Corona-Pandemie: Zwischen Solidarität und Spannungen

18.6.2020

In Myanmar ist angesichts der COVID-19-Pandemie ein hohes Maß an Solidarität unter der Bevölkerung zu beobachten. Auch die ZFD-Partnerorganisation MPYA engagiert sich derzeit vor allem in der gesundheitlichen Aufklärung und Nothilfe. MPYA verliert aber auch die anderen dringlichen Themen im Land nicht aus den Augen. Das ist umso wichtiger, da angesichts der Pandemie mancherorts interethnische und interreligiöse Spannungen zunehmen, in Teilen auch die Repressionen von staatlicher Seite.

Myanmar: Zwischen Solidarität und Spannungen

Die Jahrzehnte der Unterdrückung durch das Militärregime und immer wieder auftretende Naturkatastrophen haben den Menschen in Myanmar viel abverlangt. Trotz des erfahrenen Leids hat sie das in ihrer Resilienz in gewisser Weise gestärkt. Das kommt ihnen auch in Zeiten von COVID-19 zugute. „Die Menschen in Myanmar sind unheimlich flexibel und passen sich schnell an neue Umstände an“, sagt Jella Fink, ZFD-Landeskoordinatorin in Myanmar. „Sie handeln pragmatisch: sie organisieren sich in gemeinnützigen Organisationen und Freiwilligengruppen. Das Geben ist tief in den sozialen und religiösen Strukturen verwurzelt.“ So kamen angesichts der Auswirkungen der Pandemie und des am 10. April verhängten Lockdowns in kurzer Zeit viele Sach- und Lebensmittelspenden für Bedürftige zusammen. In den Städten sind vielerorts improvisierte Waschmöglichkeiten im öffentlichen Raum entstanden. Ganz selbstverständlich tragen die meisten seit Beginn der Pandemie in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz und halten Abstand so gut es geht.

Auf der anderen Seite trägt die Corona-Pandemie dazu bei, manche Konflikte zu verschärfen. Die Ablehnung der Militärdiktatur war für die Menschen in Myanmar ein verbindendes Element. Mit Beginn der Demokratisierung sind alte Konfliktherde aufgebrochen. Interethnische und interreligiöse Spannungen haben wieder zugenommen. Soziale Ungerechtigkeit, Armut, Konkurrenz um Ressourcen wie auch die Schatten der Vergangenheit bergen ein großes Konfliktpotential in sich. Die Corona-Krise erhöht den Druck. Die Einschränkungen der Handelsbeziehungen und der Bewegungsfreiheit haben gravierende Konsequenzen für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Für die vielen Arbeitskräfte im informellen Sektor, aber auch für jene, die unmittelbar im Exportgeschäft wie etwa der Bekleidungsindustrie arbeiten, birgt der Lockdown eine existentielle Gefahr.

Myanmars Regierung und das weiterhin einflussreiche Militär tragen nur bedingt dazu bei, die Lage zu entspannen. Zwar hat sich das Militär Mitte Mai zu einem Waffenstillstand bis Ende August 2020 bereiterklärt, um den Weg für eine wirksame COVID-19-Vorsorge freizumachen – dies gilt allerdings nicht für alle Regionen des Landes, so zum Beispiel nicht für den Rakhine- und den Chin-Staat. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat das Militär seine Kampfhandlungen in beiden Regionen seit Aufkommen der Corona-Pandemie sogar verstärkt. Die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in Myanmar Yanghee Lee wirft dem Militär Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Außerdem sind weitere Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit zu beklagen, was auch die gesundheitliche Aufklärung bezüglich COVID-19 erschwert. So warnt beispielsweise die Deutsche Welle: „Vermehrte Verhaftungen von Journalisten, die teilweise Abschaltung des Internets und die zunehmende Blockade von Webseiten belegen, dass die Liberalisierung der Presse Myanmars in Gefahr ist.“ Bereits Anfang April hatte ein breites Bündnis aus über 250 zivilgesellschaftlichen Organisationen die Regierung in einem offenen Brief aufgefordert, die Corona-Krise nicht dazu zu missbrauchen, die Pressefreiheit einzuschränken. Auch die ZFD-Partnerorganisation „Mong Pan Youth Association“ (MPYA) war unter den Unterzeichnenden.

ZFD-Partner MPYA: The Power of Youth to Create Positive Change

Die 2013 gegründete Organisation MPYA (be)stärkt junge Erwachsene darin, sich aktiver für Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Mit Veranstaltungen, Workshops und Öffentlichkeitsarbeit werden sie wachgerüttelt, mit Ausbildungen in Sozialarbeit sowie Trainings in Führung und Interessenvertretung werden sie dazu befähigt. Da die regulären Projektaktivitäten derzeit nur mit Einschränkungen umsetzbar sind, engagieren sich die Mitarbeitenden der MPYA auch darin, die Verbreitung von COVID-19 und die Folgen des Lockdowns zu mindern. „Unsere Partnerorganisation Mong Pan Youth Association hat früh Präventionsmaßnahmen entwickelt“, sagt Jella Fink. „Sie hat Aufklärungsmaterialien produziert, Spendenmittel für die lokale Bevölkerung eingeworben und Desinfektionsmittel verteilt. Zudem hat sie eine Video-Anleitung zur Herstellung von Handdesinfektionsmittel in drei lokalen Sprachen produziert. Das ist insofern wichtig, da Waschmöglichkeiten in der Öffentlichkeit selten sind und an vielen Orten Wasserknappheit herrscht.“ 

Durch das breite Netzwerk von MPYA-Alumni werden auch abgelegene Gemeinden im Shan-Staat erreicht. Vor Ort wird die Bevölkerung über die wesentlichen Schritte informiert, die Verbreitung des Virus zu verhindern und wie mit infizierten Personen umzugehen ist. In Abstimmung mit den lokalen Behörden werden die besonders schutzbedürftigen Gemeindemitglieder mit den gesammelten Sach- und Lebensmittelspenden bedacht – bevor die staatliche Unterstützung greift. Auch einigen Krankenhäuser und Gemeindekliniken konnte Schutzausrüstung (Masken, Handschuhe, PSA, Desinfektionsmittel) ausgehändigt werden. MPYA leistet einen wichtigen Beitrag zur COVID-19-Prävention und hilft auch, die wirtschaftlichen Folgen für Familien in prekären Verhältnissen abzufedern, bekräftigt Jella Fink. „MPYA hilft damit, eine wichtige Lücke zu schließen, da die Informations- und Gesundheitversorgung in Myanmar bereits vor COVID-19 in bedenklichem Zustand war.“

Eine digitale Arbeitsgruppe aus dem MPYA-Alumni-Netzwerk komponierte und produzierte außerdem gemeinsam ein Lied inklusive Musikvideo, das die Präventionsarbeit unterstützt. Vor allem ruft das Lied zum Mitmachen und Durchhalten auf. „We will meet again...“ ist der Titel des Songs, auf Birmanisch: ပြန်ဆုံကြစို့... Hier geht's zum Musikvideo

Doch obwohl die Corona-Pandemie vieles andere in den Hintergrund rückt, bleibt MPYA weiterhin wachsam für die sonstigen Entwicklungen im Land. Via Facebook hält die Organisation die Menschen auch in Sachen Menschenrechte, Umweltschutz und unberechtigte Landnahme auf dem Laufenden.
Hier geht es zum MPYA-Facebook-Profil.

Mehr über die Arbeit des ZFD in Myanmar erfahren Sie in unserer Projektdatenbank.

 

Fotos: Mong Pan Youth Association (@MPYA)