Guatemala: Gegen das Vergessen

16.8.2018

Vor kurzem wurde das Erinnerungszentrum „Monseñor Juan Gerardi“ mit einer feierlichen Zeremonie eröffnet. Es dient der Aufarbeitung der gewaltvollen Vergangenheit. Aufgebaut wurde das Zentrum vom Menschenrechtsbüro des Erzbistums Guatemala-Stadt mit Unterstützung des ZFD.

Das Erinnerungszentrum „Monseñor Juan Gerardi“ bietet einen großen Fundus an Materialien zur Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit. Mehrere tausend Fachbücher, Fotos, Audiodateien und Videos stehen nun auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Herzstück des Zentrums bilden die mehr als 6.000 Zeitzeugenberichte von Überlebenden des gewaltsam ausgetragenen Konflikts. Das Zentrum richtet sich insbesondere an die jüngere Generation. Sie soll hier Interesse und Gelegenheit finden, sich mit der Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. Außerdem werden in Zukunft Forschungsarbeiten von Studierenden nationaler und internationaler Universitäten gefördert, die sich der Aufarbeitung der Vergangenheit widmen.

Vergangenheitsarbeit ist eine wichtige Voraussetzung für den Neustart einer Nachkriegsgesellschaft in eine friedliche Zukunft. In Guatemala jedoch wurden die während des Bürgerkriegs (1960-1996) verübten Verbrechen nur unzureichend aufgearbeitet. Die Verantwortlichen wurden zum großen Teil weder identifiziert noch verurteilt. Die Opfer erhielten keine Wiedergutmachung. Viele Menschen sind bis heute traumatisiert, da die erlebten Gräuel genauso wenig aufgearbeitet wurden. Solange die Ereignisse von damals wie ein Schatten auf der Gesellschaft liegen, kann in Guatemala kein Frieden wachsen – selbst wenn die strukturellen Konfliktursachen, die ebenfalls weiterhin bestehen, überwunden würden. Das Erinnerungszentrum „Monseñor Juan Gerardi“ will daher einen Beitrag zur Aufarbeitung der gewaltbelasteten Vergangenheit leisten.

Der Name des Ende April 2018 eröffneten Zentrums erinnert an den ehemaligen Erzbischof Monseñor Juan Gerardi. Dieser leitete das bis zu seiner Ermordung vor zwanzig Jahren interdiözesane Projekt zur Widererlangung des historischen Gedächtnisses (REMHI – Recuperación de la Memoria Histórica). Die Projektmitarbeitenden haben zwischen 1995 und 1998 tausende Gespräche mit Überlebenden geführt, aufgenommen und aufgeschrieben. 1998 veröffentlichte das REMHI den Bericht „Guatemala Nunca Más“ (Guatemala Nie Wieder), der die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen während des bewaffneten Konflikts in Guatemala offensiv anspricht. Erzbischof und Projektleiter Monseñor Juan Gerardi wurde zwei Tage nach Veröffentlichung des Berichts im Eingang seiner Residenz ermordet. Das Zentrum trägt dazu bei, sein Vermächtnis zu bewahren. Die vom Projekt erfassten Zeitzeugenberichte bilden nach wie vor eine wichtige Grundlage der Vergangenheitsarbeit – und haben nun im Erinnerungszentrum „Monseñor Juan Gerardi“ einen würdigen Platz gefunden.


Mehr Informationen zum Menschenrechtsbüro der Erzdiözese Guatemala-Stadt: www.odhag.org.gt
Mehr über das interdiözesane Projekt REMHI: www.remhi.org.gt/portal/

Foto: ODHAG