Corona-Pandemie: Unrecht wird verschärft

13.8.2020

Wie in vielen anderen Ländern nehmen auch in Guatemala bestehende Schwierigkeiten durch COVID-19 an Dringlichkeit zu. „Erneut sind die Menschen, insbesondere Maya und Frauen, am meisten von der Pandemie betroffen, die historisch ausgegrenzt und diskriminiert werden“, beobachtet ZFD-Fachkraft Karolin Loch. Im Interview erzählt sie, welche Probleme die Pandemie verschärft, und wie sie ihre Arbeit in der Gedenkstätte Kaji Tulam aufrechterhält.

Karolin Loch arbeitet seit 2018 bei der Menschenrechtsorganisation Centro para la Acción Legal en Derechos Humanos (CALDH) in Guatemala-Stadt. Mit ihren guatemaltekischen Kolleginnen und Kollegen begleitet die Erziehungswissenschaftlerin in der Casa de la Memoria „Kaji Tulam“ (Kaji-Tulam-Gedenkstätte) Lehrkräfte und Jugendliche dabei, sich die Inhalte des Hauses zu erschließen. Die Gedenkstätte ist ein öffentlicher Raum der Begegnung und Wissensvermittlung, der an das Leben und Wirken der indigenen Bevölkerung Guatemalas und ihre Unterdrückung erinnert. Karolin Loch erzählt, wie der Raum der (physischen) Begegnung unter den neuen Bedingungen funktioniert:

„Zunächst wirkte die Aufregung um dieses neuartige Virus auf mich als Ganzes doch recht übertrieben. Verstärkt wurde dies durch Posts von Freunden, die die weltweite tödliche Gewalt gegen Frauen betonten, die deutlich mehr Opfer gefordert hatte, als das unbekannte Virus. Erst als europäische Länder strikte Ausgangssperren verkündeten und unsere Arbeit ins Home-Office verlegt wurde, wurde mir das Ausmaß klar: In Zentralamerika würden viele Menschen nicht nur gesundheitlich betroffen, sondern ihre prekären Lebenssituationen weiter verschlechtert werden.“

Kreativität und Expertise sind gefragt, damit die Arbeit weitergehen kann

Karolin Loch beschreibt, wie sie und das Team der Partnerorganisation sich nach dem ersten Schrecken rasch organisierten: „Nach anfänglicher Schockstarre, war meinen Kolleginnen und Kollegen und mir schnell klar, dass nun Einfallsreichtum und Kreativität gefragt sind. Darin sind die Leute hier Meister. Wir planten einen ersten Online-Workshop mit den Lehrerinnen und Lehrern, mit denen wir im Museum Kaji Tulam zum Thema Erinnerungspädagogik arbeiten. Durch den Erfolg ermutigt, gehen wir nun mit zusätzlichen Onlineworkshops auf die aktuellen Bedürfnisse der Lehrkräfte durch die Corona-Krise ein.“

Es wurde auch eine Umfrage mit Lehrenden und Freiwilligen sowie jugendlichen Ausstellungsbegleiterinnen und -beleitern des Museums durchgeführt. „Sie zeigte, wie vielfältig deren Bedürfnisse sind“, sagt Karoline Loch. „Es ging um gesundheitliche Sorgen bezüglich des Virus, aber auch um die pädagogische Arbeit mit Schülerinnen und Schülern in der Distanz, wenn diese kaum Zugang zu digitalen Medien haben. Mindestens ebenso wichtig waren die alltäglichen Fragen des Überlebens.“

Die Auswertung verdeutlichte, wie stark junge Menschen von der Pandemie auf emotionaler Ebene und den Folgen des ‚social distancings‘ betroffen sind. „Daraufhin organisierten wir im Rahmen des ZFD-Projektes Workshops für die Lehrenden und Museumsbegleiterinnen und -begleitern zum Thema Selbstfürsorge“, erklärt die ZFD-Fachkraft. „In den Kursen erlernten sie Methoden, die helfen mit den emotionalen Herausforderungen dieser besonderen Zeit umzugehen.“

Pandemie trifft jene am stärksten, denen es ohnehin am schlechtesten geht

CALDH organisierte zudem humanitäre Hilfe mit Lebensmittelpaketen für die besonders betroffenen Personen der Zielgruppe. Aber auch online unterstützen der ZFD und sein Partner die Bevölkerung dabei, während der Krise gut informiert und handlungsfähig zu bleiben. „Unsere Idee ist es, den Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmern Internetplattformen zugänglich zu machen, so dass sie sich untereinander gegenseitig unterstützen können. Mit mehrstündigen Online-Dialogen wollen wir die aktuelle Situation und die Folgen der Pandemie in Guatemala reflektieren, um angemessen reagieren zu können“, sagt Loch und weist darauf hin, dass die Pandemie auch in Guatemala diejenigen am härtesten triff, die es sowieso schon schwer genug haben: „Erneut sind die Menschen, insbesondere die Maya und Frauen, am meisten von der Pandemie betroffen, die historisch in Guatemala ausgegrenzt und rassistisch diskriminiert wurden und werden.“

Die Verbindung zum Projektthema Erinnerungspädagogik der Casa de la Memoria besteht weiterhin, auch wenn es momentan nur online geht. An der Nacht der Museen nahm CALDH mit einem Video teil, das durch das Museum führt. Es ist nun auf der Webseite zu sehen. Ein großer Wunsch wäre nun eine 360-Grad-Ausstellung des Museums im Internet, die durch weitere Unterstützung von AGIAMONDO und dem ZFD wahr werden könnte. Bis dahin geht es weiter, so gut es geht: „Das Alltagsgeschäft halten wir neben dem Administrativen mit konzeptuellen Diskussionen und dem Kontakt zu den Zielgruppen aufrecht. Doch wenn man nicht gemeinsam in demselben Büro arbeitet, dauert alles viel länger“, sagt Karoline Loch. „Wir motivieren uns jeden Tag mit neuen ‚Animos‘ (deutsch: Motivationen) – im tiefen Wissen, dass wir zu den Privilegierten in dieser Situation zählen.“


Das Casa de la Memoria „Kaji Tulam“ in Guatemala-Stadt erinnert seit 2014 als öffentlicher Raum der Begegnung und Wissensvermittlung an das Leben und Wirken der indigenen Bevölkerung Guatemalas und die Geschichte ihrer Unterdrückung. Die Gedenkstätte wird von der Menschenrechtsorganisation Centro para la Acción Legal en Derechos Humanos (CALDH, in etwa: Zentrum für juristische Aktionen für die Menschenrechte) betrieben. In Partnerschaft mit CALDH arbeitet ZFD-Fachkraft Karolin Loch daran, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Schülerinnen und Schüler die Inhalte des Hauses zu vermitteln und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Einen Bericht über die Arbeit der Casa de la Memoria finden Sie in der aktuellen contacts 01/20 (S. 18-21), dem Magazin des ZFD-Trägers AGIAMONDO.

 

Fotos: CALDH und Karolin Loch; Quelle: Karolin Loch/Ursula Radermacher/AGIAMONDO