Corona-Pandemie: Mit vereinten Kräften

3.9.2020

Die letzte Epidemie ist in Liberia erst wenige Jahre her. 2014–2015 infizierten sich Tausende mit dem Ebola-Virus, auch, weil sie Übertragungswege und Schutzmaßnahmen nicht kannten. Um zu verhindern, dass dies in der Corona-Krise erneut geschieht, haben sich die Mitglieder des ZFD-Netzwerks vor Ort zusammengeschlossen. Ziel ist es, die Menschen für COVID-19 zu sensibilisieren, damit sie sich selbst und andere schützen können.

Obwohl es im Mikrofon des Aufnahmestudios immer wieder knackt und rauscht, ist die Botschaft von Ordensschwester Dr. Barbara Brillant klar zu verstehen. Wie viele andere Expertinnen, Experten und Fachleute zuvor, ist die Direktorin des Mother Patern Colleges für Ge­sundheitswissenschaften (MPCHS) heute im Gespräch bei Radio ELBC Monrovia, um die Aufklärung der liberianischen Bevölkerung rund um COVID-19 zu unterstützen. In der Sendung geht es um Gesundheitsfürsorge. „Wenn wir lernen möchten, wie wir mit etwas leben können, müssen wir es kennenlernen“, sagt Brillant mit fester Stimme. „Wir müssen Verantwortung übernehmen und dürfen das Problem nicht ignorieren, denn es betrifft uns alle.“

Informationen kommen in der Lebensrealität nicht an

Es ist ein Appell, den in Liberia bislang zu wenige Menschen wahrgenommen haben. Denn seit im März 2020 der erste Fall der neuartigen Lungenkrankheit COVID-19 auftrat, steigen die Infektionszahlen trotz strikter Ausgangsbeschränkungen stetig an. Den Grund dafür sehen Marion Koerbel, Koordinatorin des ZFD-Landesprogramms von AGIAMONDO, und andere Kolleginnen und Kollegen unter anderem in der Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung. „Viele Informationen zum Infektionsschutz erreichen die Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten nicht“, sagt Koerbel. Das habe verschiedene Ursachen. Nachrichtenaustausch funktioniere hauptsächlich über Radio, soziale Netzwerke oder Mundpropaganda, weniger über Fernsehen oder die Tageszeitung, wo neue Präventionsmaßnahmen veröffentlicht werden. Auch seien die Informationen häufig viel zu komplex und für normale Bürger schwer verständlich.

Erfahrung und Expertise zusammenbringen

„Diese Diskrepanz hat schon während der Ebola-Krise 2014–2015 dazu geführt, dass die Menschen in den Gemeinden oft nicht wussten, was vor sich geht und wie sie sich schützen können“, so Koerbel. In Monrovia endete dies zum Teil in gewaltsamen Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften, weil Bewohnerinnen und Bewohner in Unkenntnis und aus Angst vor einem Versorgungsnotstand trotz Quarantäneanordnung auf den Marktplätzen unterwegs waren.

Um solche Szenarien zu verhindern, war den Trägerorganisationen des ZFD in Liberia, Brot für die Welt und AGIAMONDO, sowie ihren 16 lokalen Partnerorganisationen nach Auftreten des Coronavirus sofort klar, dass hier etwas geschehen muss. „Die meisten von uns hatten bereits Erfahrung im Umgang mit Infektionsschutz aus der Zeit der Ebola-Krise“, sagt Koerbel. „Durch die Bandbreite an Partnern und ihre Expertise, konnten wir zudem umfangreiches Fachwissen aus den Bereichen Konflikttransformation, Gesundheitsvorsorge, Bildung oder psychosoziale Beratung zusammenbringen und in einer Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Bevölkerung bündeln.“

Kommunikation, die verstanden wird

Ziel sollte sein, auf einfache und verständliche Weise zu erklären, was das Coronavirus ist, wie man sich davor schützen kann und welche Möglichkeiten es gibt, bereits Infizierten zu helfen. Die Planung der entsprechenden Maßnahmen übernahm bald eine Kerngruppe, die über Strom und die notwendige technische Ausrüstung verfügte, um sich per Video-Konferenz im Internet zu besprechen. Anschließend wurden alle Beschlüsse und Aufgaben per E-Mail an den Gruppenverteiler weitergeleitet.

Unter Leitung von Professor Debey T. Sayndees übernahm das Kofi Annan Institut für Konflikttransformation (KAICT) an der Universität von Liberia die Aufbereitung der komplexen Informationen zu einfach formulierten Thesen und Erklärungen, die den Menschen per Broschüre und Flyer zugänglich gemacht werden sollten. Sr. Dr. Barbara Brillant vom Mother Patern College für Gesundheitswissenschaften stellte der Gruppe Lehrkräfte für medizinisches Fachwissen zur Seite. Die Partnerorganisation Youth Crime Watch Liberia (YCWL) organisierte einen Grafiker für das Layout der erstellten Inhalte.

Mit starker Stimme im Radio

„Dieses Material haben wir in der Hauptstadt Monrovia und den umliegenden Gemeinden verteilt und tun es noch“, berichtet Marion Koerbel. Um die Menschen darüber hinaus zu erreichen, plant und organisiert das Netzwerk an drei Tagen der Woche Radiosendungen, in denen Expertinnen und Experten wie Sr. Barbara Brillant die Bevölkerung über die Pandemie aufklären und für präventives Verhalten sensibilisieren sollen. Dabei geht es auch um Deeskalation, denn in der Krise kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Bürgerinnen, Bürgern und Sicherheitskräften.

Es brauche eine Atmosphäre, in der die Menschen verstehen, dass es um ihre eigene Gesundheit geht, erläutert Professor T. Sayndee vom KAICT in einer Radiosendung zu Konflikttransformation in Zeiten von COVID-19. Die Art und Weise, wie die Polizei arbeite, kreiere jedoch eher Widerstand in der Bevölkerung. „Wir möchten dazu beitragen, dass alle Beteiligten das Gefühl bekommen, gemeinsam und nicht gegeneinander an der Gesundheit des Landes mitzuarbeiten.“

Trost und Solidarität in der Krise

Wenn durch Ausgangssperren und Kontaktverbote Existenzen bedroht sind, ist die Anspannung jedoch groß. In Liberia lebt die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Geld für Vorratskäufe gibt es nicht. „Das macht es schwierig für die Menschen, zu Hause zu bleiben“, sagt Rev. Fr. Sumo-Varfee Molubah. Der Leiter des katholischen Bildungssekretariats der Erzdiözese Monrovia betreut 27 Schulen, die nun geschlossen sind. 1.100 Angestellte erhalten aufgrund fehlender Schulgeldzahlungen kein Gehalt mehr. „Viele kommen zu mir und bitten um Unterstützung“, sagt Molubah. Aber es sei einfach kein Geld da. Was er geben kann ist Trost – und den Rat, sich an die Präventionsmaßnahmen zu halten.

Dafür arbeitet Rev. Molubah eng mit Manfred Rink zusammen. Normalerweise zuständig für Weiterbildungen in psychosozialer Beratung, stehen derzeit Virenkunde und Infektionsschutz auf dem Lehrplan der ZFD-Fachkraft. Es sind Themen, die Rink als ehemaliger Koordinator des ZFD-Landesprogramms in Sierra Leone aus der Zeit der Ebola-Epidemie gut kennt. Nun gibt er seine Erfahrung an liberianisches Schulpersonal, aber auch an Gemeindepriester weiter. Die gemeinsame Arbeit in der Krise stärke das Gemeinschaftsgefühl, sagt er. Es entstehe eine enge Verbindung, ein Gefühl von Wärme, neben all den Herausforderungen. Dass an dieser Verbindung im ZFD-Netzwerk so viele Organisationen mitwirken, um die Menschen in der Pandemie zu schützen, sei etwas ganz Besonderes. Und das motiviere ihn sehr.


ZFD-Landesprogramm Liberia – schwache Strukturen stärken

Liberia hat viele Krisen erlebt. Der Bürgerkrieg und zuletzt die Ebola-Epidemie 2014–2015 haben die ohnehin fragilen Strukturen des Landes stark belastet. Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert, Wasser- und Stromversorgung nur unzureichend ausgebaut, was die Bewältigung der Corona-Pandemie enorm erschwert. Die Schließung der Bildungseinrichtungen verschärft das Problem: Das allgemein niedrige Bildungsniveau sinkt weiter, häusliche Gewalt nimmt zu. Mit Projekten zur Integration marginalisierter Bevölkerungsgruppen und zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit unterstützt das ZFD-Landesprogramm seine Partnerorganisationen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen.

 

Dieser Bericht ist der aktuellen contacts 02/20 (S. 13-15), dem Magazin des ZFD-Trägers AGIAMONDO, entnommen. Text: Marion Koerbel, EH; Fotos: Fr. Sumo-Varfee Molubah, AGIAMONDO/Marion Koerbel; Abbildungen: CPS Liberia Platform