Irak: Internationale Konferenz zu Genozid und Massentrauma

21.6.2018

Es war der erste öffentliche Auftritt des Zivilen Friedensdienstes im Irak und gleich ein großer. Zusammen mit dem Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie (IPP) der Universität Dohuk veranstaltete der ZFD im Mai 2018 die erste „Internationale Konferenz zu Genozid und Massentrauma“.

Im Fokus stand insbesondere die psychosoziale Arbeit mit Überlebenden der Verbrechen des sogenannten „Islamischen Staates im Irak und in Syrien“ (ISIS). Überlebende der Genozidverbrechen des ISIS sowie jener von Saddam Hussein sprachen über die Gewalt, die sie erfahren mussten. So berichtete eine Jesidin, wie ISIS ihre Familienangehörigen ermordet und sie selbst für mehr als zwei Jahre als Sex-Sklavin verschleppt hatte. Acht Mal wurde sie an einen anderen Mann weiterverkauft, bis ihre Familie sie mit einer hohen Summe auslösen konnte.

Aber nicht nur aus dem Irak waren die Teilnehmenden angereist. Seine globale Struktur nutzend, lud der ZFD Expertinnen und Experten aus Bosnien, Guatemala, Kambodscha und Nepal ein. Sie gaben eindrückliche Beispiele aus ihrer Arbeit und zeigten auf, wie das gesellschaftliche Schweigen über Gewaltverbrechen gebrochen und die Betroffenen in die Gesellschaft integriert werden können.  

Nura Begovic, stellvertretende Vorsitzende des bosnischen Vereins „Frauen von Srebrenica“, ermutigte jesidische und andere Überlebende des ISIS-Terrors, sich für ihre Anliegen stark zu machen und ihre Rechte gegenüber der gesamtirakischen und kurdischen Regierung einzufordern. Sie berichtete, wie bedeutsam es war, dass 75 Prozent der 8.000 in Srebrenica ermordeten Männer nach Öffnung der Massengräber durch DNA-Analysen identifiziert werden konnten. So hatte sie vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag einen unumstößlichen Beweis in Händen, dass ihre beiden Brüder unter den Opfern waren.

Auch im Irak ist dies von Bedeutung. Hier unterstützt der ZFD einen staatlichen Partner, der die Verbrechen des ISIS und die Lage von Massengräbern dokumentiert. Er interviewt dafür Überlebende und sammelt Blutproben von Familienangehörigen.

Honoré Gatera, Direktor des Genozid-Museums in Kigali, Ruanda, verdeutlichte, dass Gedenkstätten nicht nur erinnern, sondern auch einen Weg aufzeigen sollen, wie die Nachkommen von Opfern und Täterinnen und Tätern friedlich zusammenleben können. In der Zusammenarbeit mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Kurdistan wird der ZFD diesen Punkt aufgreifen.

Basierend auf den Erfahrungen aus vielen Ländern, appellierte Dr. Andreas Selmeci, ZFD-Programmkoordinator der GIZ im Irak, an die Regierungen in Bagdad und Erbil, die Stimmen der Überlebenden aller ethnischen und religiösen Gruppen beim Wiederaufbau des zerstörten Nordirak zu hören. Nur so entstehe eine Chance zu Versöhnung. Es reiche nicht, wenn ehemalige Führungskräfte von ISIS nur wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ vor Gericht kommen und schnell abgeurteilt werden. Vielmehr brauche es eine Übergangsjustiz, welche das ganze Ausmaß der Verbrechen gegen die Menschlichkeit ans Licht bringen.

Für das im Aufbau befindliche ZFD-Programm im Irak waren der Austausch und die Vernetzung im und über den Irak hinaus von enormer Bedeutung. Weitere Veranstaltungen dieser Art werden folgen.

Der Zivile Friedensdienst ist mit zwei Trägern im Irak vertreten. Mehr Informationen über die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes im Irak erhalten Sie in unserer Projektdatenbank.

 

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt)

 

Foto: Adam Jones, Ph.D./Global Photo Archive/Flickr