Kambodscha: Engagement für psychische Gesundheit ge(m)ehrt

4.1.2018

Sotheara Chhim, Direktor der ZFD-Partnerorganisation TPO, erhält den Preis „Breaking the Chains of Stigma“. Die Auszeichnung würdigt sein Engagement bei der psychosozialen Betreuung Traumatisierter und psychisch Kranker.

Als Dr. Sotheara Chhim 1998 seine klinische Arbeit aufnahm, war er einer der ersten Psychiater Kambodschas überhaupt. Seitdem arbeitet er darauf hin, die Situation psychisch Kranker und auch das Verständnis für psychische Störungen in Kambodscha zu verbessern. Noch immer kommt es vor, dass Erkrankte angekettet oder eingesperrt werden, statt eine adäquate Behandlung zu erfahren.

Seit 2002 ist Dr. Sotheara Chhim leitender Direktor der der Nichtregierungsorganisation „Transcultural Psychosocial Organization Cambodia" (TPO). Die TPO macht sich seit 1995 in Kambodscha für die Versorgung psychisch Kranker stark. Das Team um Sotheara Chhim bietet Aufklärung, Beratung, und Behandlung. Spezielle Leistungen stehen für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt, Strafgefangene und Folteropfer bereit. Bis heute haben über 220.000 Patienten und Familien von ihrer Arbeit profitiert. Der ZFD unterstützt die TPO seit vielen Jahren.

Neben der praktischen Arbeit ist Sotheara Chhim auch wissenschaftlich aktiv. Sein Forschungsinteresse gilt der Posttraumatischen Belastungsstörung sowie der Transkulturellen Psychiatrie. Dr. Chhim hat in Phnom Penh Gesundheitswissenschaften studiert, in Oslo seinen Abschluss als Psychiater gemacht und in Sydney und Melbourne Fortbildungen in Psychologischer Medizin und Traumatherapie absolviert.

Mit dem Dr.-Guislain-Preises „Breaking the Chains of Stigma“ („die Ketten des Stigmas brechen“) wurde Sotheara Chhim nun für seine herausragenden Leistungen geehrt. Der Preis wurde im Rahmen eines Festakts im Oktober 2017 im Museum Dr. Guislain in Gent, Belgien, verliehen. „Die Arbeit von Dr. Chhim – die Ketten derer zu brechen, die in Kambodscha unter psychischen Störungen leiden – ist ganz im Geiste von Dr. Guislain, sich für die Rechte und Versorgung von Patienten mit psychischen Erkrankungen einzusetzen“, sagte Dr. René Stockman, Generaldirektor des Museums Dr. Guislain, in seiner Laudatio.

Der Dr.-Guislain-Preis „Breaking the Chains of Stigma“ ist nach dem belgischen Psychiater Dr. Joseph Guislain (1797-1860) benannt und wird gemeinsam vom Museum Dr. Guislain und dem Pharmaunternehmen Janssen Research & Development, LLC. Janssen gestiftet und ausgerichtet. Sotheara Chhim erhält einen Geldpreis in Höhe von 50.000 US-Dollar, um sein Engagement in der Versorgung, Entstigmatisierung und Reintegration psychisch Kranker weiter auszubauen.

 


Zum Hintergrund: Die Geschehnisse während der Herrschaft der Roten Khmer und jahrzehntelange Bürgerkriege haben viele Menschen schwer traumatisiert. Unter den Roten Khmer starb zwischen 1975 und 1979 etwa ein Viertel der Bevölkerung durch Zwangsarbeit, Hungersnöte, Folter und Mord. Diese Gräuel wurden lange Zeit verdrängt und kaum thematisiert, geschweige denn aufgearbeitet. So ist auch die junge Generation, immerhin 70 Prozent der kambodschanischen Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, unter den Folgen der Traumatisierung aufgewachsen. Die Geschichte lastet somit auf der gesamten Gesellschaft – und lähmt bis heute eine Entwicklung zu Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Seit 2007 wird den noch lebenden Hauptverantwortlichen der Diktatur der Roten Khmer vor den Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC, Rote-Khmer-Tribunal) der Prozess gemacht.

Das Engagement des ZFD: Der ZFD will mit seinen zivilgesellschaftlichen und staatlichen Partnern die Aufarbeitung, Versöhnung und Gerechtigkeit in Kambodscha mehren. Er unterstützt die juristische und psychosoziale Begleitung von Opfern, die vor dem Tribunal als Zeugen oder als Nebenklägerinnen auftreten. Außerhalb des Gerichtssaals bieten ZFD-Partnerorganisationen Überlebenden des KR Regimes Therapien und Möglichkeiten der Selbsthilfe an. Um den Zusammenhalt der fragmentierten Gesellschaft zu fördern, werden unterschiedliche Dialogformate umgesetzt: der Austausch zwischen den Generationen und innerhalb einzelner Familien etwa, aber auch der Dialog zwischen Opfern und Tätern. Darüber hinaus setzt sich der ZFD mit seinen Partnern für eine konstruktive Erinnerungskultur ein, die auch nach dem Ende des Tribunals Bestand haben soll: Museumspädagogik in Gedenkstätten, Friedenserziehung in Schulen und in der Jugendarbeit, zivile Konfliktbearbeitung in der Bildungsarbeit sind daher bedeutsame Bausteine des umfassenden Programms. Derzeit sind insgesamt 18 ZFD-Fachkräfte vor Ort.

Mehr über die verschiedenen Projekte des ZFD in Kambodscha erfahren Sie in unserer Projektdatenbank.