Guatemala: Vergangenheitsarbeit - ein Zukunftsprojekt

„Am 15. Mai 1984 wurde der Schriftsteller vom guatemaltekischen Militär entführt und nicht mehr wiedergesehen“, so beginnt die Inschrift einer Gedenktafel für Luis de Lión im Zentrum von Guatemala-Stadt. Was ihm und den vielen anderen Opfern des 36-jährigen Bürgerkriegs widerfahren ist, macht jetzt das interaktive Online-Portal Memoria Virtual Guatemala öffentlich. Das Portal ist ein Beitrag zur Aufarbeitung der gewaltsamen Vergangenheit. Es wurde vom ZFD-Partner „Memorial para la Concordia“ ins Leben gerufen.

 

Mehr als 200.000 Menschen kamen während des guatemaltekischen Bürgerkriegs zwischen 1960 und 1996 ums Leben, davon über 80 Prozent Angehörige indigener Gruppen. Schätzungsweise 45.000 Personen verschwanden wie Luis de Lión spurlos. Memoria Virtual Guatemala (Virtuelle Erinnerung Guatemala) schafft erstmals einen Ort, der die Geschehnisse des Bürgerkriegs umfassend dokumentiert und der Opfer gedenkt.

Denn selbst nach zwanzig Jahren wurden die Verbrechen aus der Zeit des Bürgerkriegs kaum aufgearbeitet. Die Verantwortlichen wurden zum großen Teil weder identifiziert noch verurteilt. Die Opfer erhielten keine Wiedergutmachung und viele Menschen sind bis heute traumatisiert. Das Portal soll helfen, die Aufarbeitung der Erlebnisse zu ermöglichen.

Die im Portal enthaltene Biblioteca de la Memoria, die Erinnerungsbibliothek, stellt neben Büchern, Fotos und Videos über die Geschichte des Bürgerkriegs auch Originaldokumente aus jener Zeit bereit. Darunter befindet sich auch ein Heft, in dem das Schicksal des Schriftstellers Luis de Lión verzeichnet ist. 183 Namen werden in diesem Heft genannt. Alles Personen, die in den Jahren 1983 bis 1985 verschwunden sind. Enthalten sind verschlüsselte Beschreibungen über Form, Tag und Uhrzeit ihres Verschwindens und ihrer Ermordung.

Das Heft gilt als Beleg dafür, dass staatliche Sicherheitskräfte für das Verschwinden und den Tod dieser Menschen verantwortlich waren. Die Originaldokumente sind wichtig für die juristische Aufarbeitung der Gräuel. Und sie geben den Hinterbliebenen endlich eine Antwort auf die quälende Frage, was damals passiert ist. Luis de Lión wurde am 15. Mai 1984 um 17:00 Uhr in der 2. Avenida und 11 Straße in der Zone 1 der Hauptstadt entführt. 21 Tage später, am 5. Juni 1984, wurde er getötet.

Mapas de la Memoria, ein weiterer Bestandteil des Portals, macht die bereits vorhandenen Bemühungen der Aufarbeitung sichtbar. Auf erläuterten Landkarten werden Erinnerungsstätten, Gedenksteine und diejenigen Orte verzeichnet, an denen Menschen getötet wurden oder spurlos verschwanden. Auch ein Blog sowie eine historische Zeitachse mit Fotos und Zeitungsartikeln auf Facebook gehören zum Projekt.

„Es ist ein Zukunftsprojekt“, sagt Julio Solórzano Foppa, Direktor des ZFD-Partners Memorial para la Concordia. „Wir wollen uns daran beteiligen eine neue Gesellschaft zu gestalten. Eine Gesellschaft, die ihre Probleme anders löst, als dies während des Bürgerkrieges geschehen ist. Wir tun dies, indem wir darüber informieren, was in unserem Land passiert ist. Wir unterstützen dabei, die Geschichte zu verstehen und die aktuelle Situation in Guatemala zu analysieren. Ein Großteil der heutigen Probleme hat seinen Ursprung in der Vergangenheit. Denn nach 20 Jahren ist noch immer kein Frieden.“

Insgesamt haben sich bereits 25 staatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen dem Projekt Memoria Virtual Guatemala angeschlossen, um ihre Bemühungen zur Aufarbeitung der Vergangenheit zu bündeln. Der ZFD unterstützt sie dabei.

(Quelle: Verena Krautter, ZFD-Fachkraft in Guatemala)