, dass die Anwesenheit internationaler Fachkräfte in Zukunft nicht mehr nötig sein wird. Darüber hinaus wird der Dialog mit politischen Autoritäten innerhalb Kenias (auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene), aber auch mit Schlüsselakteure der internationalen Gemeinschaft gesucht, um den Schutz der Menschenrechte voranzubringen. Die in Kenia begleiteten Organisationen engagieren sich insbesondere zu Gewalt gegen Frauen, Kriminalisierung von Armut und Gewalt durch Sicherheitskräfte.


Aktuelle Infos zum „Mathare Social Justice Centre“ finden Sie auf Facebook und Twitter.

Ein filmisches Kurzportrait über einen Mitarbeiter beim MSJC, Stephen Kinuthia Mwangi (22), Jurastudent an der Strathmore University in Nairobi, wurde von PBI Niederlande erstellt (4:09 Min., engl. mit engl. UT) und kann hier auf der Webseite von PBI Kenia betrachtet werden.


Mehr über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes in Kenia erfahren Sie in unserer Projektdatenbank.

Aktuelle Meldungen über die Arbeit in Kenia finden Sie auf der Facebook-Seite des ZFD in Kenia.